Der große Name des Jazz, Abdullah İbrahim, ist am 15. Juni im Alter von 91 Jahren in Bayern verstorben. Ibrahims Tod ist nicht nur der Verlust eines Musikgiganten. Sowohl sein Dasein als auch sein Abschied erinnern daran, wie Musik zu einem Teil von Erinnerung, Widerstand und Identität gegen eines der schrecklichsten politischen Regime des zwanzigsten Jahrhunderts werden konnte und kann.
1934 in Kapstadt unter dem Namen Adolph Johannes Brand geboren und in der Anfangsphase seiner Karriere als Dollar Brand bekannt, war Ibrahim einer der weltweit bedeutendsten Namen des südafrikanischen Jazz. Nach seiner Konversion zum Islam im Jahr 1968 nahm er den Namen Abdullah İbrahim an. Vielleicht entsprang diese Wahl seiner Verbundenheit mit den Unterdrückten und der menschlichen Würde in einer Zeit, in der der antikoloniale Kampf auf dem gesamten afrikanischen Kontinent und in der islamischen Welt zunahm.
Seine Kindheit verbrachte er in einem Südafrika, in dem das Apartheid-Regime immer härter wurde. Deshalb können wir seine Musik nicht nur als ästhetische Angelegenheit betrachten. Kirchenlieder, afrikanische Rhythmen, die Karnevalsklänge der Straßen von Kapstadt, amerikanischer Jazz sowie die Einflüsse von Duke Ellington und Thelonious Monk gehörten zu den Bestandteilen seiner Musik. In Ibrahims Musik wird die Melodie oft schlichter, wiederholt sich; sie verwandelt sich, als wäre sie ein Gebet oder eine ferne Kindheitserinnerung. In dieser Schlichtheit liegt eine große historische Last.
Nehmen wir zum Beispiel sein berühmtes Stück „Ishmael“. Ein türkischer Zuhörer, der tausende Kilometer von Südafrika entfernt lebt, findet sich in diesem Stück an einem sehr weit entfernten Ort wieder; nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich. Er fühlt sich weit zurück in die Zeit vor der Apartheid versetzt; er fühlt sich als Gefährte des Propheten Ibrahim, der in der Wüste eine neue Heimat für sich suchte, und als Gebetsgenosse seines Sohnes Ismail. Es geht weniger um die schwungvolle Melodie des Jazz als vielmehr um die Schlichtheit eines Gebets. Es sind kurze Motive, die sich nicht vermehren, sondern im Gegenteil, während sie sich kreisförmig wiederholen, zur Ruhe kommen. Abdullah İbrahim rekonstruiert die Erfahrung des Exils, den Glauben und den Wunsch nach Heimkehr durch den Klang. Die universelle Kraft der Musik liegt in dieser jahrtausendealten gemeinsamen menschlichen Erfahrung.
In den 1950er Jahren war Ibrahim zusammen mit Musikern wie Hugh Masekela Teil des Umfelds von The Jazz Epistles. Diese Generation war wegweisend für die Modernisierung des südafrikanischen Jazz. Doch das Apartheid-Regime, dem sie gegenüberstanden, trennte nicht nur Körper, Stadtviertel und Schulen, sondern auch die Musik. Musikveranstaltungsorte, Aufnahmemöglichkeiten, Reisefreiheit und die öffentliche Präsenz schwarzer Künstler standen unter dem Druck des Regimes. In dieser Zeit, in der sein langes Exil begann, war seine Entdeckung durch Duke Ellington in Zürich ein Wendepunkt für Ibrahims internationale Karriere.
Das politisch bedeutendste Werk von Abdullah İbrahim ist „Mannenberg“. Dieses 1974 aufgenommene Stück war kein gesungenes Propagandalied. Vielleicht war seine Wirkung gerade deshalb so tiefgreifend. Es wurde zu einer der inoffiziellen Hymnen des Kampfes gegen die Apartheid. Es trug die Unterdrückung, die Schwarze und die als „farbig“ klassifizierten Gemeinschaften in Südafrika erlebten, sowie die Erinnerung und den Wunsch nach Widerstand in sich. Dieses Stück wurde auch bei der Vereidigung von Zohran Mamdani gespielt, der als erster muslimischer Bürgermeister von New York gewählt wurde.
Dass ein solches wortloses, instrumentales Stück eine politische Bedeutung für die Massen erlangt, zeigt die Größe Ibrahims: Er platzierte die Politik, die aus Klang, Rhythmus und Erinnerung bestand, in den Klang, den Rhythmus und die Erinnerung selbst.
Obwohl er im klassischen Sinne kein „Linker“ war, vertrat er eine freiheitliche Haltung gegen Apartheid und Kolonialismus. Sein Ruhm überschritt Kontinente. Nach kurzer Krankheit verstarb er am 15. Juni 2026 im Alter von 91 Jahren in Prien am Chiemsee im deutschen Bundesland Bayern.
Seine Lebensgefährtin Dr. Marina Umari sagte über ihn: „Abdullah hat diese Welt in Frieden verlassen, während er Südafrika und sein Volk in seinem Herzen trug. Wo auch immer er auf der Welt war, seine Liebe zu seinem Land ist niemals erschüttert worden.“
In der Hoffnung, dass seine Musik unseren Ohren und die Liebe zur Heimat und zur Menschheit unseren Herzen niemals fehlen möge.
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