Die tiefe Krise, in die die AKP-Regierung die Türkei gestürzt hat, stellt einerseits eine enorme wirtschaftliche Belastung für die Gesellschaft dar, bietet andererseits aber auch eine wichtige politische Chance. Heute möchte ich dieses Thema mit meinen geschätzten Lesern im Hinblick auf die Bildung eines gesellschaftlichen Bewusstseins erörtern.
Lassen Sie uns zunächst das Thema Armut als Krisenindikator betrachten. Werfen wir einen Blick darauf, wie dieses Thema von einigen Politikern und akademischen Kollegen falsch diskutiert wird. In der Herangehensweise unserer Freunde an die Armut wird diese definiert, in verschiedene Kategorien eingeteilt und betont, dass Armut durch öffentliche Politik gelindert werden kann. In der akademischen Welt mag man sich der Armut auf diese Weise nähern, doch für die öffentliche Debatte spielt dieser Ansatz kaum eine Rolle, wenn es darum geht, eine Systemlogik zu entwickeln. Denn eine solche Diskussion führt dazu, dass das System in den Hintergrund rückt und das Armutsproblem lediglich als Folge der falschen Politik der Regierung dargestellt wird. Ich bin der Ansicht, dass für die Bildung eines gesellschaftlichen Bewusstseins der Kapitalismus als System bei der Diskussion über Armut in den Vordergrund gerückt werden muss. Wenn man das Problem als Systemfrage behandelt und eine systemische Lösung anstrebt, ist es zwar richtig, dass kurzfristig keine systemrelevanten Ergebnisse erzielt werden können; dennoch könnten Kapital- und Regierungskreise, die diese wachsende Haltung in der Öffentlichkeit als Bedrohung wahrnehmen, toleranter gegenüber Forderungen werden, um das Problem zu entschärfen. Auf diese Weise kann bei der Bekämpfung der Armut, die die Gesellschaft tief verletzt, eine wenn auch nur vorübergehende Lösung gefunden werden, während gleichzeitig im Bereich des politischen Kampfes ein gesellschaftliches Bewusstsein gewonnen wird.
Ein weiterer Bereich, der unser Volk in die Armut treibt, ist die Frage des Mindestlohns. Auch das Thema Mindestlohn wird durch Kriterien wie die Hunger- oder Armutsgrenze normalisiert und von der Funktionsweise des Systems entkoppelt, um es zu legitimieren. Die Frage des Mindestlohns kann nicht auf die reinen Ernährungskosten des Arbeitnehmers reduziert werden, dessen Arbeitskraft gekauft wird. Dieser Ansatz beim Mindestlohn kann nicht als gerechte Lösung für die Verteilung des produzierten Wertes zwischen Lohn und Gewinn akzeptiert werden. Auch das Argument, dass eine Anhebung des Mindestlohns die Inflation anheize, ist keine gültige These. Denn diese Ansicht wurde durch die Erfahrungen der letzten 11 Monate widerlegt. Die Tatsache, dass die Inflation gestiegen ist, obwohl der Mindestlohn seit Jahresbeginn nicht erhöht wurde, ist der Beweis dafür. Wenn jedoch Arbeitnehmer und ein Großteil der Bevölkerung, die aufgrund der Unterdrückung des Mindestlohns Schwierigkeiten haben, ihren täglichen Lebensunterhalt zu bestreiten, sich dem Finanzsektor zuwenden, bedeutet dies, dass der Arbeitnehmer, der bereits im Produktionsbereich ausgebeutet wurde, in einer zweiten Phase auch im Finanzbereich ausgebeutet wird. Dies führt nicht nur zu einer weiteren Verschlechterung der Einkommensverteilung, sondern trägt durch finanzielle Überhitzung auch indirekt zur Inflation bei. Das Thema Lohn muss als fairer Anteil an der Wertschöpfung behandelt werden, und diese Sichtweise muss den Kapital- und regierungsnahen Kreisen abverlangt werden. Die Unterdrückung des Mindestlohns hat keinen direkten Zusammenhang mit der Produktion, sondern dient dazu, die Gewinne im ineffizienten Industriesektor zu steigern und den Komfort verschwenderischer öffentlicher Verwalter nicht zu gefährden, was eine Frage der politischen Machtverhältnisse ist. Das ist der Punkt, den die Vertreter der Arbeitnehmerseite in der Mindestlohnkommission bei den Verhandlungen begreifen müssen.
