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Der Fall Gülistan Doku und der Journalismus

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Lassen Sie sich nicht davon täuschen, dass Zeitungen, Nachrichtenportale und Fernsehsender nun voll von Berichten über den „Mord an Gülistan Doku“ sind. Der Fall Gülistan Doku sollte ursprünglich als gewöhnlicher „Suizidfall“ zu den Akten gelegt werden.

Dass der Fall ab dem 5. Januar 2020, dem Tag des Verschwindens von Gülistan Doku, nicht geschlossen wurde, ist dem Kampf von Frauenorganisationen und der Hartnäckigkeit der Familie zu verdanken, die nicht aufhörte, nach ihrer Tochter zu suchen. Die oppositionellen Medien, lokale Journalisten und insbesondere Journalistinnen unterstützten ihre Bemühungen von Anfang an.

Das Interesse der regierungsnahen Medien beschränkte sich hingegen auf die Suchaktionen im Stausee und die darauffolgenden Erklärungen. Im Laufe der Jahre verloren sie das Interesse fast vollständig und vergaßen diesen Fall zusehends.

Die Familie von Gülistan Doku, die vom ersten Tag an nicht an einen Suizid, sondern an ein Verbrechen glaubte, machte niemals einen Rückzieher. Sie eröffneten in den sozialen Medien das Konto „Gülistan Doku’nun ailesi“ (Die Familie von Gülistan Doku), starteten eine Kampagne unter dem Hashtag #GülistanDokuyaNeOldu (Was ist mit Gülistan Doku passiert?) und setzten die Suche nach ihrer Tochter mit Strafanzeigen und Protestaktionen fort. Dass die Familie und die Frauenorganisationen nicht lockerließen, zwang Polizei und Staatsanwaltschaft dazu, von Zeit zu Zeit Sonderteams einzurichten. Im Jahr 2022 führte dies sogar dazu, dass der Freund von Gülistan Doku, Zeinal Abarakov, die letzte Person, die sie vor ihrem Verschwinden gesehen hatte, in Alanya kurzzeitig festgenommen wurde. Doch die Ermittlungen kamen jedes Mal nicht wirklich voran.

Auch nach 2022 hielten Frauenorganisationen sowie die gesamte Familie, allen voran Gülistan Dokus Mutter Bedriye Doku und ihre Schwester Aygül Doku Filiz, die Mordvorwürfe durch Aktionen, Strafanzeigen und Erklärungen auf der Tagesordnung. Ich nenne hier aus Sorge, jemanden zu vergessen, keine Namen, aber generell haben die oppositionellen Medien und die kurdischen Medien die Berichterstattung über Gülistan Doku akribisch fortgesetzt; sie berichteten mit dem Ziel, die offenen Fragen zu klären.

Unter den lokalen Journalisten verfolgten insbesondere Serhat Ozan Yıldırım und Ferit Demir die Proteste und alle Initiativen für Gülistan Doku jahrelang aufmerksam. Beide leisteten einen großen Beitrag zum Nachrichtenfluss in die überregionalen Medien. Der damalige Gouverneur von Tunceli, Tuncay Sonel, den die Familie beschuldigte, „den Mord zu vertuschen“, reichte wegen eines Berichts Klage gegen Ferit Demir ein. Als Ferit Demir die Vorladung zum 7. Zivilgericht erster Instanz in Ankara erhielt, stellte er Fragen wie: „Warum haben Sie gesagt, dass Gülistan Doku vom Sarısaltuk-Viadukt gesprungen ist und Suizid begangen hat, obwohl Sie keinerlei Beweise hatten?“

Die lange Zeit geschlossene Ermittlungsakte wurde mit der Ernennung von Oberstaatsanwältin Ebru Cansu nach Tunceli im Jahr 2024 wieder geöffnet. Die Oberstaatsanwältin stieß auf neue Beweise, die den Verdacht erhärteten, dass Gülistan Doku ermordet wurde. Zehn Personen, darunter Mustafa Türkay Sonel, der Sohn des ehemaligen Gouverneurs, wurden wegen des Verdachts auf „vorsätzliche Tötung“ und „Verdunkelung von Beweismitteln“ festgenommen.

