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Zukunftsangst und Brain Drain bei jungen Menschen: Warum gehen sie und was muss getan werden?

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Eines der größten Probleme der Türkei ist die Hoffnungslosigkeit, die junge Menschen in Bezug auf die Zukunft empfinden, und die sich zunehmend in eine wachsende Angst verwandelt. Diese Angst ist nicht nur ein individuelles Problem, sondern auch ein Spiegelbild der Verantwortungslosigkeit des Systems gegenüber der Jugend. Die Zukunftsangst und der Brain Drain (Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte) junger Menschen waren noch nie so sichtbar und tiefgreifend wie heute. Doch was sind die Gründe, die junge Menschen zu einer solch weitreichenden Entscheidung bewegen? Warum suchen gebildete Individuen ihr Glück im Ausland, anstatt in ihrem eigenen Land eine Zukunft zu finden?

Zukunftsangst: Der Verrat des Systems an der Jugend

Die Zukunftsangst, die junge Menschen erleben, ist nicht nur ein psychologischer Zustand, sondern das Ergebnis eines Verrats des bestehenden Systems an der Jugend. Diesem Verrat liegen tiefgreifende strukturelle Probleme zugrunde, die aus dem fehlerhaften Funktionieren des Bildungssystems, Arbeitslosigkeit, mangelnder Leistungsgesellschaft, Wirtschaftskrisen und gesellschaftlichem Druck resultieren.

• Das Bildungssystem: Eine Falle

     Anstatt junge Menschen auf die „Zukunft vorzubereiten“, sperrt das Bildungssystem sie in ein Konsumrad ein. Universitäten haben sich in Fabriken verwandelt, die Diplome verteilen, die Studierenden aber nicht auf das echte Leben vorbereiten. Junge Menschen sind enttäuscht, wenn sie feststellen, dass die Diplome, für die sie Jahre und die Ersparnisse ihrer Familien geopfert haben, bei der Arbeitssuche völlig nutzlos sind. Das Bildungssystem nähert sich den Jugendlichen mit dem Versprechen: „Wenn du erfolgreich bist, wird alles gut“, doch dieses Versprechen entpuppt sich bei der Konfrontation mit der Realität als Lüge.

     Besonders in Ländern wie der Türkei ist das Bildungssystem von ständig wechselnden Lehrplänen, einer prüfungsorientierten Struktur und einem auswendig lernenden Ansatz geprägt. Dies stumpft die Kreativität der Jugendlichen ab und macht sie zu Robotern. Junge Menschen, die in einem System aufwachsen, das völlig auf das Lösen von Tests basiert und weit entfernt von Fähigkeiten wie kritischem Denken oder Problemlösung ist, können nach ihrem Abschluss nicht auf die Anforderungen der Arbeitswelt reagieren. Zudem schafft die Bildungsungleichheit eine tiefe Kluft zwischen den Jugendlichen. Familien mit Geld schicken ihre Kinder auf Privatschulen und lassen sie im Ausland studieren, während Kinder aus einkommensschwachen Familien gezwungen sind, in überfüllten Klassen und mit unzureichenden Mitteln zu lernen. Diese Ungleichheit schwächt die Hoffnung der Jugendlichen auf die Zukunft weiter.

• Arbeitslosigkeit: Jugendliche, die in den Rädern des Systems zerrieben werden

     Arbeitslosigkeit ist einer der größten Gründe für die Zukunftsangst junger Menschen. Diese Arbeitslosigkeit resultiert jedoch nicht daraus, dass die Jugendlichen „nicht hart genug arbeiten“ oder „nicht qualifiziert genug sind“. Anstatt den Jugendlichen Arbeitsmöglichkeiten zu bieten, verdammt das System sie zu unsicheren, schlecht bezahlten Jobs ohne Zukunftsperspektive. Zudem ist es in einem Arbeitsmarkt, in dem nicht Leistung, sondern Vitamin B (Torpil) im Vordergrund steht, fast unmöglich, dass junge Menschen den Lohn für ihre Mühen erhalten. Dies verbreitet unter Jugendlichen das Gefühl: „Egal was ich tue, ich werde es zu nichts bringen.“

