Mehmet Özdağ schreibt: Preiserhöhungen für Bürger, doppelte Subventionen für Unternehmen! Auf der Rechnung steht keine Energie, sondern ein Vermögenstransfer
Der Elektroingenieur Mehmet Özdağ schreibt... Preiserhöhungen für Bürger, doppelte Subventionen für Unternehmen! Auf der Rechnung steht keine Energie, sondern ein Vermögenstransfer
Der Anstieg der Verteilungsgebühren um 2000 Prozent in den letzten 10 Jahren hat die Stromrechnung in ein Instrument verwandelt, das Ressourcen an Verteilungsunternehmen überträgt.
Die Energiepolitik in der Türkei gleicht seit langem einem Finanzmechanismus, bei dem öffentliche Ressourcen zugunsten bestimmter Unternehmen umverteilt werden. Trotz unserer Warnung vom 2. April, dass „man die Preiserhöhungen nicht verhindern kann, ohne die Verteilungsunternehmen zu subventionieren“, hat die Energiemarktregulierungsbehörde (EPDK) diese Struktur mit dem am 4. April in Kraft getretenen neuen Tarif weiter vertieft. Das eigentliche Diskussionsthema ist nicht mehr die Begründung der Preiserhöhungen, sondern an wen und auf welche Weise diese Beträge übertragen werden.

15 PROZENT GEGENÜBER 75
Ab April 2026 erreichte der Stromverbrauch von 100 kWh eines Haushaltskunden in der niedrigen Stufe 323,8 TL. Während nur 15 Prozent dieses Betrags die Stromerzeugungskosten darstellen, entfallen etwa 75 Prozent auf die Verteilungsgebühr; die restlichen 10 Prozent bestehen aus Steuern und Abgaben. Mit anderen Worten: Die Stromrechnung ist im Kern keine „Energiekostenrechnung“ mehr, sondern hat sich in eine Zahlung verwandelt, die hauptsächlich an die Verteilungsunternehmen geleistet wird.
In OECD-Ländern machen Stromerzeugungskosten mindestens die Hälfte der Stromrechnung aus; der Verteilungsanteil liegt zwischen 25 und 30 Prozent. In der Türkei wurde dieses Gleichgewicht bewusst umgekehrt. In anderen OECD-Ländern gilt die Stromverteilung als „natürliches Monopol“ und wird daher extrem streng kontrolliert. Im aktuellen System hingegen ist die Rechnung darauf ausgelegt, Holdinggesellschaften zu unterstützen. Während die Verteilungsgebühr im gesamten OECD-Raum ein Dienstleistungskostenfaktor ist, ist sie hier zu einer Methode des Ressourcentransfers geworden.
DAS MÄRCHEN VON DER „SUBVENTION“
Das in der Öffentlichkeit häufig verbreitete Narrativ, dass „der Staat die Bürger subventioniert“, wird bei einer Prüfung der Zahlen höchst fragwürdig. Das Ministerium für Energie und natürliche Ressourcen räumte bei den Haushaltsberatungen 2025 ein, dass die staatliche Elektrizitätsgesellschaft EÜAŞ im Jahr 2024 Strom vom Markt zu einem Durchschnittspreis von 2,24 TL/kWh kaufte und diesen an die zuständigen Versorgungsunternehmen – also die Zwillingsschwestern der Verteilungsunternehmen auf dem Papier – zu einem Preis von 0,48 TL/kWh, also zu einem Fünftel des Preises, an Privatunternehmen abgab.
DIE DREI SÄULEN DES KAPITALTRANSFERS
Regulierte Vermögensbasis (DVT): Im Rahmen dieser Praxis werden Investitionen und Ausgaben der Unternehmen direkt auf die Tarife umgelegt. Je mehr das Unternehmen ausgibt, desto höher fällt die Rechnung für den Bürger aus. Das aktuelle Modell schafft eine Struktur, in der es für das Unternehmen profitabler ist, die Ausgaben zu erhöhen, anstatt die Effizienz zu steigern.
14,46 Prozent garantierte reale Rendite: Dieser Satz, der deutlich über den Marktbedingungen liegt, schafft eine hybride Struktur, in der das Risiko beim Staat verbleibt, während die Rendite für den Privatsektor abgesichert ist. Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Gewinn ist für die Unternehmen garantiert, während der Verlust dem Staat überlassen wird.
Unzureichende Kostenkontrolle: In dieser Struktur, in der es für das Unternehmen profitabler ist, die Ausgaben zu erhöhen, führt die mangelnde Kostenkontrolle durch die öffentliche Hand zu einer Aufblähung der in den Rechnungen enthaltenen Beträge. Wenn man bedenkt, dass der kumulative Anstieg der Verteilungsgebühren in den letzten zehn Jahren zweitausend Prozent übersteigt, wird deutlich, dass dieser Wandel kein Zufall ist.