Dass Halk TV den Anwalt von Tuncay Sonel in die Sendung nahm, sollte man nicht verurteilen. Wichtig ist, wie gesprochen wird und was gefragt wird. Der Anwalt wurde nicht einfach nur eingeladen, sondern mit den richtigen Fragen in die Mangel genommen. Es ist nicht falsch, auch der Verteidigung das Wort zu erteilen.

Nun richtet sich die Aufmerksamkeit der gesamten Medienlandschaft auf diese Ermittlungen. Ich möchte daran erinnern, dass wir, wie bei jeder Ermittlung, unsere Emotionen beiseitelegen und das Geschehen mit journalistischer Nüchternheit verfolgen und berichten müssen. Ein Journalist spricht und schreibt nicht auf Basis von Vorurteilen oder vorgefassten Meinungen, sondern auf Basis von Daten und Beweisen.

DIE FOTOS DIESES KINDES

Der Aufruf der Kommunikationsdirektion in ihrer Erklärung zu den Schulangriffen in Şanlıurfa und Kahramanmaraş, dass die „Medien mit Verantwortungsbewusstsein handeln sollten“, war wertvoll:

„Die detaillierte Darstellung von Gewalttaten, das Hervorheben der Identitäten von Opfern und Tätern sowie die ständige Dramatisierung der Ereignisse können nicht nur ähnliche Taten provozieren, sondern auch das Klima der Angst und Panik in der Gesellschaft vertiefen. Daher sollten Mäßigung, Sensibilität und ethische Grundsätze die Grundlage der Berichterstattung bilden.“

Dies waren berechtigte Warnungen, die auch wir seit Jahren betonen. Doch selbst die regierungsnahen Medien hielten sich nicht an diesen Aufruf; in den Medien gab es insgesamt Berichte, die ethische Grundsätze missachteten, die Wirkung der Gewalt vergrößerten und das Trauma in der Gesellschaft verstärkten.

Es wurden Fotos und Aufnahmen des 14-jährigen Angreifers verwendet, wie er auf einem Schießstand schoss, seinen Geburtstag feierte oder in der Schule tanzte. Dabei zeigt sich die Problematik solcher Bilder schon daran, dass der angreifende Junge das Foto von Elliot Rodger, der in den USA sechs Menschen ermordete, in sein WhatsApp-Profil gestellt hatte.

Unsere Priorität hätte darin bestehen müssen, darauf zu achten, dass Schulangriffe nicht nachgeahmt werden und keine Angst- und Panikwirkung in der Gesellschaft erzeugen. Leider ist dies nicht gelungen; man hat dazu beigetragen, dass sich Angst und Sorge verbreiteten. Die grundlegenden Ursachen der Schulangriffe wurden nicht beleuchtet; die Verantwortung der staatlichen Behörden und der Verfall im Bildungssystem wurden ignoriert.

Diese Angriffe wurden als individuelles und familiäres Problem behandelt; das Unvermögen, den Angriff zu verhindern, wurde auf ein Sicherheitsproblem reduziert. Mit der polizeilichen Brille betrachtet, wurden Kinder in den Mittelpunkt des „Verbrechens“ gestellt und als Sicherheitsbedrohung dargestellt. Die daraufhin einsetzenden Festnahmen von Kindern wurden in den Nachrichten sogar als eine Methode unterstützt, die die Gefahr abwenden würde.

Da wir die Berichterstattung über ähnliche Vorfälle kennen, war dies nicht sehr überraschend. Denn damit die Medien diese Angriffe mit ihren grundlegenden Ursachen und im Einklang mit ethischen Prinzipien präsentieren können, müssten sie Organisationen sein, die frei von Einschaltquoten- und Auflagen-Sorgen sind und das öffentliche Interesse in den Vordergrund stellen. Leider sind die überregionalen Medien weit von dieser Linie entfernt. Wirtschaftliche und kommerzielle Interessen sowie die Interessen der politischen Macht haben für sie Vorrang.