     In der Türkei liegen die Jugendarbeitslosenquoten selbst nach offiziellen Zahlen bei über 20 %. Diese Zahlen spiegeln jedoch nicht die tatsächliche Situation wider. Jugendliche, die als „Hausjugend“ oder „Herumtreiber“ bezeichnet werden, die weder eine Ausbildung machen, noch arbeiten oder nach Arbeit suchen, fallen in die Kategorie „weder in Ausbildung noch in Beschäftigung“ (NEET). Da sie wirtschaftlich nicht unabhängig sind, leben diese Jugendlichen meist im Haus ihrer Familien. Diese hoffnungslosen jungen Menschen sind sowohl von der Erwerbsbeteiligung als auch von Möglichkeiten zur persönlichen Entwicklung ausgeschlossen. Der Anteil der Jugendlichen, die weder in Ausbildung noch in Beschäftigung sind, ist ein Indikator für die strukturellen Probleme, Wirtschaftskrisen und politischen Defizite, mit denen eine Gesellschaft konfrontiert ist. Die hohe Quote an Jugendlichen in der NEET-Kategorie führt zu gesellschaftlicher Instabilität, steigenden Kriminalitätsraten, wirtschaftlichen und sozialen Kosten, sozialer Ausgrenzung und vielen weiteren sozioökonomischen Problemen wie Integrationsschwierigkeiten. Es wird geschätzt, dass der Anteil der Jugendlichen in unserem Land, die weder in Ausbildung noch in Beschäftigung sind, heute bei etwa 25 % liegt.

• Sozialer und politischer Verfall

    Jugendliche sind auch tief von der sozialen und politischen Struktur der Gesellschaft betroffen, in der sie leben. Korruption, Ungerechtigkeit und mangelnde Leistungsgesellschaft zehren an der Hoffnung der Jugendlichen auf die Zukunft. Politische Machthaber ziehen es vor, die Probleme der Jugend nicht zu lösen, sondern sie als „Garanten der Zukunft“ darzustellen und sie mit schönen Versprechungen hinzuhalten. Diese Versprechungen werden jedoch nie Realität. Die Jugendlichen finden sich in einem Teufelskreis wieder: Die Hoffnung schwindet, Träume werden zerstört und am Ende bleibt nur die Angst.

    Besonders in den letzten Jahren schwächen politische Instabilität und gesellschaftliche Polarisierung die Hoffnung der Jugendlichen auf die Zukunft weiter. Jugendliche fühlen sich in ihrer Freiheit, sich auszudrücken, eingeschränkt und sehen, dass die Kanäle der gesellschaftlichen Opposition blockiert sind. Dies führt auch dazu, dass die Jugendlichen den Glauben an politische Prozesse verlieren.

Brain Drain: Das System verliert die Jugend, die es selbst herangezogen hat

Brain Drain entsteht als Folge der Zukunftsangst junger Menschen. Dies ist jedoch nicht nur eine individuelle Entscheidung, sondern auch das Ergebnis der strukturellen Probleme, in denen sich das Land befindet. Junge Menschen orientieren sich in Richtung Ausland auf der Suche nach besseren Möglichkeiten und einem Umfeld, in dem sie den Lohn für ihre Mühen erhalten.

• Mangelnde Leistungsgesellschaft und Vetternwirtschaft

     In einem System, in dem nicht Leistung, sondern Vitamin B und Vetternwirtschaft im Vordergrund stehen, ist es nicht realistisch zu erwarten, dass qualifizierte junge Menschen im eigenen Land bleiben. Wenn junge Menschen sehen, dass das Wissen und die Fähigkeiten, die sie sich über Jahre angeeignet haben, bei der Arbeitssuche völlig nutzlos sind, orientieren sie sich ins Ausland. Denn im Ausland stehen Leistung und Arbeit im Vordergrund. Jugendliche, deren Wert im eigenen Land nicht erkannt wird, finden in anderen Ländern die Anerkennung, die sie verdienen.

