Umstrittene 'Atatürk-Oper' in Deutschland: Flut von Fragen und Protesten gegen die Staatsoper Stuttgart
Die für die Spielzeit 2027 geplante Oper „Atatürk – Die Legende von Mustafa Kemal“ an der Staatsoper Stuttgart sorgt bereits vor der Premiere für heftige Debatten in Deutschland.
IŞIN ERTÜRK – STUTTGART
Stuttgart, die Hauptstadt des Bundeslandes Baden-Württemberg, das unter der Führung des grünen Politikers Cem Özdemir steht, ist Schauplatz einer neuen Kunst- und Politikdebatte. Die für die Spielzeit 2027 angekündigte Oper mit dem Titel „Atatürk – Die Legende von Mustafa Kemal“ an der Staatsoper Stuttgart hat bereits vor ihrer Premiere für erhebliche soziale und politische Spannungen gesorgt.
Die Premiere ist für den 10. April 2027 angesetzt, die Aufführungen werden sich über den gesamten April und Mai des kommenden Jahres erstrecken.
Das Werk wird von dem im Libanon geborenen und polnischstämmigen Komponisten und Dirigenten Bassem Akiki erarbeitet. Das Libretto stammt von Olga Bach. Auf dem Regiestuhl sitzt der in den letzten Jahren sehr erfolgreiche Künstler türkischer Herkunft, Ersan Mondtag (Aygün).
Während Bassem Akiki die musikalische Leitung übernimmt, stammen auch das Bühnenbild und die Kostüme von Ersan Mondtag. Für das Lichtdesign zeichnet Gerrit Jurda verantwortlich, die Chorleitung übernimmt Jeremy Bines. Zum Dramaturgie-Team gehören Till Briegleb und Julia Schmitt.
Die Besetzung ist ebenfalls bemerkenswert. Matthias Klink wird die Figur des Mustafa Kemal Atatürk verkörpern. Natasha Te Rupe-Wilson wird in der Rolle der Sabiha Gökçen auf der Bühne stehen.
Auch die Charaktere Fikriye Hanım, Latife Hanım, Makbule Hanım und Zübeyde Hanım zählen zu den zentralen Figuren dieser Oper.
Ein weiteres auffälliges Detail in der Besetzung ist, dass die Charaktere Soghomon Tehlirian und Scheich Said von demselben Schauspieler dargestellt werden. Zudem treten „historische Figuren“ wie Otto Liman von Sanders, John Spencer, Dr. Fiessinger und Paul Hindemith im Werk auf.
Der Staatsopernchor Stuttgart und das Staatsorchester Stuttgart sind ebenfalls tragende Elemente der Produktion.
VORWURF EINER „UMSTRITTENEN FIGUR“ GEGENÜBER ATATÜRK
Die eigentliche Debatte begann jedoch mit den Ankündigungstexten der Oper.
Denn die Staatsoper Stuttgart erklärte offen, dass sie sich dem Gründer der Republik Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, über die Themen „widersprüchlich“, „umstritten“ und „historische Gewalt“ nähern werde.
Daraufhin explodierten die sozialen Medien förmlich.
POLITISCHE FIKTION GEGEN DIE GRÜNDUNGSERZÄHLUNG DER REPUBLIK
Einer der bemerkenswertesten Aspekte der Oper ist ihre Mehrsprachigkeit.
Nach Angaben der Staatsoper Stuttgart wird das Werk Teile auf Türkisch, Kurdisch, Armenisch, Griechisch, Deutsch, Französisch und Englisch enthalten.
Die Staatsoper definiert dies als „das Zusammentreffen verschiedener Geschichtserzählungen und Erfahrungen auf derselben Bühne“. Doch für viele in Deutschland lebende Menschen türkischer Herkunft liegt genau hier der Kern des Problems. Es verfestigt sich die Ansicht, dass dieses Werk weniger eine künstlerische Biografie ist, sondern vielmehr eine politische Fiktion, die die Gründungserzählung der Republik erneut in ein ideologisches Diskussionsfeld rückt.
GEHT ES DARUM, DIE „ATATÜRK-LEGENDE“ ZU HINTERFRAGEN?
In der von der Staatsoper veröffentlichten Erklärung fielen folgende Formulierungen auf:
„Die Oper wird sich Atatürk aus der heutigen historischen Perspektive nähern.“
„Es wird notwendig sein, über Gewalt und Unterdrückung zu sprechen.“
„Die Gewalt gegen Armenier, Griechen und Kurden wird offen thematisiert.“
„Dieses Werk ist keine Heroisierung.“
Nach den daraufhin aufgekommenen heftigen Reaktionen veröffentlichte die Staatsoper Stuttgart eine neue Erklärung. Doch auch dieses „Statement“ reichte nicht aus, um die Spannungen abzubauen.
