Der morgige Prozess zum CHP-Parteitag ist nicht nur ein juristischer Vorgang; er wird eine Schwelle sein, an der Demokratie, Repräsentation und der Volkswille neu definiert werden. Dieser Fall ist keine gewöhnliche parteiinterne Angelegenheit. Er wird tiefe Spuren in der Geschichte der größten Oppositionspartei und in der emotionalen Bindung, die sie zum Volk aufgebaut hat, hinterlassen. Deshalb ist eine aufrechte Haltung nicht nur eine politische Einstellung, sondern auch eine gewissenhafte Verantwortung.
Die Inspiration für diese aufrechte Haltung können wir von Bülent Ecevit beziehen, der die CHP einst mit Wissen und Anmut führte und der uns durch sein bescheidenes Auftreten sowie sein stets getragenes blaues Hemd in Erinnerung geblieben ist.
Während der Zeitgeist wie Wellen über uns hinwegzieht, halte ich gerade in einer solchen Zeit ein Buch in den Händen, das aus der Feder einer jungen Frau stammt und als Geschenk zum 100. Geburtstag Ecevits veröffentlicht wurde: Ecevit Mavisi (Ecevit-Blau).
Dieses von Derya Tamdoğan Ataseven akribisch erarbeitete Werk ist weit mehr als eine klassische Biografie. Dieser Text, der sich auf die Welt, die Gedichte, die Briefe und die Träume des jungen Bülent konzentriert, trägt wie eine intellektuelle archäologische Arbeit die feinen Spuren der Vergangenheit in die heutige Zeit der Jugend. Ataseven hat alle Bücher, die der junge Bülent in den Jahren 1944–1946 in seinen Briefen an seinen Schulfreund Tunç Yalman empfahl, einzeln ausfindig gemacht und eingehend untersucht.
Sie folgt Ecevits mentaler Landkarte Schritt für Schritt, und zum Vorschein kommt ein Ozean des Denkens, der sich Tropfen für Tropfen angesammelt hat.
Einer der Sätze im Buch, der mich am meisten beeindruckt hat, ist diese Äußerung, die Ecevit bereits im Alter von 19 Jahren tätigte:
„Aber jeder Politiker sollte auch eine andere Welt jenseits der Politik haben… Man darf nicht vergessen, dass der Mensch das eigentliche Thema der Politik ist.“
Dies ist nicht nur der Ausdruck eines Ideals, sondern auch einer Haltung. Es ist die Vision eines Anführers, der Politik nicht als Karriere, sondern als Dienst an der Menschheit betrachtet. Ecevits „andere Welt“ gab es immer: Gedichte, Übersetzungen, Kunst, Literatur… Also jene Bereiche, in denen der Mensch menschlich bleiben kann.
Genau das ist es, was uns auch heute noch aufrecht halten kann.
Auf den Seiten von „Ecevit Mavisi“ finden sich nicht nur die Spuren eines Intellektuellen; es sind auch die eines Menschenrechtlers, eines friedfertigen Anführers, eines Denkers und eines Dichters. Die von Bülent Ecevit empfohlenen Bücher, die von ihm verfassten Gedichte und die übersetzten Texte bieten jenseits seiner politischen Identität auch eine Landkarte des Gewissens.
Wenn es in diesem Land ein „Blau“ gibt, das mit seinem Namen identifiziert wird, dann ist dieses Blau nicht nur die Farbe eines Hemdes; es ist die Farbe eines Blickes, eines Bewusstseins und einer Klarheit.
„Ecevit Mavisi“ erinnert nicht nur an die Vergangenheit, sondern bürdet dem Leser auch eine Verantwortung für die Zukunft auf. Besonders der Jugend… Es ruft dazu auf, nachzudenken, zu hinterfragen, zu lieben und mit Gewissen zu handeln. Die Spuren dieser Werte, die im heutigen politischen Umfeld schnell verloren gehen, sind es wert, in diesem Buch verfolgt zu werden.
Während der Parteitagsprozess näher rückt, wird es uns allen gut tun, uns daran zu erinnern, dass ein Anführer nicht nur durch politische Schachzüge, sondern auch durch Poesie, Kunst und Gewissen existieren kann. Wir brauchen so dringend diejenigen, die nicht vergessen, dass der Mensch das Subjekt der Politik ist, und die keine Mauern zum Volk errichten, sondern blaue Brücken aus Poesie bauen…
Vielleicht ist deshalb jetzt mehr denn je ein Blick in „Ecevit-Blau“ erforderlich.
Ich gratuliere Derya Tamdoğan Ataseven von Herzen zu dieser tiefgründigen und umfassenden Arbeit, mit der sie nicht nur eine Ära, sondern auch eine menschliche Haltung ans Licht gebracht hat. Auch dem Humanist Kitabevi, das an sie geglaubt und dieses Werk aufgenommen hat, muss man besonders gratulieren. Ich glaube, dass diese tiefgründige Arbeit über das Bewahren von Ecevits Namen hinaus den neuen Generationen als Wegweiser dienen wird.
Lassen wir also den jungen Bülent zu Wort kommen:
„Die Welle, die einmal steigt und einmal sinkt. Wenn es wirklich so ist, bin ich damit einverstanden; zumindest wäre die Hälfte unseres Lebens glücklich vergangen.“
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