    Besonders junge Menschen, die in den Bereichen Ingenieurwesen, Medizin und Wissenschaft ausgebildet wurden, haben ernsthafte Schwierigkeiten, in ihrem eigenen Land Arbeit zu finden. Zudem finden junge Menschen, die in diesen Bereichen arbeiten wollen, aufgrund unzureichender Infrastruktur und Ressourcen keine Möglichkeit, ihre Karriere voranzutreiben. Dies führt dazu, dass sich die Jugendlichen ins Ausland orientieren.

• Mangelnde Investitionen in Forschung und Entwicklung

     Qualifizierte junge Menschen gehen ins Ausland, weil sie im eigenen Land keine Möglichkeiten für Forschung und Entwicklung finden. Ein System, das nicht in Wissenschaft, Technologie und Innovation investiert, verschwendet das Potenzial der Jugend. Junge Menschen finden im Ausland mit den ihnen gebotenen Möglichkeiten die Chance, wissenschaftlich zu arbeiten und ihre Karriere voranzutreiben. Dies gefährdet auch die Zukunft des Landes.

Andererseits bieten Universitäten im Ausland im Vergleich zum türkischen Bildungssystem ein viel freieres und für wissenschaftliche Entwicklungen offenes Umfeld. Länder wie Deutschland, die USA, Kanada und die Niederlande nehmen qualifizierte Studierende aus der Türkei auf und bieten ihnen Stipendien und Arbeitsmöglichkeiten. Dies ermöglicht es den Jugendlichen, eine qualitativ hochwertigere Ausbildung zu erhalten und gleichzeitig wirtschaftlich sicherer zu sein.

    Besonders in den letzten Jahren beschleunigen die Kürzung der Budgets für Forschung und Entwicklung, die fehlende Unterstützung für Projekte von Wissenschaftlern und die Schwächung der Autonomie der Universitäten die Abwanderung der Jugendlichen ins Ausland. Da junge Menschen im eigenen Land keine Möglichkeit finden, Wissenschaft zu betreiben, ziehen sie es vor, ihre Karriere in anderen Ländern fortzusetzen.

• Soziale und wirtschaftliche Instabilität

     Junge Menschen wandern ins Ausland ab, weil es in ihrem eigenen Land keine soziale und wirtschaftliche Stabilität gibt. Eine unsichere Zukunft, hohe Inflation, ungerechte Steuersysteme und steigende Lebenshaltungskosten treiben die Jugendlichen aus ihrem Land weg. Im Ausland hingegen wird ein sichereres und stabileres Leben geboten. Für die Jugendlichen bedeutet dies nicht „Flucht“, sondern „Rettung“.

    Besonders in den letzten Jahren schwächen Wirtschaftskrisen und politische Unsicherheiten den Wunsch der Jugendlichen, im eigenen Land zu bleiben, weiter. Da junge Menschen ihre Zukunft im eigenen Land nicht absichern können, begeben sie sich auf die Suche nach einem besseren Leben im Ausland.

Die Ratlosigkeit des Systems: Was ist also zu tun?

Das Problem der Zukunftsangst und des Brain Drain bei jungen Menschen ist ein Indikator für die Unfähigkeit des Systems, Lösungen zu produzieren. Diese Probleme können nicht allein durch die Bemühungen der Jugendlichen gelöst werden; das System muss einen grundlegenden Wandel vollziehen. Was ist also in dieser Situation zu tun?

• Das Bildungssystem muss grundlegend restrukturiert werden: Das Bildungssystem muss so umgestaltet werden, dass es junge Menschen über das Diplom hinaus auf das echte Leben vorbereitet. Kritisches Denken, kreative Fähigkeiten und Innovation müssen im Vordergrund stehen. Zudem muss die Bildungsungleichheit beseitigt werden, und jeder junge Mensch muss mit gleichen Chancen Zugang zu Bildung haben.

• Die Leistungsgesellschaft muss in den Vordergrund rücken: In der Arbeitswelt müssen Leistung und Arbeit im Vordergrund stehen; Vitamin B und Vetternwirtschaft müssen ein Ende haben. Junge Menschen müssen die Jobs, die sie verdienen, unter den Bedingungen erreichen können, die sie verdienen.

