Der erste Volkswagen Golf, der 1974 auf die Straßen kam, war 3,70 Meter lang und 1,61 Meter breit. Der heutige Golf erreicht eine Länge von etwa 4,28 Metern und eine Breite von 1,79 Metern. Das Auto, das denselben Namen trägt und in derselben Klasse angesiedelt ist, ist um mehr als einen halben Meter gewachsen und fast zwanzig Zentimeter breiter geworden. Zudem ist der Golf keine Ausnahme bei dieser Entwicklung. Viele Modellfamilien, vom Clio bis zum Corolla, vom 3er-BMW bis zum Range Rover, sind im Laufe der Jahre auf ähnliche Weise gewachsen.
Dieses Wachstum mag auf den ersten Blick wie eine natürliche Evolution erscheinen. Doch während die Familien kleiner werden und Autos meist nur mit ein oder zwei Personen besetzt sind, ist die ständige Vergrößerung der Fahrzeuge keine einfache Designentscheidung. Wir transportieren weniger Menschen in einer größeren Masse aus Metall und Kunststoff. Genau hier beginnt der Widerspruch.
Dies ist zudem keine bloße optische Täuschung. Laut einer Untersuchung von Transport & Environment werden neu verkaufte Autos in Europa im Durchschnitt alle zwei Jahre etwa einen Zentimeter breiter. Auch die Motorhaubenhöhe neuer Autos stieg von durchschnittlich 76,9 Zentimetern im Jahr 2010 auf 83,8 Zentimeter im Jahr 2024. Das Auto wird also nicht nur länger; es wird breiter, höher und schwerer.
Ein Grund dafür ist natürlich die Technik.
Heutige Autos müssen deutlich strengere Sicherheitsstandards erfüllen als Modelle vor einigen Jahrzehnten. Knautschzonen, verstärkte Karosseriestrukturen, Seitenaufprallschutz, Airbags, Sensoren und Fahrerassistenzsysteme beanspruchen Platz und erhöhen das Gewicht. Hinzu kommen Komfortansprüche: breitere Sitze, bessere Schalldämmung, Panoramadächer, elektrische Mechanismen, große Bildschirme und fortschrittliche Klimaanlagen machen das Auto sowohl größer als auch schwerer.
Elektrofahrzeuge haben dieser Gleichung ein neues und schweres Element hinzugefügt: die Batterie. Die Unterbringung des Batteriepakets im Unterboden, die Gewährleistung einer ausreichenden Reichweite und der Schutz bei einem Aufprall erfordern eine komplexe Verpackungstechnik. Daher sind Gewichte von über zwei Tonnen, insbesondere bei Elektro-SUVs mit hoher Reichweite, heute keine Überraschung mehr.
Doch Sicherheit mit Größe gleichzusetzen, ist nicht korrekt. Dank hochfester Stähle, intelligenterer Lastpfade, fortschrittlicher Simulationen und aktiver Sicherheitssysteme kann auch ein kleineres Fahrzeug eine hohe Sicherheitsleistung erbringen. Die Aufgabe der Ingenieurskunst sollte es sein, Sicherheit nicht mit der größtmöglichen Karosserie, sondern mit der effizientesten Struktur zu gewährleisten. Andernfalls wird das Argument der „Sicherheit“ zu einer bequemen Rechtfertigung für maßloses Wachstum.
Ohnehin greift es zu kurz, das Wachstum der Autos allein mit Sicherheitsstandards und Batterietechnologie zu erklären. Wo der technische Bedarf endet, beginnt das Marketing.
SUV- und Crossover-Karosserieformen verkaufen dem Verbraucher eine hohe Sitzposition, einen geräumigen Innenraum, ein kraftvolles Erscheinungsbild und ein Gefühl von Sicherheit. Das „Gefühl“ ist hierbei entscheidend. Wer in einem großen Fahrzeug sitzt, fühlt sich möglicherweise geschützter; das bedeutet jedoch nicht, dass dadurch ein sichereres Verkehrssystem für alle geschaffen wird.
Denn wenn jeder ein größeres Fahrzeug kauft, wird das Sicherheitsrennen auf eine neue Ebene gehoben. Wer kleine Autos fährt, wirkt verletzlicher; daher entscheiden sich auch diese Fahrer beim nächsten Mal für ein größeres Fahrzeug. So verwandelt sich das individuelle Streben nach Sicherheit in eine kollektive Wachstumsspirale.
Auch für die Hersteller ist der Reiz großer Fahrzeuge offensichtlich: SUVs und Oberklassemodelle bieten in der Regel höhere Gewinnspannen. Dass kleine Autos nach und nach aus den Produktpaletten verschwinden, ist daher nicht nur eine spontane Entscheidung der Verbraucher; es ist auch das Ergebnis der angebotenen Optionen und des durch Werbung erzeugten Verlangens. Dass man heute bei „Familienauto“ zunehmend an eine wuchtigere Karosserie denkt, ist kein Zufall. Große Felgen, eine hohe Schulterlinie und eine steile Frontpartie sind heute weniger technische Merkmale als vielmehr eine Sprache von Macht und Status.
