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US-Wahlkampf wieder auf Messers Schneide

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Was für seltsame Dinge hat Amerika in letzter Zeit erlebt, nicht wahr? 

Bidens Begrüßung des Nichts…

Dass er den ukrainischen Präsidenten Selenskyj mit Putin ansprach…

Dass er seine eigene Vizepräsidentin Trump nannte… 

Dass er eine andere Frau für seine Ehefrau hielt… 

Sein denkwürdiger Auftritt bei der Debatte… 

Und dazu natürlich die Kugel, die Trumps Ohr streifte… 

Während die Summe all dieser Ereignisse zu der Wahrnehmung führte, dass die Wahl bereits von Trump gewonnen sei, gab es eine Entwicklung, die das Rennen wieder ausgeglichen hat: US-Präsident Biden zog seine Kandidatur zurück und sprach sich für Harris als seine Nachfolgerin aus.

Das bringt Trump – auch wenn er behauptet, Harris noch leichter schlagen zu können als Biden – sicherlich zum Nachdenken. Denn Trump hatte nicht nur seine gesamte Strategie auf Bidens Kandidatur ausgerichtet, sondern auch bereits schwer rückgängig zu machende Schritte unternommen, wie etwa die Wahl seines Vizepräsidenten. Zunächst hatte Trump, obwohl er nur wenige Jahre jünger ist, dank Bidens neurologischem Zustand die Rolle des „rüstigen jungen Mannes“ eingenommen und seine Propaganda fast vollständig auf der Dualität von Jugend und Dynamik gegenüber Alter und Stagnation aufgebaut. Gegenüber der 59-jährigen Harris befindet sich Trump nun jedoch auf der negativen Seite dieser Dualität. 

Zudem spielte Trump nach dem Attentatsversuch die ihm vom Schicksal zugespielte Rolle des „von Gott beschützten Auserwählten“ mit großer Begeisterung und war sich seines Sieges so sicher, dass es nicht mehr nur darum ging zu gewinnen, sondern diese Energie in eine Kraft zu verwandeln, um das System grundlegend zu verändern. Zu diesem Zweck wählte er einen rechtsextremen Vizepräsidenten, der noch nicht einmal 40 Jahre alt ist: J.D. Vance. Denn für Trump war das Ziel nicht mehr, die Wähler der Mitte anzusprechen, sondern mit diesem Sieg, von dem er überzeugt war, dass er ihn sicher in der Tasche hätte, den Trumpismus dauerhaft zu etablieren. 

Doch mit der Kandidatur von Harris wurden die Diskussionen über das Attentat plötzlich von Debatten über Harris abgelöst. Da das Rennen nun wieder auf ein Fotofinish hinauszulaufen scheint, haben auch die Wähler der Mitte, die Trump zuvor beiseitegeschoben hatte, wieder an Bedeutung gewonnen. Das Problem für Trump ist hierbei: Während Trumps Karten nach der Biden-Ära offen auf dem Tisch liegen, geht Harris in das nun fast ausgeglichene Rennen sowohl mit verdeckten Karten als auch mit dem Wissen um die Hand ihres Gegners. Die erste Frage hierbei ist, welchen Vizepräsidenten Harris im Gegensatz zu Trumps Wahl von Vance bestimmen wird. Denn Harris und ihr gewählter Vizepräsident könnten beispielsweise die jungen Wähler zurückgewinnen, die dazu neigten, sich von der Partei unter Biden abzuwenden. Harris' Wahl von Tim Walz, der als gemäßigter Demokrat bekannt ist, deutet genau auf dieses Bestreben hin.

Darüber hinaus könnte Harris' kritische Haltung gegenüber Netanjahu im Gegensatz zu Bidens bedingungsloser Unterstützung Israels sowie ihr öffentliches Eingeständnis der humanitären Kosten des Konflikts für palästinensische Zivilisten dazu führen, dass sich muslimische Wähler – insbesondere in den Swing States – Harris zuwenden. Tatsächlich scheint sie sich dessen bewusst zu sein, da sie es vorzog, nicht an Netanjahus Rede vor dem Kongress teilzunehmen, sondern stattdessen eine Wahlkampfveranstaltung zu besuchen, und damit ihre Haltung in dieser Richtung in „abgemilderter“ Form zum Ausdruck brachte. Zweifellos muss sie auch hier eine Haltung bewahren, die das Gleichgewicht nicht verliert, und darf die Realität der Israel-Lobby nicht vergessen.

Ein weiteres wichtiges Thema ist, dass Harris bisher keine eigene Geschichte (Narrativ) entwickeln konnte. Der Einschätzung des Economist kann man sich nur anschließen:

„Dennoch ist die von amerikanischen Wählern von Politikern erwartete ‚Authentizität‘ in Harris' Vergangenheit vorhanden. Zunächst einmal ist sie die Tochter von Einwanderern: Ihre verstorbene Mutter war eine in Indien geborene Endokrinologin; ihr Vater ein in Jamaika geborener Ökonom. Das Paar lernte sich in den 1960er Jahren in Berkeley als Bürgerrechtsaktivisten kennen. Wäre jemand anderes an Harris' Stelle, hätte man aus diesen Wurzeln eine unvergessliche Identität schaffen können, doch sie hatte Schwierigkeiten, sich auf der nationalen Bühne zu definieren. Als asiatisch-schwarze Frau, die Hindernisse überwunden hat, würde sie wahrscheinlich andere zu einer emotionalen Hollywood-Produktion inspirieren.“

Tatsächlich kennen wir alle einen sehr erfolgreichen Politiker der Demokratischen Partei, der diese Geschichte geschrieben hat: Barack Obama. Obama verlieh seiner Identität, die in den Augen eines Teils der amerikanischen Gesellschaft ein Handicap hätte darstellen können, eine solche Bedeutung… Er schaltete den Rassismus, dem er aufgrund seiner Identität hätte begegnen können, fast mit einem einzigen Schlag aus. Er konstruierte dies mit der impliziten Botschaft: „Um einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen zu können, muss die USA einen schwarzen Präsidenten haben“, und machte damit fast die gesamte Gesellschaft zu einem Teil seiner Kampagne. Ein solcher Wandel, der zuvor undenkbar war, war nun möglich, und das amerikanische Volk erreichte dies. Deshalb riefen sie alle wie aus einem Mund: „YES, WE CAN“ (Ja, wir können es!)

Genau hier liegt auch das Geheimnis von Harris' Erfolg. Also das, was wir in der politischen Kommunikation Storytelling nennen. Wenn sie eine persönliche Geschichte schreiben kann, in die sie die Gesellschaft einbinden kann, dann können wir an diesem Tag sagen: „YES, SHE CAN“.