Die Welt ist in Bezug auf Algorithmen und künstliche Intelligenz in drei Lager gespalten. Im ersten Lager verfügen die Vereinigten Staaten dank ihres Pionierstatus über eine enorme Dominanz. Die großen Technologieunternehmen im Silicon Valley bestimmen, in welche Richtung sich KI-Technologien entwickeln und was Algorithmen leisten können. Dabei verfolgen sie den Ansatz: „Erst einmal machen und die auftretenden Probleme später beheben.“ China hingegen entwickelt KI und Algorithmen in einem geschlossenen digitalen System unter Nutzung der riesigen Datenmengen seiner Bürger schneller als erwartet. Ihr Leitgedanke lautet: „Wir lokalisieren die Technologie und entwerfen mithilfe der großen Datenmengen, die uns zur Verfügung stehen, fortschrittlichere Algorithmen.“ Die Europäische Union verfolgt im Vergleich zu den beiden anderen Akteuren, die sehr schnell agieren, eine eher „konservative“ Politik. Sie erkennt eine administrative und regulatorische Lücke im Bereich der KI-Technologien und Algorithmen. Ihr Ansatz ist: „Lassen Sie uns zuerst die Regeln und Vorschriften festlegen und dann die Technologien nutzen lassen.“
Mit genau diesem Ansatz hat die Europäische Union gehandelt, um diese große Lücke in der digitalen Welt zu schließen, und das Europäische Zentrum für algorithmische Transparenz (The European Centre for Algorithmic Transparency – ECAT) gegründet. Dieses Zentrum hat die Aufgabe, die unsichtbaren Algorithmen von Plattformen zu prüfen und deren gesellschaftliche Auswirkungen zu untersuchen. Ziel ist es, die Funktionsweise dieser „Black Boxes“, die überall – von sozialen Medien bis hin zu Suchmaschinen – im Einsatz sind, offenzulegen und die Öffentlichkeit zu sensibilisieren.
Wie die Europäische Kommission bekannt gab, arbeitet das ECAT insbesondere im Rahmen des Gesetzes über digitale Dienste (Digital Services Act, DSA). Das bedeutet, dass die Inhaltsranglisten, Empfehlungsalgorithmen und Inhaltsmoderationssysteme großer Online-Plattformen von hier aus unabhängig untersucht werden können. Transparenz wird sich nicht nur auf technische Berichte beschränken; auch die Frage, wie diese Algorithmen gesellschaftliche Risiken wie die psychische Gesundheit junger Menschen, Radikalisierungstendenzen und Desinformation auslösen, wird auf den Prüfstand gestellt. Wie auf der Website der Europäischen Kommission betont wird, wird das Zentrum diese Systeme auf „für die Gesellschaft riskante Verhaltensmuster“ hin untersuchen.
Wie in einem Bericht von TechCrunch erwähnt, fordert Europa mit diesem Schritt nicht nur mehr Rechenschaftspflicht von Technologieunternehmen, sondern zielt auch darauf ab, Entscheidungsprozesse offenzulegen, die das Leben der Nutzer direkt beeinflussen. Dies wird als einer der ernsthaftesten Schritte Europas in Bezug auf die „digitale Ordnung“ angesehen.
Natürlich gibt es auch Diskussionen. Wie Reuters in den vergangenen Monaten berichtete, könnten Technologiegiganten versuchen, diese Transparenzforderungen mit dem Argument von „Geschäftsgeheimnissen“ einzuschränken. Zudem ist die Frage, wie sich diese Transparenz auf die Öffentlichkeit auswirkt, kritisch: Selbst wenn technische Berichte verfasst werden, könnten diese, sofern sie nicht in einfacher Sprache vermittelt werden, lediglich Dokumente bleiben, die nur von Akademikern und Bürokraten verstanden werden. Das heißt, die Frage nach der Transparenz bringt auch die Frage mit sich: „Für wen?“
Betrachtet man die Situation aus der Perspektive der Türkei, ist das Bild komplexer. Bei uns gibt es noch kein unabhängiges Zentrum, das Algorithmen systematisch untersuchen könnte. Dabei führt das Unwissen darüber, wie Empfehlungssysteme in sozialen Medien funktionieren, zur Verschärfung vieler Probleme, von Desinformation bis hin zu Hassrede. Dieser in Europa vollzogene Schritt lässt mich die Frage stellen: „Ist ein ähnlicher Transparenzmechanismus auch bei uns möglich?“
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das ECAT nicht nur für Europa, sondern für die ganze Welt ein „Modell mit Vorbildcharakter“ darstellt. Denn Algorithmen, die unsichtbaren Akteure unseres digitalen Lebens, sind nicht mehr nur die Black Boxes von Technologieunternehmen, sondern zu einem Gegenstand gesellschaftlicher Kontrolle geworden. Der von Europa eingeschlagene Weg sollte auch in Ländern wie der Türkei als Inspiration für Regelungen dienen, die das öffentliche Interesse in den Vordergrund stellen.
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