Es sind zwei Jahre vergangen, seit niemand daran glaubte, dass Russland die Ukraine angreifen oder dass auf dem alten europäischen Kontinent ein Krieg ausbrechen könnte. Beobachter dieses Krieges haben die Veränderungen verfolgt, die sich in den zwei Jahren in Russland, in der Ukraine und auf der ganzen Welt vollzogen haben. Lassen Sie mich in den folgenden Zeilen erläutern, welche bemerkenswerten Veränderungen nach zwei Jahren heftiger Kämpfe zwischen zwei brüderlichen Völkern stattgefunden haben und wer die Verlierer und Gewinner dieses bewaffneten Konflikts sind.
Einer der Gründe für die russische Aggression gegen die Ukraine waren die Gerüchte über einen möglichen NATO-Beitritt der Ukraine. Russland hat die Pläne des Westens zur NATO-Osterweiterung stets kritisiert. Während es diese Gefahr beseitigen wollte, geschah das Gegenteil. Mit dem Beitritt Finnlands zur NATO hat sich die Grenze zwischen der NATO und Russland um 1300 km verlängert. Zudem wartet auch Schweden auf seinen Beitritt zur NATO.
Eine weitere wichtige institutionelle Veränderung ist die Verleihung des offiziellen Status als EU-Beitrittskandidat an Moldau und die Ukraine im Jahr 2022 sowie an Bosnien-Herzegowina und Georgien im Jahr 2023. Der Ausbruch des Krieges in der Ukraine führte zur Gründung der Europäischen Politischen Gemeinschaft, einer neu ins Leben gerufenen Initiative. 47 Länder, darunter auch die Türkei, haben einen neuen paneuropäischen Rahmen für Konsultationen geschaffen. Wie viele Kommentatoren anfangs feststellten, hat Putin das getan, was andere nicht konnten, obwohl er es nicht wollte: Er hat die europäischen Länder und NATO-Mitglieder dazu gebracht, ihre Einheit und Solidarität zu stärken.
Nach zwei Jahren Krieg haben wir nun ein selbstbewussteres Russland und eine Ukraine, deren Moral nicht mehr so hoch ist wie früher. Das Scheitern der Gegenoffensive gegen Russland im vergangenen Sommer hat sowohl die Ukrainer als auch die internationale Öffentlichkeit enttäuscht. All dies hat das Gefühl der Müdigkeit bei europäischen Beamten sowie bei den einfachen Bürgern verstärkt. Der Westen scheint das Interesse an diesem Krieg zu verlieren. Doch der Gedanke, dass Russland in der Ukraine nicht haltmachen wird, sorgt dafür, dass das Interesse des Westens an diesem Krieg nicht völlig schwindet. Zudem wird sich Russland, sofern seine militärischen Kapazitäten ausreichen, nicht mit der Besetzung der Ukraine zufriedengeben. Russland will den gesamten ehemaligen sowjetischen Raum kontrollieren.
Der Russland-Ukraine-Krieg hat das Erwachen des russischen Imperialismus ermöglicht. Die Ukraine wurde für Russland immer als "Schutzschild-Land" gegen jede militärische Bedrohung durch die NATO oder die EU angesehen. Zbigniew Brzezinski stellte in seinem berühmten Werk "Die einzige Weltmacht" (Originaltitel: "The Grand Chessboard") fest: "Ohne die Ukraine kann Russland kein eurasisches Imperium sein". Mit anderen Worten: Es könnte nur ein asiatisches Imperium sein.
Der Krieg hat die Haltung der europäischen Länder gegenüber Russland verändert. Mit einigen Ländern gab es vor dem Krieg noch herzliche Beziehungen. Doch nun herrscht ein umfassendes Wettrüsten. Immer mehr europäische Länder, insbesondere jene in der Nähe Russlands, erkennen, dass sie auf eine mögliche russische Aggression vorbereitet sein müssen. Die internationalen Sanktionen haben die russische Wirtschaft nicht so stark getroffen, wie der Westen gehofft hatte. Russland hat seine Exporte auf Länder wie China, Nordkorea oder den Iran umgelenkt, die zu seinen wichtigsten Verbündeten in diesem Krieg geworden sind.
Nach zwei Jahren scheint es in diesem Krieg keine Verlierer zu geben, aber es gibt definitiv "Gewinner". Jeder Krieg ist in erster Linie mit der Wirtschaft und der Rüstungsindustrie verbunden. Der Krieg in der Ukraine beschert den Waffenherstellern enorme Gewinne. Unter den fünf größten Waffenherstellern der Welt befinden sich amerikanische Unternehmen, die man als die einzigen "Gewinner" (in finanzieller Hinsicht) dieses Konflikts bezeichnen kann. Die US-Waffenexporte ins Ausland stiegen im vergangenen Jahr auf ein Rekordniveau von 238 Milliarden Dollar. Wie das Außenministerium mitteilte, hat die US-Regierung direkte Verhandlungen für Verkäufe im Wert von 81 Milliarden Dollar geführt, was einem Anstieg von 56 Prozent gegenüber 2022 entspricht. (https://www.bbc.com/news/world-us-canada-68136840)
In Deutschland, das unter den EU-Ländern die höchsten Militärausgaben hat, stieg der Gewinn des Waffenherstellers Rheinmetall innerhalb eines Jahres um 27 Prozent, die Aktien legten um 55 Prozent zu. Das russische Rüstungsunternehmen ROSTEC hat seine Munitionsproduktion aufgrund des Krieges in der Ukraine um das 50-fache gesteigert. Auch Energieunternehmen haben profitiert. Während die USA im Jahr 2022 60 Prozent des Flüssigerdgases für Europa lieferten, sanken die Exporte Russlands in die EU, die in den Vorjahren noch 40 bis 50 Prozent ausmachten, auf 12 Prozent.
Obwohl Putin sagt, er führe keinen Krieg gegen die Ukraine, sondern "gegen den Westen", ist das Schlachtfeld nach wie vor ukrainisches Territorium, und die Opfer sind die Zivilbevölkerung sowie ukrainische und russische Soldaten. Derzeit sind 18 Prozent des ukrainischen Territoriums von russischen Streitkräften besetzt. Wenn die Ukraine keine finanzielle und militärische Hilfe vom Westen erhält, könnte sie in Zukunft noch mehr Gebiete verlieren.
Während Russland die unipolare Weltordnung, die nicht mit seinen Interessen vereinbar ist, verändern will, möchten die USA und die europäischen Staaten diese Ordnung bewahren. Wie wird es in diesem komplexen Gleichungssystem in Zukunft um die Ukraine stehen, deren Schicksal von Entscheidungen abhängt, die in Moskau, Brüssel oder Washington getroffen werden?
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