Am Ende eines jeden Jahres ziehen wir Bilanz über das, was wir erlebt, erfahren und gefühlt haben. Das Jahr 2023 war ein Jahr, das wir nicht so leicht vergessen werden, denn es war ein Jahr, in dem wir uns viele Fragen gestellt haben, auf die wir keine Antworten bekamen.
Gleich zu Beginn des Jahres, als wir gerade unsere Pläne schmieden wollten, erlebte die Türkei eine der größten Tragödien, die einem Land widerfahren können. Jener kalte, düstere Februarmorgen veränderte das Schicksal vieler Menschen für immer. Tausende Menschen verloren leider ihr Leben. Das Erdbeben mit dem Epizentrum in Kahramanmaraş erschütterte nicht nur unsere Seele, sondern unser gesamtes Dasein. Unter dem Eindruck des Schocks verstummten wir für eine Weile. Danach begannen wir uns folgende Fragen zu stellen: Wie konnte es dazu kommen, dass so viele unschuldige Menschen unter den Trümmern neuer Gebäude und luxuriöser Wohnanlagen ihr Leben ließen? Warum wurden Wissenschaftler nicht rechtzeitig gehört? Warum wurde so spät eingegriffen? Diese Fragen ließen sich noch weiter fortsetzen.
Besorgnis, Fassungslosigkeit, Angst und Wut waren Gefühle, die man jedem Bürger deutlich ansehen konnte. An jeder Straßenecke wurde nur über die Erdbebentragödie gesprochen. Plötzlich stiegen die Verkaufszahlen von Notfalltaschen für Erdbeben erheblich an. Die von Wissenschaftlern empfohlenen Pfeifen wurden überall dutzendfach verkauft, da eine Pfeife im Falle eines Erdbebens lebenswichtig sein kann. Sollte man unter den Trümmern begraben werden, kann man die Pfeife benutzen, um Rettungskräfte auf sich aufmerksam zu machen. "Sie verkaufen sehr viele Pfeifen, nicht wahr?", fragte ich neugierig einen Ladenbesitzer. "So ist es. Die Leute kaufen sie dutzendweise. Aber mein Kind, wir Türken haben ein schwaches Gedächtnis. Wir vergessen alles sehr schnell. Auch dieses Erdbeben werden wir vergessen", antwortete er mit melancholischem und traurigem Unterton. Ich sah ihn an und sagte mit einem tiefen Seufzer und Bedauern: "Auf Wiedersehen."
Dennoch war die Mobilisierung und Solidarität, die die Türken nach dem Erdbeben zeigten, eine Lektion in Menschlichkeit für die ganze Welt. Auch die Hilfe der Menschen aus dem Ausland war eine Lektion, die zeigte, dass die Menschlichkeit nicht tot ist. Aber dennoch waren wir von einem starken Gefühl der Hilflosigkeit und Schuld ergriffen! Wir wollten mehr helfen, konnten es aber nicht. Wir wollten verhindern, dass die Zahl der Toten steigt, aber wir haben es nicht geschafft! Wir wollten Recht und Gerechtigkeit sehen, aber wir haben sie nicht gesehen!
Im vergangenen Jahr haben wir fast zwei Jahre lang dieselben Gefühle erlebt, seit Beginn des Krieges zwischen Russland und der Ukraine, also jenem "Bruderkrieg", in dem sich zwei Völker mit gemeinsamer historischer Vergangenheit gegenseitig töten. Als Menschen wollen wir kein Blut, keinen Schrecken, keinen Tod und keine ähnlichen Statistiken mehr sehen.
Als ob der Krieg in der Ukraine nicht schon genug wäre, hat der Beginn des Krieges zwischen der Hamas und Israel einmal mehr gezeigt, wie grausam Menschen sein können. Während Gaza anfangs als "Freiluftgefängnis" bezeichnet wurde, hat sich dieses Stück Land innerhalb von zwei Monaten in einen "echten menschlichen Friedhof" verwandelt. Und wir Menschen haben angesichts der Tragödie, die unschuldige Menschen auf der einen oder anderen Seite des Konflikts erleben, erneut Hilflosigkeit verspürt.
Wir sind angesichts der Dutzenden bewaffneten Konflikte auf der Erde und der Naturkatastrophen, die durch die Rücksichtslosigkeit und Gier vieler Menschen verursacht werden, sehr machtlos. Wir werden Zeugen einer Zeit, in der die geopolitischen Bruchlinien der Welt neu ausgerichtet werden. Deshalb müssen wir im Fernsehen oder im Internet unerklärliche und unvorstellbare Szenen der Gewalt mit ansehen. Doch diese Szenen und Ereignisse führen dazu, dass wir uns extrem hilflos fühlen. Es ist schwer zu wissen, dass Ungerechtigkeiten geschehen und man nichts dagegen tun kann. Es ist auch schwer, das Unglück in der Welt zu sehen und es nicht aufhalten zu können. Ich weiß, dass Hilflosigkeit ein Gefühl ist, das uns zwar MENSCHLICH macht, dessen Lösung wir jedoch nur in der Hoffnung finden können.
Ich wünsche mir, dass das kommende Jahr uns vor allem Frieden und Hoffnung bringt! Ich möchte nicht, dass irgendein Kind auf dieser Welt leiden muss, und ich möchte nicht, dass Kinder wissen müssen, was Krieg, Unglück oder Naturkatastrophen sind. Lassen Sie uns alle unser Bestes tun, um unseren Kindern eine schönere, bessere Welt für ihre Zukunft zu hinterlassen.
Ich möchte nicht, dass mein Kind, das noch im Kindergarten ist, nach Hause kommt und mich fragt: "Mama, was ist Krieg?", "Mama, warum müssen Soldaten sterben?"
Ich wünsche allen ein glückliches Jahr voller Hoffnung!
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