Das Problem ist: Das Auto wächst, aber die Stadt wächst nicht im gleichen Tempo mit.
Die Straßen werden nicht breiter. Fahrspuren, Tiefgaragen von Wohnhäusern und Parkplätze von Einkaufszentren werden nicht parallel zur Veränderung des Autodesigns umgebaut. Selbst wenn ein neuer SUV auf dem Papier in eine Parklücke passt, wird das Öffnen der Türen, das Einhalten eines sicheren Abstands zum Nachbarfahrzeug und das Manövrieren immer schwieriger. Große Fahrzeuge verbrauchen nicht nur während der Fahrt, sondern auch den Großteil des Tages, wenn sie parken, mehr öffentlichen Raum.
Dass ein Auto um einige Zentimeter breiter wird, mag unbedeutend erscheinen. Doch bei Millionen von Fahrzeugen ist das Ergebnis: weniger Parkkapazität, eingeschränktere Sichtwinkel, verstopftere Straßen und ein größerer Druck auf den öffentlichen Raum. Der begrenzte Raum der Stadt wird zwischen Autos, Fußgängern, Radfahrern, öffentlichen Verkehrsmitteln und Grünflächen geteilt. Je größer das Auto wird, desto mehr verschiebt sich diese Aufteilung stillschweigend zugunsten des Autos. Einige neue und große Modelle, die in Europa verkauft werden, passen kaum noch in die standardmäßigen Parkplätze am Straßenrand, die in vielen Städten genutzt werden.
Das Wachstum hat auch eine ökologische Rechnung. Eine größere Karosserie bedeutet mehr Stahl, Aluminium, Kunststoff, Glas und Kupfer. Ein höheres Gewicht erfordert zudem mehr Energie, um das Fahrzeug zu bewegen. Ein Elektromotor mag effizienter sein als ein Verbrennungsmotor, aber die physikalischen Gesetze ändern sich nicht. Die Energie, die benötigt wird, um einen zweieinhalb Tonnen schweren Elektro-SUV zu bewegen, ist höher als bei einem kleineren und leichteren Elektroauto. Während eine große Batterie die Reichweite erhöht, steigert sie auch den Bedarf an Rohstoffen, die produktionsbedingten Emissionen und die Fahrzeugkosten.
Dies bedeutet nicht, sich gegen das Elektroauto auszusprechen. Elektrifizierung ist notwendig, um verkehrsbedingte Emissionen zu reduzieren. Doch nur die Antriebsart zu ändern, ohne das stetige Wachstum der Autos zu hinterfragen, bedeutet, nur die halbe Wahrheit zu sehen. Dass ein Fahrzeug elektrisch ist, macht es nicht automatisch nachhaltig; Größe, Gewicht, Batteriekapazität, Nutzungsweise und Lebensdauer müssen ebenfalls berücksichtigt werden.
Auch die Sicherheitsfrage kann nicht nur aus der Perspektive der Fahrzeuginsassen bewertet werden. Euro NCAP weist auf die Inkompatibilität bei Kollisionen zwischen großen, schweren Fahrzeugen und kleinen Autos hin. Hohe und steile Motorhauben können für Fußgänger und Radfahrer schwerwiegendere Folgen haben. Es ist wichtig, dass das große Auto seine Insassen schützt; gute Ingenieurskunst sollte diesen Schutz jedoch nicht auf Kosten einer höheren Gefährdung der Gegenseite erreichen.
In der Türkei ist dieser Trend noch deutlicher sichtbar. Laut Daten des Verbands der Automobilhändler und Mobilität (ODMD) für den Zeitraum Januar bis Juni 2026 waren 64,6 Prozent der verkauften Autos vom Typ SUV. Das bedeutet, dass der SUV kein Nischenprodukt am Rande des Marktes mehr ist; er bildet den Mainstream. Demgegenüber bestehen unsere Städte zu einem großen Teil aus engen Straßen, alter Bausubstanz und begrenzten Parkkapazitäten. Unsere Autopräferenzen ändern sich, aber der physische Raum, den wir nutzen, bleibt derselbe.
Es geht nicht darum, den Menschen vorzuschreiben, welches Auto sie kaufen sollen. Aber wir können nicht länger ignorieren, dass die Fahrzeuggröße Konsequenzen hat, die nicht allein mit persönlichem Geschmack oder Kaufkraft erklärt werden können. Besteuerung, Parkgebühren, Sicherheitsstandards und Herstellerstrategien müssen den Anstieg von Gewicht und Größe explizit berücksichtigen. Auch die Hersteller sollten Effizienz nicht nur am Motorverbrauch messen, sondern an der Fähigkeit, die gleiche Aufgabe mit weniger Material und geringerer Masse zu erfüllen. Andernfalls ist das, was wir „freie Wahl“ nennen, nichts weiter als ein schöner Name für enger werdende Straßen, schwindenden öffentlichen Raum und Risiken, die anderen aufgebürdet werden.
Die Frage lautet nun: Werden wir weiterhin die Garage vergrößern oder werden wir das Auto wieder an unsere tatsächlichen Bedürfnisse anpassen?
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