Kemal Kılıçdaroğlu bricht sein langes Schweigen: Er erinnert an jene Worte Erdoğans!
Die vierte Anhörung im Prozess zum 38. ordentlichen Parteitag der CHP fand gestern in Ankara statt. Während die Verhandlung vertagt wurde, forderte die Klägerseite erstmals die Absetzung von Özgür Özel und seiner Führung sowie die Einsetzung von Kemal Kılıçdaroğlu als Treuhänder. Kılıçdaroğlu brach sein langes Schweigen mit einem Gastbeitrag, äußerte sich jedoch nicht zum Parteitag.
Die 4. Verhandlung im Prozess zum 38. Ordentlichen Parteitag der CHP, bei dem Özgür Özel den Vorsitz gewann, fand gestern in Ankara statt. In der Verhandlung, die um 10.00 Uhr morgens begann, entschied das Gericht als Zwischenbeschluss, den Prozess erneut zu vertagen.
In der Verhandlung stellte die Klägerseite erstmals eine klare Forderung. Es wurde verlangt, dass Özgür Özel und seine Führung bis zum Abschluss des Verfahrens ihres Amtes enthoben und der ehemalige Vorsitzende Kemal Kılıçdaroğlu als Treuhänder eingesetzt wird.
AUFRUFE AN KILIÇDAROĞLU BLIEBEN UNBEANTWORTET
Vor dem Prozess gab es zahlreiche Aufrufe an Kılıçdaroğlu, sowohl aus der CHP als auch aus der Öffentlichkeit. In diesen Aufrufen wurde Kılıçdaroğlu dazu gedrängt, sein Schweigen zu brechen und der Ungewissheit ein Ende zu setzen. Kılıçdaroğlu reagierte jedoch nicht auf diese Forderungen. Das Schweigen führte zu Spekulationen, es handele sich um eine Vorbereitung auf eine mögliche Beauftragung nach einer Gerichtsentscheidung.
VERFOLGTE DIE VERHANDLUNG VON ZU HAUSE
Während der CHP-Vorsitzende Özgür Özel die Verhandlung von der Parteizentrale aus verfolgte, beobachtete Kılıçdaroğlu sie von zu Hause aus. Nach der Vertagungsentscheidung begab sich Kılıçdaroğlu gemeinsam mit seinem Anwalt in sein Arbeitsbüro in Ankara.
KILIÇDAROĞLU BRACH SEIN SCHWEIGEN MIT EINEM GASTBEITRAG
Kemal Kılıçdaroğlu, der lange Zeit geschwiegen hatte, verfasste gestern einen Gastbeitrag für T24. In dem Artikel mit dem Titel „Auf dem Weg zur neuen Weltordnung“ äußerte sich Kılıçdaroğlu nicht zum Parteitag oder zum laufenden Verfahren. Kılıçdaroğlu begann seinen Text mit dem Zitat von Antonio Gramsci, dass „das Alte stirbt, aber das Neue noch nicht geboren werden kann“, und erläuterte seine Ansichten zu den drei Wellen der Globalisierung.
In seinem Artikel erklärte Kılıçdaroğlu, dass die Türkei diese Ära mit wirtschaftlichen Engpässen, einer Schwächung der Institutionen und Tendenzen zur Autorität erreicht habe, und legte dar, was die Türkei tun müsse.
Der Artikel von Kılıçdaroğlu lautet wie folgt:
Die Welt durchlebt eine schmerzhafte Zwischenphase, die mit dem berühmten Zitat von Antonio Gramsci als eine Zeit beschrieben werden kann, in der „das Alte stirbt, aber das Neue noch nicht geboren werden kann“. Die Regeln und Institutionen, die das Fundament der internationalen Beziehungen bilden, bekommen Risse. Die liberale Ordnung, die einst als „Ende der Geschichte“ präsentiert wurde, gleicht heute einer Struktur, die sich in sich selbst auflöst.
An dem Punkt, an dem wir heute stehen, wird sogar die Globalisierung selbst in Frage gestellt. Globalisierung ist, jenseits der sterilen Definition bei Wikipedia, im Grunde ein Machtkampf. Der Austausch von Waren, Ideen und Kulturen bietet eine attraktive Fassade; doch hinter dem Vorhang findet ein harter Wettbewerb zwischen Staaten, Unternehmen, Kapitalgruppen und der Arbeitnehmerschaft statt.
Globalisierung in drei Wellen…
Die Geschichte hat uns drei große Globalisierungswellen gezeigt.
Die erste Welle stieg Ende des 19. Jahrhunderts unter der Führung des britischen Industrieimperiums auf. Dank Dampfschiffen, Eisenbahnen und Telegrafen beschleunigten sich Handels- und Kapitalströme. Doch diese erste Welle wurde durch den Ersten Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise von 1929 zerstört. Die Folge waren Abschottung, Protektionismus und der Aufstieg des Faschismus.
