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'Das Timing ist bezeichnend'

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Wenn das Recht politisiert wird, wird alles politisiert. Alles erhält eine politische Bedeutung. Ein bestimmtes Schweigen, eine bestimmte Äußerung, eine Geste oder Mimik wird als eine abgestimmte, geplante politische Handlung interpretiert. 

Wenn dann noch eine Polarisierung hinzukommt, wird die Lage kompliziert. Dass sich ein bestimmter Politiker zu einem bestimmten Ereignis äußert oder nicht, einen Tweet absetzt oder eben nicht, wird als 'bezeichnend' wahrgenommen. 

Jede Verhaftung, jede Ingewahrsamnahme, jede Gerichtsentscheidung, jede Anordnung... All dies wird als eine Handlung mit bezeichnendem Timing betrachtet. 

Je nachdem, welchem Lager man angehört, interpretiert man dasselbe Ereignis unterschiedlich. Manchmal interpretiert man zu viel hinein. Am Ende kommt noch die Lynchkultur hinzu. 

Die Reaktionen oder das Ausbleiben von Reaktionen einiger Komiker und Intellektueller werden als Grund für Verurteilungen und Lynchjustiz angesehen. 

Es entsteht eine für unser Land spezifische 'Cancel Culture'. 

Jedes Subjekt sieht sich gezwungen, an bestimmten Tagen und Wochen Stellung zu beziehen, gezwungen, Tweets zu schreiben. Am Ende wird es darauf hinauslaufen, dass man nur noch Tweets schreibt, um seine Pflicht zu erfüllen und nicht gelyncht zu werden. Welchen Sinn hätte das dann noch? 

Wenn wir nicht die Macht haben, die tatsächliche Situation oder die Realität zu ändern, konzentrieren wir uns auf das Narrativ, auf die Reaktion oder das Fehlen einer solchen. Wir lassen unseren Frust an den Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung aus. 

Anstatt die Taktik zu verfolgen, Freunde zu gewinnen und Feinde zu reduzieren, lynchen wir unsere Nächsten, weil sie nicht 'ausreichend' oder 'rechtzeitig' reagieren. Doch wem nützt das? 

Das extremste und absurdeste Beispiel dafür haben wir im Russland-Ukraine-Krieg gesehen. Der Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, Waleri Gergijew, hatte keine einzige Erklärung abgegeben, die den Krieg oder den russischen Vormarsch in der Ukraine unterstützte. Doch das reichte nicht aus. Er wurde entlassen, weil er seine Heimat Russland nicht verurteilte. 

In Italien wurden Beispiele aus der russischen Literatur aus den Lehrplänen der Schulen gestrichen. 

Um auf dem Schlachtfeld Ergebnisse zu erzielen, wurde das gesamte kulturelle Leben, jeder Ort, jeder noch so entlegene Winkel des Lebens in ein Schlachtfeld verwandelt. 

Ähnliches erleben wir an westlichen Universitäten in Bezug auf Genderfragen. Denjenigen, die nicht in der Lage sind, gegen Geschlechterdiskriminierung, Rassismus, soziale Gewalt, Kapitalismus und letztlich Imperialismus zu kämpfen, wird – fast so, als wolle man diesen Kampf verwässern – das Herumtrampeln auf Diskursen, Reaktionen und Gewohnheiten als Rezept präsentiert. Das Schlimme daran ist, dass die Massen dieses Angebot mit beiden Händen ergreifen. 

Möge Gott uns Verstand und Einsicht schenken. Ich hoffe, dass wir uns anstatt gegenseitig, unsere Angehörigen und potenziellen Freunde von uns zu stoßen, darauf ausrichten, die wirklichen Probleme und die Probleme selbst mit dem breitestmöglichen Konsens zu bekämpfen. 

Wer weiß... vielleicht ist auch das Timing meines Artikels bezeichnend. Vielleicht diene auch ich irgendjemandem.