Nahost, Türkei und Deutschland: Für Berlin ist 'Außenpolitik' eine 'innere Angelegenheit'
Işın Ertürk schreibt: Nahost, Türkei und Deutschland: Für Berlin ist 'Außenpolitik' eine 'innere Angelegenheit'
Werfen wir gemeinsam einen Blick auf ein Thema, das bei Rechtspopulisten in Deutschland auf großes Interesse stößt und ihnen in die Karten spielt.
Für Millionen Menschen, die in der wirtschaftlichen Lokomotive der Europäischen Union leben, ist der Krieg im Nahen Osten längst kein fernes Ereignis mehr.
Die Zerstörung im Gazastreifen hält an. Die Spannungen um den Iran nehmen zu. Und dieser Zustand hat sich längst in eine Realität verwandelt, die das innere Gleichgewicht Deutschlands direkt beeinflusst.
Betrachten wir die Bevölkerung mit nahöstlichem Hintergrund im Land. Auch wenn es nicht ganz präzise ist, die Türken in Deutschland in diese Kategorie einzuordnen, ist eine teilweise Einordnung im Hinblick auf die geografische und kulturelle Positionierung möglich.
Schauen wir also gemeinsam darauf.
Laut Destatis-Daten übersteigt die Bevölkerung mit Verbindungen zur Türkei, Syrien, dem Irak, dem Iran und dem Libanon die 5-Millionen-Marke. Zusammen mit inoffiziellen Schätzungen für Menschen türkischer Herkunft nähert sich diese Zahl 6 Millionen.
Dazu muss man den Anteil der Muslime im Land addieren: 6,7 Prozent der Bevölkerung.
Das Bild, das sich ergibt, ist klar. In Deutschland findet der Nahe Osten statt.
Eigentlich ist das kein neuer Zustand. Es ist schon lange so.
“IM ZENTRUM DES WIDERSPRUCHS STEHT DAS EU-ISRAEL-ASSOZIIERUNGSABKOMMEN”
Wir sollten weiterhin beharrlich daran erinnern: Der Nahe Osten ist in Europa kein Thema der Außenpolitik mehr. Wir betrachten das Thema aus diesem Blickwinkel. Das bedeutet, die fragliche Angelegenheit ist eine „innere Angelegenheit“, an der Wirtschaft, Handel und Geopolitik aufeinandertreffen. Die anhaltende Zerstörung in Gaza und die Spannungen um den Iran fungieren als Lackmustest, der die internen Widersprüche der Europäischen Union offenlegt. Maike Gosch, Autorin bei den NachDenkSeiten, einem der führenden kritischen Nachrichten- und Analyseportale Deutschlands, weist darauf hin, dass im Zentrum dieses Widerspruchs das Assoziierungsabkommen zwischen der Europäischen Union und Israel aus dem Jahr 1995 steht.
Laut Gosch ist dieses Abkommen, das ein jährliches Handelsvolumen von etwa 45 Milliarden Euro ermöglicht, nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern auch ein politischer Hebel. Artikel 2 des Abkommens ist eigentlich sehr klar: Die Beziehungen müssen auf der Achtung der Menschenrechte beruhen. Doch wie Gosch berichtet, hat eine EU-Untersuchung aus dem Jahr 2025, die auf Daten von Amnesty International basiert, ergeben, dass Israel im Gazastreifen und im Westjordanland schwere Menschenrechtsverletzungen begeht – dennoch hat sich diese Feststellung nicht in politische Sanktionen verwandelt.
EUROPÄISCHE BÜRGERINITIATIVE ZWINGT DIE EU ZUR POSITIONIERUNG
An diesem Punkt kommt die Europäische Bürgerinitiative ins Spiel, die über eine Million Unterschriften gesammelt hat. Gosch betont, dass diese Initiative, auch wenn sie nicht bindend ist, einen erheblichen Druck ausübt, indem sie die EU-Kommission offiziell zur Stellungnahme zwingt. Es ist jedoch bekannt, dass Brüssel solche Initiativen meist abschwächt oder wirkungslos macht. Dies zeigt, dass Europa trotz seines eigenen Rechts Schwierigkeiten hat, politischen Willen zu erzeugen.
WO GENAU STEHT BERLIN IN DIESEM BILD?
Kommen wir zum Hauptakteur: Berlin.
