Während wir die türkischsprachigen Medien gemeinsam mit unserer Migrationsgeschichte zu Grabe tragen: Wäre ein Museum möglich?
Işın Ertürk schreibt... Während wir die türkischsprachigen Medien gemeinsam mit unserer Migrationsgeschichte zu Grabe tragen: Wäre ein Museum möglich?
Işın ERTÜRK
Die türkischsprachigen Medien in Europa stehen zweifellos vor einer Krise. Es ist sehr fraglich, ob sie eine Zukunft haben.
Die rund 6 Millionen Menschen türkischer Herkunft, die vor allem in Deutschland und Westeuropa leben, waren über viele Jahre hinweg durch Nachrichten, Kultur und Sprache miteinander verbunden. Doch heute betrachtet, ist die Zahl der Zeitungen zurückgegangen, Radio- und Fernsehsendungen sind fragil und digitale Plattformen sind begrenzt.
Die türkischsprachigen Medien liegen im Sterben, leisten aber gleichzeitig noch immer Widerstand.
Genau an diesem Punkt muss die Frage gestellt werden: Wenn wir sie nicht archivieren und uns nicht für sie einsetzen, wird dieses kulturelle Erbe dann nicht vollständig verloren gehen? Zudem ist dies nicht nur eine Frage der Medien; das Gedächtnis einer Sprache, einer Kultur und einer 65-jährigen Migrationsgeschichte ist in Gefahr.
DEN VERLUST DES GEDÄCHTNISSES STOPPEN: DAS HESSEN TOPLUM ARCHIV
Die Zeitung „Hessen Toplum“ ist das konkreteste Beispiel hierfür. Ihr Gründer und Inhaber Mehmet Canbolat war von 1993 bis 2024 die Stimme der in Hessen lebenden türkischen Gemeinschaft. Um zu verhindern, dass sein Erbe verschwindet, haben der Journalist Fahri Erfiliz und der Grafiker Ömer Yaprakkıran ihre einjährige Arbeit abgeschlossen. Alle Ausgaben von „Hessen Toplum“ wurden digitalisiert und über die Adresse „hessen-toplum.info“ zugänglich gemacht.
Diesen Schritt kann man nicht nur als die Archivierung einer Zeitung betrachten. Es wirkt eher wie eine Warnung zur Geschichte der türkischsprachigen Medien in Europa… Wenn wir uns nicht für sie einsetzen, könnten wir den türkischsprachigen Journalismus und die Medien gemeinsam zu Grabe tragen, was den Preis hätte, dass die Stimme der Gemeinschaft verstummt.
MIGRATION UND TÜRKISCHSPRACHIGE MEDIEN
Das Abenteuer der türkischsprachigen Medien in Europa reicht eigentlich weit vor unsere Migrationsgeschichte zurück. Nach Recherchen des Journalisten Gürsel Köksal wurde die erste türkischsprachige Zeitung im Ausland, „Hürriyet“, 1894 in London veröffentlicht. Es folgten viele Zeitungen und Zeitschriften mit Sitz in Paris und Genf: wie etwa Meşveret, Hayal, İstikbal, Hakikat, Osmanlı, Dolap, İçtihad oder Yeni Türkiye… Diese Publikationen waren die Werke von Intellektuellen, die aus dem Osmanischen Reich geflohen waren oder ins Exil geschickt wurden. Ein Teil davon wurde heimlich ins Land geschmuggelt, in begrenzten Kreisen gelesen und trug dazu bei, die Generationen zu informieren, die später die Republik gründen sollten.
Die türkischsprachigen Medien in Deutschland begannen in den 1960er Jahren mit der Arbeitsmigration. 1964 nahm der WDR seine türkischsprachigen Sendungen auf, das „Köln Radyosu“ ging in die Geschichte ein. In jenen Jahren waren die Radiosendungen aus der Türkei unzureichend, die Menschen suchten nach Kanälen, um Nachrichten in ihrer eigenen Sprache zu erhalten. In diesem Prozess war die Zeitung „Anadolu“ der erste konkrete Schritt, danach gründete „Tercüman“ seine Druckerei in Frankfurt und „Hürriyet“ begann in München zu drucken. In den 1980er Jahren druckten in der Türkei ansässige Zeitungen in Europa, und lokale Zeitungen wuchsen. Frankfurt wurde zu einem zentralen Punkt für den Zeitungsvertrieb in Europa. In den 1990er Jahren erreichte die Zahl der täglich gedruckten Zeitungen 10, die Gesamtauflage näherte sich 200 Tausend. Doch ab den 2000er Jahren stiegen das Internet und digitale Plattformen schnell auf, die Zahl der gedruckten Zeitungen ging zurück.
ES GIBT WIDERSTAND, ABER ER IST FRAGIL
Heute leisten in Deutschland immer noch einige Zeitungen, Radio- und Fernsehsendungen sowie digitale Plattformen Widerstand. Lokale Zeitungen wie „Yeni Posta“ und „Merhaba“, deren Publikationsgeschichte 30 Jahre überschritten hat, bestehen fort. Radio- und Fernsehsender existieren weiterhin, und türkischsprachige Publikationen werden durch Internetjournalismus, Podcasts und Blogs fortgesetzt.
Doch dieser Widerstand ist fragil und ständig bedroht. Mit jeder Zeitung, die schließt, tragen wir eigentlich nicht nur eine Nachrichtenquelle zu Grabe, sondern gemeinsam eine Sprache, eine Kultur und eine Migrationsgeschichte.
ARCHIVIERUNG IST KEINE OPTION, SONDERN EINE NOTWENDIGKEIT
Das Beispiel „Hessen Toplum“ zeigt uns klar und deutlich… Archivierung ist keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit. Eine Gruppe von Journalisten, die ihre Arbeit in Europa fortsetzen, weist beharrlich auf die Notwendigkeit hin, für jedes Land und jede Region auf dem alten Kontinent „Museen für türkischsprachige Medien“ zu gründen. Genau das ist es, worauf es ankommt… Zeitungen, Radioaufnahmen, Fernsehsendungen und digitale Inhalte sollten künftigen Generationen zugänglich gemacht werden. Diese Museen werden nicht nur die Vergangenheit bewahren, sondern auch die Migrationsgeschichte unserer Menschen in Europa dokumentieren und das gesellschaftliche Bewusstsein sowie die Identifikation stärken.
Und nun die unangenehme Frage: Woran erinnert uns die Digitalisierung von „Hessen Toplum“?
Jetzt ist die Zeit der Entscheidung: Werden wir die türkischsprachigen Medien, die unsere Migration begleiten, schützen, oder werden wir dieses Erbe zu Grabe tragen und uns damit abfinden, dass „unsere Geschichte“ in einer anderen Sprache von anderen erzählt wird?
Nachrichtenquelle: 12punto
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