• Investitionen in Forschung und Entwicklung müssen getätigt werden: Es müssen ernsthafte Investitionen in die Bereiche Wissenschaft, Technologie und Innovation getätigt werden. Projekte, in denen junge Menschen ihr Potenzial entfalten können, müssen realisiert und Forschungsmöglichkeiten müssen ausgebaut werden.

• Soziale und wirtschaftliche Stabilität muss gewährleistet werden: Um die Zukunftsangst der Jugendlichen zu beenden, müssen soziale und wirtschaftliche Stabilität gewährleistet, Arbeitsplatzsicherheit geschaffen und die Lebenshaltungskosten gesenkt werden. Um junge Menschen zu ermutigen, im Land zu bleiben, müssen ein faires Steuersystem sowie hochwertige Gesundheits- und Bildungsdienste angeboten werden.

Fazit: Die Hoffnung der Jugend ist durch den Wandel des Systems möglich!

Die Abwanderungen der jüngeren Zeit erfolgen als Antwort auf die großen Einkommens- und Wohlstandsklüfte zwischen den Ländern und auf globale Ungleichgewichte. Der grundlegende Faktor, der Migrationsbewegungen beeinflusst, sind die Einkommensunterschiede zwischen den Ländern. Heute besteht die größte Gruppe von Migranten aus Menschen, die aus Entwicklungsländern kommen. Die Hauptzielländer, in die sie abwandern, sind Länder mit hohem Lebensstandard.

Ein ähnlicher Trend ist auch für unser Land zu beobachten. Die Abwanderungsquote von Hochschulabsolventen in der Türkei, die 2015 bei 1,6 % lag, ist 2023 auf 2 % gestiegen. Unsere abgewanderten Hochschulabsolventen haben sich Ländern mit höherem Lebensstandard zugewandt. Das am meisten bevorzugte Land waren mit 21,4 % die USA. Gefolgt wurden die USA von Deutschland (17,5 %), dem Vereinigten Königreich (11,2 %), den Niederlanden (6,9 %) und Kanada (4,9 %).

Ein junger Mensch, der die Türkei verlässt, bedeutet nicht nur für sich selbst, sondern eigentlich auch für die Zukunft des Landes einen großen Verlust. Die Zukunftsangst und der Brain Drain der Jugend sind das Ergebnis der Verwerfungen des Systems. Diese Probleme können nicht durch die individuellen Bemühungen der Jugendlichen gelöst werden. Das System muss einen grundlegenden Wandel vollziehen, der Jugend Hoffnung geben und ihr Potenzial nutzen. Andernfalls werden sich die Jugendlichen im Labyrinth verlieren, der Brain Drain wird unvermeidlich sein und die Türkei wird weiterhin ihre größten Werte, also ihre jungen Menschen als wichtigste Elemente unseres Humankapitals, verlieren.

Die Hoffnung der Jugend ist durch den Wandel des Systems und durch unverzüglich einzuleitende Strukturreformen möglich. Neben der Verbesserung der wirtschaftlichen Bedingungen bedarf es auch Institutionen, die transparent in Bezug auf die soziale Ordnung funktionieren, sowie eines fairen Wettbewerbs. Dieser Wandel ist nicht nur für die Jugend, sondern auch für die Zukunft der Gesellschaft eine Notwendigkeit. Auf diese Weise können wir auch die Rückkehr unserer Jugendlichen sicherstellen und sogar die grundlegenden und dauerhaften Bedingungen schaffen, um den Brain Drain in einen „Brain Gain“ umzukehren. Sobald die richtigen Schritte von der Staatsführung unternommen werden und sich die Möglichkeiten und Bedingungen zugunsten unserer Jugendlichen verändern, wird auch der Wunsch zur Rückkehr wachsen. Auf diese Weise wird unser wertvolles Humankapital, das wir als Brain Drain verloren haben, zu einer wichtigen Quelle für die nachhaltige Entwicklung der Türkei in den kommenden Jahren werden.