Die Rolle Deutschlands in diesem Prozess ist in der Tat entscheidend. So berichtet Maike Gosch, dass Berlin einer der Akteure war, die 2025 gemeinsam mit Ungarn die Aussetzung des Abkommens verhinderten und damit den Prozess blockierten. Diese Haltung zeige, dass Deutschland in seiner Israel-Politik zwischen historischer Verantwortung und aktuellen geopolitischen Interessen gefangen sei. In derselben Analyse wird darauf hingewiesen, dass Mechanismen zur Bekämpfung von Antisemitismus innerhalb der EU zeitweise auch dazu dienen, Kritik an Israel einzuschränken.
ERODIERT DIE AUF DEM MONOPOL DES WESTENS BASIERENDE ORDNUNG?
Andererseits zeigt eine Bewertung von Thomas Trares auf demselben Nachrichtenportal, dass die Krise in einem breiteren Rahmen gelesen werden muss. Die Analyse, die auf der Arbeit des Ökonomen Patrick Kaczmarczyk basiert, definiert die aktuelle Situation als „Auflösung der Weltordnung“. Laut Trares hat die Globalisierung nicht, wie behauptet, Gleichheit erzeugt, „sondern den globalen Süden systematisch ausgeschlossen. Infolge der strukturellen Fragilitäten, die durch die Politik von IWF und Weltbank entstanden sind, übersteigen die Schuldzinsen in Ländern, in denen heute 3,3 Milliarden Menschen leben, die Ausgaben für Gesundheit und Bildung. All dies deutet weniger auf einen Machtverlust des Westens hin, als vielmehr auf die Erosion seiner auf Monopolen basierenden Ordnung.“
EINMISCHUNG DER USA UND EU IN DEN UNGARISCHEN WAHLPROZESS
Die erwähnte globale Auflösung ist auch Schauplatz eines neuen Machtkampfes innerhalb Europas. Laut einer Analyse des einflussreichen Portals „German Foreign Policy“, das in Deutschland erscheint und vor allem die deutschen Außenbeziehungen unter die Lupe nimmt, sind die ungarischen Wahlen eines der konkretesten Beispiele für diesen Kampf. Die direkte Einmischung der USA und der Europäischen Union in den Wahlprozess zeigte, dass es sich bei der Angelegenheit um einen geopolitischen Wettbewerb handelt, der über einen Regierungswechsel hinausgeht. Der Kampf um die Ausrichtung Budapests zeigt, dass auch die zukünftige strategische Positionierung Europas zur Debatte steht.
ENERGIEKRISE ÜBER DIE STRASSE VON HORMUS
Dieselbe Analyse weist auch auf die Kluft zwischen der militärischen Kapazität des Westens und seiner Fähigkeit, politische Ergebnisse zu erzielen, hin. Die im Nahen Osten durchgeführten Operationen verursachen Zerstörung, erreichen aber keine politischen Ziele. Die Unsicherheit beim Energiefluss durch die Straße von Hormus setzt die europäische Wirtschaft direkt unter Druck. Dies zeigt, dass der Krieg mittlerweile nicht mehr nur ein militärisches, sondern auch ein wirtschaftliches Sicherheitsproblem geworden ist.
Kurz gesagt: Der von Gosch bei den NachDenkSeiten aufgezeigte EU-Israel-Widerspruch, die von Trares beschriebene globale Systemkrise und der von German Foreign Policy aufgezeigte transatlantische Machtkampf laufen auf denselben Punkt hinaus. Der Krieg im Nahen Osten, die Handelsinteressen Europas, die politischen Entscheidungen Deutschlands und der Wettbewerb zwischen den USA und der EU sind keine getrennten Themen mehr.
Das bedeutet, dass die Grenzen zwischen Außen- und Innenpolitik für Europa sehr deutlich und schnell verschwimmen.
Andererseits erleben wir, dass Berlin vorgibt, Distanz zu den Angriffen der USA und Israels auf den Iran zu wahren. Doch gleichzeitig gehen die Waffenlieferungen an Israel weiter.
Die Frage, ob die US-Stützpunkte in Deutschland, insbesondere über Ramstein, Teil dieses Prozesses sind, bleibt unbeantwortet.
Und genau deshalb erodiert das Vertrauen in die Regierung.
Auch der SPD-Politiker und Bundestagsabgeordnete Macit Karaahmetoğlu weist auf die Gefahr einer Ausweitung des Krieges in der Region hin. Karaahmetoğlu, der den Vorsitz eines der wichtigsten Ausschüsse des Bundestages innehat, der dem Verfassungsausschuss des türkischen Parlaments entspricht, bewertet die Lage wie folgt:
„Die Verlängerung des Krieges zwischen dem Iran und Israel im Nahen Osten erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Krieg auf die Länder der Region ausweitet und in eine unumkehrbare Konfliktspirale abgleitet. An diesem Punkt verschärft die militärische Strategie der Regierung von Benjamin Netanjahu in Israel die Spannungen, anstatt sie abzubauen. Das Völkerrecht und der Grundsatz des Schutzes von Zivilisten dürfen unter keinen Umständen ignoriert werden. In der aktuellen Situation scheint es nicht möglich, die Sicherheit der Zivilisten in der Region zu gewährleisten.