Diese drei Elemente sind keine voneinander unabhängigen technischen Details, sondern ein Ganzes, das sich gegenseitig ergänzt und stärkt. Die DVT macht Ausgaben profitabel: Je mehr das Unternehmen ausgibt, desto größer wird die Tarifbasis und desto höher die Rechnung. Die garantierte reale Rendite schirmt diesen Gewinn gegen Risiken ab: Egal wie aufgebläht die über die DVT berechnete Vermögensbasis ist, das Unternehmen kassiert diesen weit über dem Marktniveau liegenden Satz garantiert ab. Die unzureichende Kostenkontrolle lässt die Türen für beides offen: Da nicht ausreichend hinterfragt wird, ob die Ausgaben notwendig oder effizient sind, fließen aufgeblähte Kosten ungeprüft in den Tarif ein, auf dessen Grundlage die garantierte Rendite berechnet wird, und der Kreislauf schließt sich. Hätten diese drei Faktoren nicht zusammengearbeitet, hätte dieses System die Verteilungsgebühren in zehn Jahren nicht um zweitausend Prozent steigern können.
VERTIKALES MONOPOL VON DER ERZEUGUNG BIS ZUR RECHNUNG
Um zu verstehen, warum dieses Bild so widerstandsfähig ist, muss man die gesamte Struktur betrachten. Wir sprechen von einer Struktur, die Strom erzeugt, verteilt, verkauft und dabei die genutzte Trafokapazität sowie den Netzanschluss weitgehend kontrolliert. Selbst bei Infrastrukturentscheidungen für den Anschluss von Anlagen für erneuerbare Energien an das Netz haben diese Unternehmen einen entscheidenden Einfluss. Dass eine Handvoll Holdinggruppen an jedem Glied der Energiekette beteiligt ist, beseitigt den Wettbewerb und macht die Kontrolle sinnlos.
ALLE GLIEDER ERZIELEN SEPARATE GEWINNE
Dieses System ist nicht das Produkt eines Versagens, sondern eines perfekt funktionierenden Designs; allerdings arbeitet dieses Design nicht für den Bürger, sondern für diejenigen, die sich auf dessen Kosten ernähren.
Die EÜAŞ verkauft den vom Markt für 2,24 TL gekauften Strom für 0,48 TL an die zuständigen Versorgungsunternehmen, und die öffentliche Hand übernimmt diese riesige Differenz. Dieselben Unternehmen erheben eine Verteilungsgebühr von 2,4 TL, um diesen Strom an den Bürger zu liefern. Der Staat ernährt das Unternehmen sowohl durch die Subventionierung der günstigen Erzeugung als auch durch die Schaffung einer zweiten Einnahmequelle für dasselbe Unternehmen über die hohe Verteilungsgebühr auf der Rechnung des Bürgers. Das Ergebnis: Gewinn für das Unternehmen auf beiden Seiten, Verlust für die Bevölkerung auf beiden Seiten.
Darüber hinaus haben diese Unternehmen gleichzeitig das Sagen bei der Erzeugung, Verteilung, dem Einzelhandel und der Infrastruktur für erneuerbare Energien. Diese Struktur, die an jedem Glied der Kette vertreten ist, hat nicht den von der Privatisierung versprochenen Wettbewerb hervorgebracht, sondern ein „vertikales Monopol“, das mit staatlicher Garantie betrieben wird und dessen Gewinn abgesichert ist.
LÖSUNG: KEIN GEWINN, SONDERN ÖFFENTLICHER NUTZEN
Die Verteilungsgebühren müssen mit den tatsächlichen Kosten verknüpft, die Struktur der garantierten Rendite abgeschafft, die Erzeugungs-, Verteilungs- und Verkaufskette effektiv getrennt und die Kostenkontrolle vollständig unabhängig gestaltet werden. Strom sollte nicht als gewinnorientiertes Investitionsinstrument, sondern als grundlegendes Lebensrecht verwaltet werden.
Energie ist keine gewöhnliche Ware, die auf dem Markt gekauft und verkauft wird, sondern ein untrennbarer Bestandteil eines würdevollen Lebens der Bürger. Die Aufgabe des Staates ist es nicht, die Gewinne bestimmter Unternehmen zu garantieren, sondern die Grundbedürfnisse der Bürger zu erschwinglichen, fairen und nachhaltigen Bedingungen zu decken. Diese verzerrte Ordnung, in der die öffentliche Hand Verluste schreibt und der Privatsektor Gewinne garantiert bekommt, muss sich ändern. Was die Türkei braucht, ist ein neues Energiemodell, das transparent, kontrollierbar und wirklich wettbewerbsoffen ist, aber den öffentlichen Nutzen in den Mittelpunkt stellt. Denn die Ressourcen dieses Landes sind nicht das Eigentum einer Handvoll privilegierter Strukturen, sondern das gemeinsame Recht aller Bürger.
Mehmet Özdağ – Elektroingenieur
CHP-Provinzvorsitzender Samsun
Nachrichtenquelle: 12punto
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