Die zweite Welle entstand nach dem Zweiten Weltkrieg unter der Führung der USA. IWF, Weltbank, das Bretton-Woods-System… In dieser Zeit wurden Regeln aufgestellt, die das Funktionieren des globalen Kapitalismus regulierten. Auch durch den Wettbewerb des Kalten Krieges profitierten breite Bevölkerungsschichten vom relativen Wohlstand. Diese Ära, die Eric Hobsbawm das „Goldene Zeitalter des Kapitalismus“ nannte, endete mit den Krisen der 1970er Jahre.
Die dritte Welle begann ab den 1980er Jahren. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion versuchten die USA, eine unipolare Welt zu errichten. Doch in dieser dritten Welle waren nicht nur Staaten die Lokomotive; multinationale Unternehmen traten auf den Plan. Produktionsketten wurden zerstückelt, Fabriken für billige Arbeitskräfte nach Asien verlagert. Millionen in China und Indien entkamen der Armut, aber in jedem Land wuchs die Einkommensungleichheit, und der Anteil der Arbeit am Einkommen sank. Das Kapital gewann, die Arbeitnehmer verloren.
Das Zeitalter der Techno-Feudalherren…
An dem Punkt, an dem wir heute stehen, haben globale Unternehmen quasi ein neues Imperium errichtet. Stand 2024 erzielen die 500 größten Unternehmen der Welt Einnahmen von über 41 Billionen Dollar. Diese Zahl entspricht mehr als einem Drittel des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Wie Varoufakis sagt, haben wir es mit Techno-Feudalherren zu tun. Sie kontrollieren nicht Land, sondern digitale Plattformen, Big Data und Online-Märkte.
Diese Giganten prägen nicht nur den Handel, sondern auch die Politik. Sie zügeln nationale Regierungen durch Investitionen und greifen direkt in Entscheidungsprozesse ein. Sie können mittlerweile sogar die Wahlprozesse anderer Länder beeinflussen. Der globale Kapitalismus hat sich in eine Macht verwandelt, die die Demokratie im klassischen Sinne herausfordert.
Das Modell des „unmöglichen Trilemmas“ des Ökonomen Dani Rodrik setzt genau hier an: Globalisierung, Nationalstaat und Demokratie können nicht gleichzeitig existieren. Von den dreien können nur zwei gewählt werden. Wenn Globalisierung und Nationalstaat bevorzugt werden, wird die Demokratie geopfert. Wenn Demokratie und Nationalstaat gewählt werden, rückt eine kontrolliertere Globalisierung in den Fokus. Wenn Globalisierung und Demokratie gemeinsam gewählt werden, schwächen sich die Nationalstaaten ab. Die Unsicherheit, die wir derzeit erleben, rührt genau daher, dass nicht bekannt ist, wie diese schwierige Entscheidung ausfallen wird.
Der von Amerika gezeichnete Rahmen…
Die Rhetorik von US-Präsident Trump in den letzten Monaten verkündet eigentlich das Ende der dritten Welle. Er ruft das Kapital in sein Land zurück, fährt seine Verbündeten mit dem Vorwurf an, „die Zeit des Trittbrettfahrens ist vorbei“, und kehrt mit milliardenschweren Waffendeals aus dem Nahen Osten zurück. Er lädt die Techno-Feudalherren des globalen Kapitals ins Weiße Haus ein und lässt sie ihre Investitionen ankündigen. Die klare Botschaft lautet: „Ich bin euer Boss.“
Doch dieselben USA haben angesichts des Angriffs Israels auf Katar auch gezeigt, dass Sicherheitsgarantien ein leeres Versprechen sind. In der Bretton-Woods-Ära gab es zumindest den Anspruch auf Demokratie; heute ist selbst der verschwunden. Das Land, das die Regeln aufstellt, ignoriert nun seine eigenen Regeln.Das Imperium des Geldes…
Wie Robert Mundell sagte: „Große Mächte haben großes Geld.“ Die globale Macht der USA machte auch den Dollar stark. Doch das Bild ist heute ein anderes. Die BRICS-Staaten entwickeln alternative Zahlungssysteme, Kryptowährungen sind auf dem Vormarsch. Die Zahl der Kryptowährungen, die 2013 bei nur 50 lag, übersteigt heute 17.000. Der Marktwert stieg von 1,5 Milliarden Dollar auf 1,3 Billionen Dollar.
Die Kontrolle der Zentralbanken schwindet. Krypto-Überweisungen sind hunderte Male schneller und billiger als klassische Methoden. Dieses Bild erschüttert nicht nur den Dollar, sondern untergräbt auch die wirtschaftliche Souveränität der Nationalstaaten. Es scheint, als werde die neue Geldordnung die kritischste Front der neuen Weltordnung sein.