Die Sicherheit Israels ist für Deutschland natürlich wichtig. Das bedeutet jedoch nicht und darf nicht bedeuten, dass die Politik der israelischen Regierung nicht kritisiert werden kann. Die sehr offensichtliche Tötung von Zivilisten in Gaza und der Tod von 170 Zivilisten bei einem Angriff auf eine Mädchenschule in den ersten Tagen des Angriffs auf den Iran haben in der Öffentlichkeit zu Recht für heftige Reaktionen gesorgt.
In diesem Rahmen müssen die deutschen Waffenexporte nach Israel einer strengeren Kontrolle unterzogen werden. Angesichts des Risikos, dass Waffen völkerrechtswidrig eingesetzt werden könnten, ist die Verteidigung bedingungsloser Lieferungen nicht möglich. Waffenexporte müssen an klare und verbindliche Kriterien des Menschenrechtsvölkerrechts gebunden sein.
Ebenso darf die provokative und destabilisierende Rolle des Iran in der Region nicht ignoriert werden. Die Lösung liegt jedoch nicht in einer Verschärfung der politischen Sprache oder einer Zunahme militärischer Operationen, sondern in der Stärkung von Diplomatie, Völkerrecht und multilateralen Dialogmechanismen. Ein baldiges Ende des Krieges in der Region ist für beide Seiten von großer Bedeutung.
Deutschland und Europa sollten nicht auf der Seite einer der Parteien stehen, sondern auf der Seite des Völkerrechts und der Werte der Europäischen Union. Ein Krieg nützt weder der Region noch den Menschen dort, und ein dauerhafter Frieden ist nur durch diese prinzipielle Haltung möglich.“
DAS DILEMMA DES WESTENS UND DER NICHT ZU GEWINNENDE KRIEG
Andererseits wird offen darüber gesprochen, dass die Angriffe auf den Iran in der Erwartung schneller Ergebnisse gestartet wurden, es aber eine ernsthafte Diskrepanz zwischen militärischem Erfolg und politischen Zielen gibt.
Das heißt, die Bombardierungen verursachen Zerstörung. Aber sie produzieren nicht das politische Ergebnis, das sich die USA erhofft haben.
Auch die unzureichenden militärischen Vorbereitungen der USA zeigen, dass der Krieg planlos verläuft.
DOPPELTE SORGEN UND WÄHLER MIT MIGRATIONSHINTERGRUND
Rechtspopulisten schüren einerseits die Debatten über eine „Muslim-Öffnung“. Auf der anderen Seite beobachten Millionen Menschen mit Migrationshintergrund das Geschehen mit doppelten Sorgen.
Einerseits verfolgen sie die Politik in Deutschland. Andererseits die Zerstörung in der Region, aus der sie stammen. Eigentlich ist das keine politische Beobachtung. Es ist eine Frage von Leben und Tod.
Schauen wir uns die „Wähler“ türkischer Herkunft an. Es ist bekannt, dass ihre Zahl 1,5 Millionen übersteigt. Bei knappen Wahlen kann der Einfluss dieser Gruppe entscheidend sein. Die Wahlen 2025 sind ein gutes Beispiel dafür: Wenn man bedenkt, dass Sahra Wagenknechts Partei BSW nur mit einem Unterschied von 9.529 Stimmen den Einzug ins Parlament verpasste, zeigt dieses Beispiel allein, wie kritisch Wähler mit Migrationshintergrund sein können.
MUSLIM-ÖFFNUNG UND POLITISCHES KALKÜL
In den letzten Wochen wurden wir mit einem vertrauten Bild konfrontiert. Zum Beispiel wurden in Deutschland Ramadan-Veranstaltungen organisiert. Auch der Bundestag war zum ersten Mal in seiner Geschichte Gastgeber einer solchen Veranstaltung.
Während dies geschah, bereitet Bündnis 90/Die Grünen neue Pakete unter dem Titel „Unterstützung muslimischen Lebens“ vor.
Einerseits werden Botschaften der Inklusion gesendet. Andererseits liegen die Regionen, aus denen dieselben Menschen stammen, unter Bomben. Der Widerspruch schreit förmlich: „Ich bin hier!“ Während einerseits eine Öffnung stattfindet, geht der Krieg andererseits weiter. Die Menschen wissen nicht mehr, was sie glauben sollen.
