In meinen Studienjahren herrschte in der Gesellschaft eine regelrechte Begeisterung für die Europäische Union. Damals folgten Reformpakete Schlag auf Schlag und weckten bei den gebildeten Schichten des Landes ernsthafte Hoffnungen. In meinem Bachelorstudiengang Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen gehörten Fächer wie Europäische Integration zu den gefragtesten im Vorlesungsverzeichnis.
Ich persönlich habe diese EU-Euphorie zwar nicht geteilt, aber diese Kurse dennoch belegt. Heute bin ich selbst als Akademikerin tätig und lehre im Fachbereich Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen.
In den etwa zwanzig Jahren, die seitdem vergangen sind, stelle ich fest, dass die Studierenden – also unsere Studierenden – sich in Bezug auf die EU nur noch für zwei Themen interessieren: Migration und Visa. Niemand erwartet unter diesen Umständen noch eine EU-Begeisterung, aber selbst die von Überdruss geprägten Diskurse über eine „Türkei vor den Toren der EU“ sind verstummt, oder besser gesagt: Sie haben sich in „türkische Staatsbürger vor den Türen der Konsulate bzw. der autorisierten Dienstleister“ gewandelt.
Dabei wurde in der vergangenen Woche der Haushalt des Außenministeriums für das Jahr 2025 verabschiedet. Aus diesem Anlass fasste Außenminister Fidan vor dem Haushalts- und Planungsausschuss die türkische Außenpolitik wie folgt zusammen: „Mit einem 360-Grad-Außenpolitikverständnis sind wir auf jedem Kontinent präsent. Während wir uns gegen Bedrohungen stellen, nutzen wir auch die Chancen. Wir verfolgen eine Außenpolitik, die entschlossen für den Frieden eintritt, in ihrer Region stark und in der Welt angesehen ist.“ Das internationale Ansehen der Türkei kann für uns Bürger nur eine Quelle des Stolzes sein. Doch man muss auch fragen: Erscheint Ihnen das Leid, das die Bürger dieses angesehenen Landes, das eine „360-Grad-Außenpolitik“ verfolgt, sprichwörtlich bei der Beantragung von Visa auf sich nehmen müssen, nicht auch ein wenig widersprüchlich?
Dass ich diesen Artikel mit der EU begonnen habe, soll hoffentlich niemanden in die Irre führen. Denn das Problem ist nicht nur auf den Schengen-Raum beschränkt. Da wir jedoch in Bereichen wie Handel, Tourismus und Bildung stärker mit Europa verflochten sind, betreffen uns die Visaregime dieser Länder offen gesagt stärker.
Während einerseits von einem Anstieg der Visumablehnungsquoten die Rede ist, gehört die kurze Gültigkeitsdauer der erteilten Visa zu den meistdiskutierten Themen. Doch andererseits: Wenn Sie als türkischer Staatsbürger es überhaupt bis zu diesem Stadium geschafft haben, können Sie sich bereits glücklich schätzen. Denn jeder, der in letzter Zeit mit Visaprozessen zu tun hatte, weiß, dass es nicht einmal Termine gibt.
Man muss zu bestimmten Tageszeiten ständig die Seiten kontrollieren oder verschiedene „Bots“ aktiv nutzen. Oder man weiß, wie im jüngsten Fall, nicht einmal, was aus dem Visum geworden ist. Und man erleidet Schaden. So haben wir beispielsweise kürzlich gelesen, dass Studierende, die von verschiedenen Bildungseinrichtungen in Italien angenommen wurden – es handelt sich um über 900 Personen –, ihr Recht auf Bildung verloren haben, weil ihre Visumanträge nicht rechtzeitig bearbeitet wurden, und sie deshalb vor dem italienischen Konsulat protestierten. Zweifellos ließen sich diese Beispiele noch vermehren.
Warum also werden die Bürger unseres Landes, das angeblich eine „360-Grad-Außenpolitik“ betreibt, einer solchen Behandlung unterzogen? Die offizielle Antwort lautet meist: Überlastung. Doch Phänomene wie die im Vergleich zu früher häufigeren Ablehnungen von Anträgen hängen eng mit der Beziehung der Türkei zur irregulären Migration zusammen, mit der steigenden Zahl von Personen, die mit einem Visum nach Europa reisen und dort Asyl beantragen, sowie mit dem Risiko, dass viele nicht zurückkehren. Kurz gesagt: Es mag nicht der einzige Grund sein, aber wen wir in unser Land lassen oder wem wir die Staatsbürgerschaft verleihen, ist von Bedeutung. Ebenso wie die politische und wirtschaftliche Lage im Inneren des Landes…
Die Beziehungen der Türkei zur EU werden in absehbarer Zeit keine Anzeichen einer Besserung zeigen. Das heißt, weder die Türkei noch die EU haben eine Beitrittsperspektive. Dass die im Rahmen des „Rückübernahmeabkommens“ für Flüchtlinge diskutierte Visaliberalisierung nicht eintreten würde, war von Anfang an klar.
Denn das Abkommen enthielt von vornherein viele konkrete und zugleich vage Elemente. Deshalb spricht die Türkei in ihren Kontakten mit den EU-Mitgliedstaaten mittlerweile eher von einer Visumerleichterung als von einer Visaliberalisierung.
Doch den Nachrichten, die uns erreichen, zufolge scheint auch dies wenig wahrscheinlich. Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Bürger erwartet auch in dem Teil der 360-Grad-Außenpolitik, der sein eigenes Leben berührt, eine wirksame Politik…
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