Was sollte die Türkei tun?
Die Türkei hat diese historische Ära leider mit wirtschaftlichen Engpässen, einer Schwächung der Institutionen und Tendenzen zur Autorität erreicht. Dabei bergen solche Zwischenphasen nicht nur Risiken, sondern schaffen auch Chancen. Die Türkei sollte in diesem Moment der Unsicherheit eine zweistufige Strategie verfolgen.
Erster Schritt: Die innere Front stärken…
Um die Front im Inneren zu stärken, ist es unerlässlich, das Ansehen des Parlaments zu erhöhen sowie Rechtsstaatlichkeit und richterliche Unabhängigkeit zu etablieren. Staatliche Institutionen müssen gestärkt werden, und Kompetenz muss wieder vorherrschend sein. In der Wirtschaft kann ein Programm, das unter Beteiligung aller Schichten erstellt wird, nur durch gesellschaftlichen Konsens Legitimität gewinnen. Deshalb muss der Wirtschafts- und Sozialrat funktionsfähig gemacht werden.
Darüber hinaus ist eine faire Verteilung der Steuerlast zwingend erforderlich, um die wirtschaftlichen Gleichgewichte wiederherzustellen. Dies ist nicht nur eine fiskalische Entscheidung, sondern auch eine Grundvoraussetzung für den sozialen Frieden. Der Weg dorthin führt über eine Steuerreform, bei der einkommensstarke Gruppen stärker zum System beitragen.
Die Türkei sollte zudem eine neue „Strategie- und Planungsbehörde“ gründen, um eine langfristige Vision zu entwickeln. Kritische Rohstoffe, Versorgungssicherheit bei Energie, Ernährungssicherheit, digitale Souveränität… Jedes dieser Themen wird im kommenden globalen Sturm entscheidend sein. Wenn das Bildungssystem nicht wieder auf Wissenschaft und Technologie ausgerichtet wird, bleibt auch die globale Wettbewerbsfähigkeit unserer Humanressourcen begrenzt.
Das Modell der öffentlich-privaten Partnerschaft, das in der Verteidigungsindustrie geschaffen wurde, sollte auch auf Digitalisierung und den grünen Wandel angewendet werden. Von der Produktion einer eigenen digitalen Währung bis hin zum Aufbau einer heimischen Cloud- und KI-Infrastruktur müssen viele Schritte ohne Verzögerung unternommen werden.
Zweiter Schritt: Mehrdimensionale Öffnung nach außen
Der zweite Schritt muss an der Außenfront erfolgen. In der Außenpolitik ist statt einseitiger Entscheidungen eine mehrdimensionale Diplomatie erforderlich. Die Beziehungen zur EU müssen vertieft werden, aber gleichzeitig muss eine aktive Rolle in Plattformen wie BRICS+, G20 und OECD übernommen werden. Ein Beitrag zum Frieden im geopolitischen Gürtel, der sich vom Nahen Osten bis zum Kaukasus, vom östlichen Mittelmeer bis nach Zentralasien erstreckt, wird den Wert der Türkei vervielfachen.
Fazit: Vorbereitet sein…
Ja, die Welt befindet sich in einer schmerzhaften Zwischenphase. Die Unipolarität löst sich auf, die Multipolarität nimmt zu. Das globale Kapital wirft einen Schatten auf die Nationalstaaten. Die bestehende Ordnung bekommt Risse, die Schritte einer neuen Ordnung sind zu hören.
In solchen Zeiten beschleunigt sich das Tempo der Geschichte. Es tun sich sowohl große Gefahren als auch einzigartige Chancen vor uns auf. Was die Türkei tun muss, ist klar. Man darf nicht vergessen, dass das Glück nur den Vorbereiteten hold ist. Diejenigen, die unvorbereitet erwischt werden, löscht die Geschichte gnadenlos aus.
Nachrichtenquelle : 12punto
Meistgelesen
Das Schreiben nimmt kein Ende: Noch eine FETÖ-Erinnerung
Der Geist, der an der Leggings hängen blieb...
Abgeordneter, dem ein Wechsel zur AKP nachgesagt wird, beginnt Überzeugungstour
Die internen Debatten der CHP interessieren mich überhaupt nicht
Junges Paar stirbt bei Absturz mit Geländewagen 15 Meter in die Tiefe
Ümit Özdağ kommentiert neue Parteigründung
Strenge Kontrollen für Fahranfänger
Warnung vor dem Risiko von Haarausfall bei GLP-1-Medikamenten
Die Wahl des stellvertretenden Bürgermeisters, die die CHP gewonnen hatte, wird ab der dritten Runde wiederholt
Enver-Altaylı-Vorwurf in der Akte Yazıcıoğlu