WARUM SIND DIE ORGANISATIONEN STUMM?
Ahmet İyidirli, ehemaliger Vorsitzender der Föderation der Sozialdemokratischen Volksvereine (HDF) und Vorsitzender der HDB Berlin, sagt:
„Der Nahe Osten erlebt seit 30 Monaten einen regionalen Krieg, in den globale Mächte direkt involviert sind und der jederzeit auch die Türkei mit hineinziehen könnte. Die Lunte für den erwarteten Konflikt wurde durch den Terrorakt der fundamentalistischen Hamas entzündet. Israel, das diese Gelegenheit nutzte, hat Gaza in einem Umfeld, in dem globale Mächte schwiegen, aber teilweise direkte Unterstützung leisteten, in ein Blutbad verwandelt und zehntausende Menschen massakriert, von denen mehr als die Hälfte Kinder und Frauen waren.
Der darauf folgende Krieg, den die USA und Israel gegen den Iran begonnen haben, ist völkerrechtswidrig. Die USA haben bei keinem ihrer bisherigen Eingriffe Demokratie und Menschenrechte in die betroffenen Länder gebracht. Ein solches Ziel oder einen solchen Anspruch hatten sie auch nicht. Das haben wir bei den Militärputschen, die sie in der Vergangenheit unterstützten, und bei ihren direkten militärischen Eingriffen gesehen. Die USA haben jeden Ort, den sie betraten, verlassen, nachdem sie auch die für eine minimale staatliche Ordnung notwendige Infrastruktur zerstört hatten. Beispiele: Afghanistan, Irak, Libyen.
Der Aufbau einer Demokratie in einem Land ist nur unter der Führung der dortigen demokratischen Kräfte und durch deren Unterstützung möglich.
Die große Mehrheit der Menschen türkischer Herkunft in Deutschland hält sowohl den Krieg in Gaza als auch den Angriff auf den Iran für falsch und gefährlich für den Weltfrieden. Ohnehin zeigen Umfragen in Deutschland, dass auch eine große Mehrheit der deutschen Bevölkerung beispielsweise den Angriff auf den Iran als völkerrechtswidrige Handlung ansieht.
Obwohl Organisationen von Migranten türkischer Herkunft bestimmte Ansichten zu Gaza und zum Iran haben, sind die Möglichkeiten, diese in die Öffentlichkeit zu tragen, leider begrenzt. Es ist natürlich, dass Menschen, deren Wurzeln in dieser Region liegen und die immer noch starke emotionale und kulturelle Bindungen dorthin haben, sensibel auf die Entwicklungen reagieren.
Insbesondere in den letzten 20 Jahren sind viele Organisationen türkischer Herkunft zunehmend in finanzielle Beziehungen und Abhängigkeiten von Deutschland und/oder der Türkei geraten. Diese Abhängigkeiten können sich in Form von projektbezogener Unterstützung, Handelsbeziehungen oder den Karriereerwartungen der Führungskräfte entwickeln. Von Organisationen, die sich in solchen Abhängigkeitsverhältnissen befinden, kann nicht erwartet werden, dass sie die Stimme des Volkes sind und nach außen hin eine starke Stimme abgeben. Dieser Zustand hindert diese Organisationen daran, eine von diesen Regierungen unabhängige Haltung zu entwickeln. Sie schweigen entweder, um die finanzielle und politische Unterstützung zu erhalten, oder sie unterstützen die Politik dieser Regierungen.
Ein weiteres wichtiges Thema ist, dass es für Migrantenorganisationen, die eine von den Regierungen unabhängige Haltung einnehmen können, außer den sozialen Medien keine Medien mehr gibt, in denen sie ihre Ansichten korrekt widerspiegeln können.
Die Initiative der Grünen für Muslime im Bundestag sollte als Vorbereitung auf die Wahlen gewertet werden. Das ist etwas, das vor jeder Wahl gemacht wird, und nichts anderes als eine Wiederholung der Tendenz, Migranten nur als Stimmenreservoir zu benutzen.
