NACHDENKEN UND LÄCHELN
Wer ist Keleş Efendi?
Nun, Keleş Efendi ist ein wenig verrückt, ein wenig weise und ein wenig einfältig. In ihm steckt ein bisschen Bektaschitum, ein bisschen Nasreddin Hodscha und ein bisschen Teyo Pehlivan.
Er ist ein pensionierter Gerichtsschreiber. Vor dem Gerichtsgebäude arbeitet er als Bittschriftenschreiber. Er ist über achtzig Jahre alt.
Er kleidet sich sehr elegant. Mit seinem schneeweißen, dichten Haar, dem schneeweißen Schnurrbart und seiner goldgelben Brille sieht er aus wie ein Staatsmann.
Ohnehin verhält er sich immer so, als wäre er ein Staatsmann.
Aber wenn er einmal wütend wird, kann man seinen Mund, seine Zunge und seine Hände nicht mehr bändigen.
Sie kennen sicher auch den berühmten Teyo Pehlivan.
Teyo Pehlivan erfindet Märchen und macht sich selbst zum Helden dieser Geschichten. Er produziert also ständig Notlügen. Aber jede Lüge erzählt auf subtile Weise eine Wahrheit. Er bringt einen sowohl zum Lachen als auch zum Nachdenken.
Eines Tages sieht Keleş Efendi Teyo Pehlivan in seinem Traum.
Teyo Pehlivan sagt zu ihm:
- Hör mal, Keleş, ich bin jetzt in deine Seele eingezogen. Von nun an wirst du nach meinen Prinzipien handeln. (Teyo ist vor Jahren verstorben)
Dieser Keleş Efendi schreibt vor dem Gerichtsgebäude Bittschriften. Er verfügt über ein tiefes juristisches Wissen! Und sein politisches Wissen ist erst recht auf einem fortgeschrittenen Niveau!
Ein Politiker sollte vorausschauend sein. Aber Keleş Efendi sah noch weiter, noch viel weiter.
Und sein wirtschaftliches Wissen? Das war noch gewaltiger.
Im Handumdrehen senkte er die Inflation und leitete die Ära der Billigkeit ein.
Keleş Efendi war also in gewisser Weise ein Wirtschaftsgenie!
Doch seine Eigenschaften beschränkten sich nicht darauf. Er war gleichzeitig ein knallharter Revolutionär.
Doch nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 wurde er Liberaler.
Der Liberalismus reichte ihm nicht. „Ich konnte aus diesem Liberalismus keinen Nutzen ziehen“, sagte er.
Diesmal wurde er sowohl Sozialist als auch Liberaler. (Was auch immer das bedeuten mag)
Schließlich werden Liberale reich, dachte er. Sie haben viele Kunden. Sind nicht alle reichen Klassen ohnehin liberal? Warum sollte Keleş Efendi also nicht liberal sein! Er wollte auch zur reichen Klasse gehören. Er wollte die Klasse wechseln und reich werden, verstehen Sie jetzt!
Er wollte sich an den Ast des Liberalismus klammern, aber der Ast war für ihn viel zu hoch. Er hätte in der Kapitalistenklasse höchstens als Arbeiter dienen können, aber selbst als Arbeiter wollte ihn niemand haben.
Als dieser Herr Keleş Efendi liberal wurde, blieben auch die drei bis fünf Bittschriften, die er täglich bearbeitete, aus. Zudem nannten ihn seine alten revolutionären Freunde „den Wendehals Keleş“. Damit nicht genug, verpassten sie ihm noch einen weiteren Spitznamen: „Der ‚Reicht nicht, aber ja‘-Keleş“.
Keleş Efendi grübelte nach, konnte aber vom Liberalismus nicht lassen. Schauen Sie sich um, alle Parteien sind liberal, die große Mehrheit der Intellektuellen ist liberal! Warum sollte er also nicht liberal sein! Daraufhin beschloss er, sowohl Sozialist als auch Liberaler zu sein.
Er stellte fest, dass die Prinzipien dieses neuen Sozialismus sich stark von seinen alten revolutionären Tagen unterschieden.
Die Prinzipien seiner neuen Ideologie lauten wie folgt:
„Reicht nicht, aber ja“.
Das Wort „Klasse“ ist verboten. Nicht in den Gesetzen, sondern in den unsichtbaren Gesetzen des Kapitalismus.
Die Reichen werden noch reicher, und danach werden die Armen reich.
Der Markt löst alles.
Man muss LGBT verteidigen.
Man muss pro-amerikanisch sein.
Wenn man pro-amerikanisch ist, unterstützt man jede Aktion der PKK. Dann nennt man das alles „Freiheit“, vergisst aber völlig die wirtschaftlichen Grundlagen und Budgets dieser Freiheiten und Rechte.
Während Keleş Efendi seinen Weg als sowohl Liberaler als auch Sozialist fortsetzte, fragten ihn die Leute in seinem Umfeld: „Was hast du eigentlich mit LGBT zu tun? Weißt du überhaupt, was LGBT ist?“, doch er ignorierte sie. Er antwortete kurz und knapp.
Wenn sie ihn zu sehr bedrängten, sagte er:
„Ach Leute, weiß ich denn, was ich tue? Jeder ist liberal geworden, also bin ich auch liberal geworden. Ich habe gesehen, dass es sowohl Liberale als auch Sozialisten gibt. Jetzt bin ich eben beides. Schauen wir mal, wir sitzen auf einem Unheil und steuern auf den Weltuntergang zu…“
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