Schon vor diesen Angriffen waren Nachrichten und insbesondere Fernsehserien voller Gewalt. In TV-Nachrichten und auf Nachrichtenportalen wurden Bilder von Mobbing unter Gleichaltrigen an Schulen und Schlägereien zwischen Kindern immer wieder als abschreckende Beispiele gezeigt. Selbst die Serien des TRT waren voller blutiger Szenen. Die Regierungssender waren voll von Action- und Mafiaserien.

Die Rundfunkbehörde RTÜK, die nach den Schulangriffen erklärte: „Teilt keine Bilder vom Tatort, sprecht nicht mit Opfern und Augenzeugen“, ignorierte die Gewalt in den regierungsnahen Fernsehsendern. Hätte die RTÜK als „Regulierungsbehörde“ ihre Aufgabe bisher erfüllt, hätte es nach diesen Schulangriffen keine Panik gegeben, gewalthaltige TV-Serien überstürzt aus dem Programm zu nehmen oder Drehbücher zu ändern.

In diesen Serien hätte Gewalt ohnehin niemals vorkommen dürfen.

NEU ERFUNDEN: DAS VERBRECHEN, BERÜHMT ZU SEIN

Ich kann nicht mehr zählen, die wievielte Welle der „Drogenoperation gegen Prominente“ das mittlerweile ist, ich habe den Überblick verloren. Letzte Woche wurden wieder „Prominente“ festgenommen, das Attribut „prominent“ stand wieder in den Schlagzeilen:

„Acht weitere Prominente hinter Gittern“, „Acht weitere Prominente festgenommen“, „Neue Entwicklung in der Drogenermittlung gegen Prominente“.

Werden diese Menschen Ziel von Operationen, weil Informationen oder Beweise für ihren Drogenkonsum vorliegen, oder nur, weil sie berühmt sind? Der Istanbuler Oberstaatsanwalt Fatih Dönmez hat bei einem Treffen mit Gerichtsreportern, als er über den Erfolg der „Drogenoperationen“ sprach, indirekt die Antwort auf diese Frage gegeben:

„Prominente sind Menschen, die als Vorbild dienen und bewundert werden. Wir glauben, dass das Bewusstsein in der Gesellschaft und in den Familien gestiegen ist. Unsere Drogenoperationen werden fortgesetzt.“

Oberstaatsanwalt Dönmez hat mit diesen Worten indirekt erklärt, dass sie die „als Vorbild dienenden“ Prominenten nutzen, um das „Bewusstsein in der Gesellschaft zu schärfen“. Tatsächlich gibt er auch die Information bekannt, dass bei 169 der 255 Verdächtigen, die im Rahmen der „Drogenakte Prominente“ festgenommen wurden, „Betäubungsmittel gefunden wurden“. Über das Leid der 86 „Prominenten“, bei denen keine Drogen gefunden wurden, verliert er kein Wort.

Oberstaatsanwalt Dönmez sagt einerseits: „Unser Ziel ist nicht die Bloßstellung“, aber sobald diese Menschen festgenommen werden, veröffentlichen sie ihre Namen und erklären sie zu Schuldigen, sie brandmarken sie. Auf diese Weise wird das „Prominent-Sein“ der Gesellschaft als ein Verbrechen an sich präsentiert.

Während die Operationen in Wellen weitergehen, verbreiten sich auch in der Kunstwelt, im Theater-, Serien- und Kinosektor „ängstliches Warten, Angst und Unruhe“. So sehr, dass Produzenten bei Projektbeginn sogar darüber nachdenken, Drogentests bei Schauspielern durchzuführen. Leider tragen auch die Medien durch die Wiederholung der Erklärungen und der Sprache der Staatsanwaltschaft zu diesem „Rufmord“ an Prominenten bei.