Die andere Dimension dieser Tendenz ist es, Migranten und insbesondere Migranten aus muslimischen Ländern nur als religiöse Gruppe in die große deutsche Gesellschaft zu integrieren. Die anderen kulturellen, sozialen und historischen Merkmale dieser Migranten sind Merkmale, die vergessen werden sollen. Einer der verbreiteten Ansätze deutscher Parteien ist es, Migranten türkischer Herkunft in Zeiten, in denen es die Außenpolitik erfordert, als Hebel zu sehen, die im Inneren nicht zu laut werden, aber nach außen hin für eigene Ziele genutzt werden.“
HARTE KRITIK AUS DEN REIHEN DER GRÜNEN
Die Einschätzungen des ehemaligen Abgeordneten von Bündnis 90/Die Grünen, Mehmet Kılıç, lauten wie folgt:
„Ich bin seit genau 30 Jahren Mitglied der Grünen und ich mag diese Partei wirklich immer noch sehr. Ich bleibe in dieser Partei, weil sie die Partei ist, die ich am meisten mag.
Der Hauptgrund dafür ist das Bestreben, die Umwelt zu schützen, die Welt zu schützen, also den kommenden Generationen eine saubere Welt zu hinterlassen. Ich denke, das ist ein sehr wichtiger Punkt. Das Wichtigste überhaupt. Aber es gibt zwei Hauptgründe für das Schweigen zu Gaza und zum Iran. Einer ist sehr allgemein. In Deutschland gibt es die sogenannte 'Staatsräson', die als eines der Gründungsprinzipien des Staates gilt: das 'Prinzip der Wahrung der Existenz Israels'. Damit wird selbst ein Widerstand gegen eine Regierung in Israel in Deutschland als 'Judenfeindlichkeit' interpretiert. Deshalb gibt es in dieser Hinsicht eine ernsthafte Zurückhaltung. Dabei stimmt das nicht. Also, so sehr Erdoğan Muslim ist, so sehr ist Netanjahu Jude.
Der zweite Grund ist... Während die Grünen in vielen Themen wichtige Politiken entwickeln, herrscht in der Außenpolitik leider eine transatlantische Achse vor. Dort wird auch gegen diejenigen, die eine andere Meinung als die amerikanische Linie äußern, ernsthaft gekämpft. Sie werden innerhalb dieser Partei ausgegrenzt. So etwas gibt es. Deshalb hört man von den Grünen in dieser Hinsicht nichts. Unter den Abgeordneten mit Migrationshintergrund sehe ich, dass der Anwalt Macit Karaahmetoğlu von der SPD in diesen Themen äußerst treffende und mutige Vorstöße macht, und das erkenne ich an.“
SPANNUNGEN ZWISCHEN INNEN- UND AUSSENPOLITIK
Dr. Yaşar Aydın, der am Zentrum für Türkeistudien (CATS) arbeitet und Forschungen bei der SWP durchführt, bewertet die Lage wie folgt:
„Man muss die beiden Ebenen unterscheiden. Erstens sind die Muslime in Deutschland nun direkt Teil des politischen Prozesses. Deshalb versuchen die Parteien, insbesondere die Grünen, sowohl die Integration zu stärken als auch ihre Wählerbasis zu erweitern. Die zweite Ebene ist die Außenpolitik Deutschlands. Die starke Unterstützung für Israel ist geprägt von einem Verständnis historischer Verantwortung und geopolitischen Interessen.
Dass Deutschland im Kontext von Gaza nicht sehr aktiv ist und Israel offen unterstützt, führt zu ernsthaftem Unbehagen unter den Muslimen in Deutschland und stärkt die Kritik an einer 'Doppelmoral'. Letztendlich hat die Diskrepanz zwischen der Inklusion in der Innenpolitik und der Haltung in der Außenpolitik das Potenzial, sich zu einem Vertrauensproblem zu entwickeln.“
DIE REALITÄTEN DES LEBENS IN DEUTSCHLAND
Die Energiepreise steigen. Die Mieten steigen. Die Lebensmittelpreise brennen.
Die Last liegt am stärksten auf den Bevölkerungsschichten mit Migrationshintergrund.
Der Krieg beschränkt sich nicht mehr nur auf die Außenpolitik.
Der Krieg ist in der Küche. In den Mietverträgen. Im Brot.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Krise im Nahen Osten ist eine innere Angelegenheit Deutschlands.
Für Millionen Menschen, die in diesem Land leben, ist das mittlerweile eine unbestreitbare Tatsache.
Und diese Menschen haben eine gemeinsame Forderung: Frieden.
Ein breiter Teil der Bevölkerung, allen voran die fast 6 Millionen Menschen mit Verbindungen zur Türkei und zum Nahen Osten, will wie jeder vernünftige Mensch dasselbe: Frieden.
Es scheint, dass Politiker, die sich von nun an in Deutschland für den Frieden einsetzen, diese starke gesellschaftliche Forderung hinter sich haben werden.
IŞIN ERTÜRK – STUTTGART
Nachrichtenquelle: 12punto
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