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Die Tyrannei der Schulpflicht

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Die Schulpflicht in der Türkei hat zwei Dimensionen: 1) Man muss zwingend für einen bestimmten Zeitraum eine der Schulen besuchen, die unter der Aufsicht des Bildungsministeriums (MEB) stehen; 2) Diese Schulen müssen auch in Bezug auf den Lehrplan mit dem MEB kompatibel sein.

Mein Einwand richtet sich im Wesentlichen gegen den zweiten Punkt. Auf meinen Artikel in der vergangenen Woche habe ich zahlreiche Rückmeldungen erhalten. Die positiven lasse ich beiseite. Die zentrale Behauptung der negativen Rückmeldungen ist, dass durch die Schulpflicht verhindert wird, dass Kinder am Arbeitsmarkt teilnehmen (i), und dass Kindern, die im normalen Lebensverlauf keine Möglichkeit zum Lernen hätten, auf diese Weise Bildung ermöglicht wird (ii). In Bezug auf den Arbeitsmarkt stimme ich weitgehend zu.

Ein Kind, das nicht in die Schulpflicht einbezogen ist, befindet sich tatsächlich in einer ungleichen Lage gegenüber seinen Altersgenossen. Denn aufgrund der sozioökonomischen Struktur der Familie, in die es hineingeboren wurde, gibt es Kinder, die auch ohne Schulpflicht eine sehr gute Bildung erhalten könnten, aber eben auch solche, die genau deshalb eine grundlegende Bildung verpassen würden.

Die andere Dimension des Problems ist noch gravierender. Die Teilnahme an der Schulpflicht in ihrer jetzigen Form bedeutet, unsere Kinder einem System anzuvertrauen, das innerhalb des MEB festgelegt wurde, weitgehend dem Ermessen der politischen Führung unterliegt, aber im allgemeinsten Sinne von den Gedanken der Mehrheit der Gesellschaft geprägt ist. Es bedeutet, unsere Kinder einem halboffenen Gefängnis auszuliefern, das fernab von Wissenschaft, wissenschaftlichem Denken und einer nicht-religiösen Ethik ist, methodisch veraltet ist und dessen einzige positive Funktion darin besteht, unsere Kinder „in Sicherheit“ zu halten.

Diejenigen, die es sich leisten können, entziehen sich bereits dem Gymnasialprogramm des MEB und finden ihr Heil in IB-Programmen (International Baccalaureate). Auf diese Weise wird ihnen nicht nur das Universitätsstudium im Ausland erleichtert, sondern sie entkommen auch dem veralteten und schwachen Programm des MEB. Um ein Beispiel zu geben: Ein Schüler, der das Gymnasium mit einem IB-Programm abschließt, hat das erste Jahr eines Ingenieurstudiums bereits hinter sich oder ist in der Praxis des vertieften Lesens und Verfassens von Texten im Bereich der Sozialwissenschaften bereits weit fortgeschritten. Im MEB-Programm hingegen bleiben die Schüler selbst in einem unpolitischen Bereich wie der Mathematik weit zurück. Unsere Schüler sind in einem Bildungs- und Erziehungssystem gefangen, das sowohl in Bezug auf den Themenumfang als auch in der Art und Weise der Vermittlung veraltet ist.

Diejenigen, die über die Mittel verfügen, können auch in der Grundschulphase von einem anderen Bildungsmodell profitieren. In Schulen, die einen Weg finden, die Aufsicht des MEB zu passieren, können sie von einer moderneren Bildung profitieren. Doch auch hier geht es um das Image. Wir sehen uns mit P4C (Philosophy for Children) konfrontiert, das zwar nach außen hin modern wirkt, aber oft qualitativ minderwertige Philosophie-Kurse sind. Auch wenn es meilenweit vor den Inhalten liegt, die das MEB anbietet, herrscht auch hier eine Ungleichheit. Es gibt Schulen, die P4C sehr kompetent anwenden, aber es gibt auch solche, die unter dem Namen „P4C“ nur „herumalbern“.

Haben Sie jemals darüber nachgedacht? Warum läuft alles schief, sobald man in den Herrschaftsbereich des MEB eintritt, während unsere Kinder in Kindertagesstätten, die nicht dem MEB unterstehen, von Praktiken profitieren, die ihren westlichen Pendants in nichts nachstehen?

Im Herrschaftsbereich des MEB sind unsere Kinder neben religiöser und politischer Propaganda einem schrecklichen Bildungs- und Erziehungsklima sowie einem schrecklichen Bildungs- und Erziehungsverständnis ausgesetzt. Die Verantwortung, dabei zuzusehen, ist schwer. Diese Kinder werden erwachsen werden, und wir werden alle gemeinsam über ihre verschwendeten Jahre verzweifeln.

Das MEB zu korrigieren, erscheint heute utopisch. Daher erscheint das Ziel, Schulen zu gründen, in denen das MEB zumindest nicht im Weg steht, und diese Schulen am Leben zu erhalten, realistischer. Zudem: Warum sollte ein Recht zu einer Pflicht werden? Die Verfassung erkennt das Recht der Kinder auf Bildung und Erziehung an. Ist es uns zuzumuten, daraus die Notwendigkeit abzuleiten, kein anderes Bildungs- und Erziehungsverständnis zuzulassen und unsere Kinder diesem Verständnis zu opfern?