WIEDER WURDE DER JOURNALISMUS BESTRAFT

Der BirGün-Autor und BirGün TV-Programmgestalter Zafer Arapkirli begann sein Plädoyer in dem Prozess, in dem er angeklagt war, mit der Anzeige eines „ernsteren und realeren Verbrechens“:

„Das Verbrechen, das Volk kollektiv in eine tiefe Finsternis zu stürzen. Die heutige politische Macht will, wie in meinem Fall, unabhängige Journalisten daran hindern, ihre Arbeit zu tun, und das Recht des Volkes auf Information und Nachrichten blockieren.“

Arapkirli, der die noch inhaftierten Journalisten Merdan Yanardağ, Alican Uludağ und İsmail Arı sowie die gegen Furkan Karabay und Sinan Aygül eingeleiteten Verfahren als Beispiele anführte, sagte: „Sie versuchen, den Journalismus zu bestrafen, indem sie ihm etwas anhängen.“

Wie es in solchen Prozessen immer geschieht, beeindruckte dieses Plädoyer das Gericht überhaupt nicht; sie verurteilten Arapkirli wegen „öffentlicher Verbreitung irreführender Informationen“ zu 2 Jahren und 6 Monaten Haft.

Dass die Einschätzung, der „Journalismus werde bestraft“, berechtigt ist, wurde zwei Tage später durch das Urteil des 34. Strafgerichts erster Instanz in Bakırköy erneut bewiesen. Der Journalist Timur Soykan wurde wegen „Verletzung der Vertraulichkeit“ zu 10 Monaten, Barış Pehlivan und Murat Ağırel wegen „öffentlicher Verbreitung irreführender Informationen“ zu jeweils 15 Monaten Haft verurteilt.

Der Grund für die Strafen gegen Soykan, Pehlivan und Ağırel war die Sendung „Kayda Geçsin“ auf Halk TV, in der berichtet wurde, dass der Handel der Türkei mit Israel fortgesetzt werde und im VIP-Bereich des Flughafens Istanbul Goldschmuggel betrieben werde!

In Şanlıurfa wurde der Journalist Mehmet Yetim aus demselben Grund festgenommen. Dabei irreführt er das Volk nicht, im Gegenteil, er versucht es aufzuklären; er betrieb Journalismus.

In einem Satz:

• Im Türkischen wird das Wort „tane“ (Stück) nicht für Lebewesen verwendet, aber Innenminister Mustafa Çiftçi verwendete in seiner Erklärung nach dem Angriff in K. Maraş für die verstorbenen Schüler und Lehrer, die Verletzten, Staatsanwälte und Inspektoren ganze 11 Mal das Wort „tane“.

• Im Bericht der Zeitung Türkiye „Kein Weglaufen mehr durch Anforderung einer Anwesenheitskontrolle im Parlament“ wurde nicht erwähnt, dass das Ausbleiben der Regierungsabgeordneten im Parlament die Arbeit behindert.

• Im Bericht der Zeitung Yeni Yaşam „Bergleute auf dem Weg nach Ankara“ fehlte die Information, dass die Arbeiter von Eskişehir aus aufgebrochen waren und sich Doruk Madencilik in dieser Stadt befindet.

• Yeni Şafak lag in ihrem Bericht „Keine Eile bei Erkol in der CHP“ falsch mit der Information, dass das Treffen der CHP-Provinzpräsidenten für „Mittwoch geplant“ sei; das Treffen fand am Dienstag statt, als dieser Bericht erschien.

• Der lokale Journalist Yüksel Kalkan wurde nach seinen Berichten über die CHP-geführte Gemeinde Ayvalık von einer Gruppe angegriffen und verprügelt.

• Der Sportkommentator und Journalist Ertem Şener kündigte während der Fahrt auf der Straße nach Bursa mit 150 km/h das Lenkrad mit einer Hand haltend und mit der anderen telefonierend eine Sendung an und veröffentlichte das Video in den sozialen Medien.

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