Die Verkehrsdebatte in der Türkei konzentriert sich meist auf zwei Punkte: Geschwindigkeit und Radar. Doch oft wird das eigentliche Problem übersehen: die Spurdisziplin.
Das Bild, das wir auf Autobahnen am häufigsten sehen, ist folgendes: Das Tempolimit liegt bei 120 oder 140 km/h. Ein Fahrzeug fährt mit konstanter Geschwindigkeit auf der linken Spur. Dahinter bildet sich eine Schlange. Obwohl die rechte Spur frei ist, behält der Fahrer seine Position bei, mit dem Argument: „Das ist doch das Limit“. Wer von hinten kommt, muss entweder abrupt bremsen oder versuchen, rechts zu überholen. Genau hier beginnt das Risiko.
Spurwechselverstöße sind nicht bloß eine „Unart im Straßenverkehr“. Es ist ein Verhalten, das den Verkehrsfluss mathematisch stört. Denn ein Großteil der Unfälle entsteht nicht durch hohe Geschwindigkeit, sondern durch Geschwindigkeitsunterschiede. Ein Fahrzeug, das unnötig auf der linken Spur verweilt, vergrößert die Geschwindigkeitsdifferenz und löst eine Kettenreaktion aus. Der Fehler eines einzelnen Fahrzeugs kann kilometerweit hinter sich Staus verursachen. Besonders auf der TEM-Autobahn und der Kuzey Marmara Otoyolu ist dies ein sehr ernstes Problem. In einer Stadt wie Istanbul, in der der Verkehr ohnehin am Limit ist, ist dies genauso unfair, wie wir uns über „Drängler“ aufregen.
Das Radarsystem ist die andere Seite dieser Gleichung. Der Zweck von Radar ist klar: überhöhte Geschwindigkeit zu reduzieren. Doch die Art der Umsetzung bestimmt das Verhalten. Besonders auf langen Strecken führt die Wahrnehmung von versteckten Radarfahrzeugen dazu, dass der Fahrer seine Aufmerksamkeit von der Straße auf den Tacho verlagert. Die Psychologie des „Nicht-erwischt-Werdens“ erzeugt Wellen von plötzlichen Bremsmanövern. Wenn eine Person das Radar bemerkt und stark abbremst, entsteht dahinter ein Dominoeffekt.
Der Widerspruch liegt hier: Radar kontrolliert die absolute Geschwindigkeit, aber Spurverstöße werden oft nicht ausreichend geahndet. Dabei steht das System auf zwei Beinen. Neben der Geschwindigkeitskontrolle muss auch die Spurdisziplin überwacht werden. Andernfalls entstehen auf der einen Seite die „Raser“ und auf der anderen Seite die „Blockierer“, wodurch die Geschwindigkeitsunterschiede wachsen. Dies ist auch auf langen Strecken ein sehr ernstes Problem. Nehmen wir die Autobahn nach Izmir: 2500 TL Maut zu zahlen und gleichzeitig Angst vor dem Radar zu haben, ist ein eigenes Thema. Wenn man mit hoher Geschwindigkeit unterwegs ist und das Fahrzeug vor einem nicht zur Seite fährt, zwingt es einen zum abrupten Bremsen, was wiederum den Verschleiß der Bremsbeläge erhöht. Der zusätzliche Kraftstoffverbrauch, um danach wieder auf das gleiche Tempo zu kommen, schadet dem eigenen Geldbeutel – auch aus dieser Perspektive muss man das betrachten.
Im oft zitierten Autobahnsystem in Deutschland ist die linke Spur tatsächlich zum Überholen da. Die Debatte über Tempolimits ist ein separates Thema, aber das Blockieren der Spur wird mit ernsthaften Sanktionen belegt. Deshalb ist der Verkehrsfluss auch bei hohen Geschwindigkeiten nicht chaotisch. Man kann problemlos mit 250 km/h fahren, ohne dass einem wie hier ein Idiot ohne zu blinken vor das Auto springt.
In der Türkei ist das Problem oft weniger die Geschwindigkeit als vielmehr die Unordnung. Die linke Spur als „Recht“ zu betrachten, aus Angst vor dem Radar starr zu bleiben und zu fahren, ohne den Verkehrsfluss zu berücksichtigen, stört das Gleichgewicht des Systems.
Verkehr ist kein Kampf um individuelle Rechte, sondern eine Frage kollektiver Harmonie.
Radar allein sorgt nicht für Sicherheit.
Ohne Spurdisziplin bleibt die Geschwindigkeitsdebatte unvollständig.
Gute Fahrt – soweit das unter diesen Bedingungen möglich ist.
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