Sozioökonomische Probleme wie Armut und Mindestlohn müssen ständig auf der Tagesordnung gehalten werden, damit die Öffentlichkeit eine Vorstellung von der Logik und Funktionsweise des Systems entwickeln kann. Kurz gesagt: Wenn wir sozioökonomische Probleme wie den Mindestlohn und die zunehmende Armut gemeinsam betrachten, ist es möglich, das Phänomen der Krise auch als Chance für die gesellschaftliche Entwicklung zu sehen. Denn in Krisen liegen für die Völker große Vorteile, Möglichkeiten und Potenziale verborgen. Wirtschaftskrisen liefern der Gesellschaft ernsthafte Warnungen über das System, da Systeme in Krisenzeiten mehr Informationen und Ideen liefern als in ihren relativ positiven und stabilen Phasen. Menschen, die in Krisenzeiten unter Druck geraten, erkennen sowohl die Funktionsweise des Systems als auch entwickeln sie Gedanken über Wege, um sich aus den Schwierigkeiten zu befreien, und neigen zu Handlungen. In Krisenzeiten werden Politiker beschuldigt und verschiedene politische Vorschläge entwickelt. Mit anderen Worten: Die Gesellschaft kann in Krisenzeiten politisiert werden. Die Politisierung der Völker geschieht natürlich nicht in einer einzigen Krisenperiode, aber jede Krisenperiode bietet den Völkern eine Art Manöver- und Projektentwicklungsmöglichkeit.
Da Völker anonym und atomisiert sind, fällt es ihnen schwer, kollektives Verhalten zu zeigen. Ein typisches Beispiel dafür sind die Gezi-Proteste. Wie bei den Gezi-Ereignissen zu sehen war, ist eine unorganisierte Volksbewegung dazu verdammt, zu verpuffen oder von den Unterdrückungsorganen des Staates niedergeschlagen zu werden. Solche unorganisierten, anonymen Ereignisse bleiben zwar als wichtige Erfahrung im Gedächtnis der Gesellschaft, hinterlassen aber kaum bleibende Spuren. Dennoch ist jedes Ereignis oder jede Entwicklung eine Lektion für die Gesellschaft, und zweifellos waren auch die Gezi-Ereignisse eine sehr wichtige gesellschaftliche Lektion. So sehr, dass man aus den Gezi-Ereignissen gelernt hat, dass Volksbewegungen die Politik erschüttern können, auch wenn sie nicht von organisierten Gruppen oder Sektoren unterstützt wurden. Trotz des Schicksals, das die Gezi-Ereignisse ereilte, muss man wissen, dass soziale Ereignisse als außerordentlich nützliche Erfahrungen für die Völker einen sehr wichtigen Platz in der gesellschaftlichen Entwicklung einnehmen. Mit anderen Worten: Krisen sind von großer Bedeutung, da sie Volksbewegungen auslösen können.
Da es jedoch die Grenzen der Gewerkschaften überschreitet, soziale Bewegungen in eine systemkritische, organisierte Position zu bringen, geht dies über den gewerkschaftlichen Bereich hinaus und fällt in den Tätigkeitsbereich politischer Parteien. Wenn heute das Bündnis aus inländischem Kapital, das mit ausländischem Kapital verbunden ist, und der Regierung imperialistischen Druck auf die Gesellschaft ausüben und das Volk in die Armut treiben kann, dann sollten nicht die unorganisierten Völker als Verantwortliche gesehen werden, sondern jene politischen Organisationen, die sich nicht für verantwortlich halten, dem Volk auf organisierte Weise den Weg zu weisen. Das Problem der Türkei, die in eine tiefe Krise geschlittert ist, ist nicht, wer Präsident ist oder zum wievielten Mal er Präsident wird. Und die Rettung des Landes liegt erst recht nicht in den Ambitionen auf Ämter und Posten jener Linken der Vergangenheit, die sich herablassen, das Präsidentschaftstheater geradezu als offizielle Sprecher zu kommentieren und es schamlos im Namen des Rechts zu verteidigen. Der heutige Kampf unseres Volkes muss sich gegen all diese Possenspiel-Strukturen richten, die sich dem Imperialismus ergeben haben. In diesem Kampf müssen linke Organisationen an vorderster Front stehen, die die Gesellschaft anführen können.
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