Bezüglich des Untertitels auf dem Plakat, „Die Legende von Mustafa Kemal“, wurde folgende Verteidigung vorgebracht: „Der Begriff ‚Legende‘ bedeutet hier keine blinde Verherrlichung. Ziel ist es, die Mythenbildung um Atatürk zu hinterfragen.“
Im weiteren Verlauf der Erklärung hieß es:
„Staatliche Gewalt, nationalistische Ideologie, Vertreibung, gemeinsame historische Wunden und historisches Unrecht werden zu den zentralen Themen des Werkes gehören.“
„Die Gewalt gegen Armenier, Griechen und Kurden wird offen behandelt.“
Zudem wurde darauf hingewiesen, dass die Oper die Rolle des Deutschen Kaiserreichs in der Armenierfrage mit der Geschichte der türkischen Migration in Deutschland verknüpfen werde.
REAKTIONEN IN DEN SOZIALEN MEDIEN
Daraufhin spalteten sich die sozialen Medien.
Tausende Kommentare wurden verfasst.
Zahlreiche Nutzer reagierten scharf auf die Oper mit Aussagen wie: „Atatürk ist kein Diktator, sondern der Anführer eines Unabhängigkeitskrieges“, „Atatürk ist das Symbol für Modernisierung und Laizismus“, „Atatürk ist ein Vorreiter der Frauenrechte“, „Atatürk hat jüdischen Wissenschaftlern, die vor dem Nationalsozialismus flohen, die Türen geöffnet“.
In einigen Kommentaren wurde zudem bewertet: „Hier wird mit den Nerven der türkischen Gesellschaft gespielt“, „Das ist keine Kunst, sondern Provokation“, „Ein Vorhaben, das den sozialen Frieden stören wird“.
Insbesondere die Anspielungen auf Themen wie „Dersim“, „Pontos“, die „Armenierfrage“ und „Assimilation“ führten zu einer weiteren Verschärfung der Reaktionen.
HAT DEUTSCHLAND KEINE ANDEREN SORGEN?
Hier beginnt die eigentliche Frage.
Während Deutschland mit Debatten über eine schwere Wirtschaftskrise kämpft…
Während die Migrationspolitik das Land stark polarisiert…
Während Europa im Schatten einer Kriegsatmosphäre steht…
Während der Rechtsextremismus zunimmt…
Stellt sich die Frage: Warum wird jetzt ein solches Dossier über die Türken eröffnet, die seit über 65 Jahren in Deutschland leben, mittlerweile in der fünften Generation sind und die größte Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund im Land bilden?
Warum Stuttgart?
Warum Baden-Württemberg?
ES FÄLLT IN DIE AMTSZEIT VON CEM ÖZDEMIR
Und warum ausgerechnet in der Zeit, in der der Politiker Cem Özdemir von den Grünen, der selbst türkische Wurzeln hat, Ministerpräsident des Bundeslandes ist?
Diese Fragen werden nun deutlich lauter gestellt. Denn Cem Özdemir gehörte in der Vergangenheit zu den stärksten Befürwortern der „Armenier-Genozid“-Resolution im Deutschen Bundestag.
Dass nun ausgerechnet in dem Bundesland, in dem er Ministerpräsident ist, die öffentlich geförderte Staatsoper mit einem derart sensiblen Projekt um Atatürk in die Schlagzeilen gerät, wird in vielen Kreisen als „bezeichnend“ empfunden.
„ROTE LINIE VON MILLIONEN“
In diesem wirklich umstrittenen „Projekt“ geht es nicht um eine gewöhnliche historische Figur. Denn Atatürk ist für die türkischstämmige Gemeinschaft nicht nur ein Staatsmann.
Daher ist die Debatte längst über das Stadium hinaus, in dem es nur darum geht, dass „eine Oper aufgeführt wird“. Die Kommentarspalten unter den Beiträgen der Staatsoper Stuttgart in den sozialen Medien haben sich bereits in ein großes ideologisches Schlachtfeld verwandelt, in dem es um Geschichte, Identität, Republik, Dersim, die Armenierfrage, Pontos-Behauptungen, Laizismus, Modernisierung und die Wahrnehmung Atatürks geht.
Und bemerkenswert ist: Die Reaktionen kommen nicht nur aus nationalistischen Kreisen. Es gibt unterschiedliche Töne. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die Atatürk über „Modernisierung“, „Wissenschaft“, „Frieden“, „Frauenrechte“ und „Antiimperialismus“ verteidigen. Auf der anderen Seite gibt es scharfe Kritik im Zusammenhang mit Dersim, der Armenierfrage und Assimilationspolitik.
Das bedeutet, dass der Beitrag der Staatsoper Stuttgart bereits jetzt alle historischen Bruchlinien der türkischstämmigen Gemeinschaft in Deutschland unter einem einzigen Thema zum Ausbruch gebracht hat. Obwohl die Aufführung noch ein Jahr entfernt ist, haben sich die sozialen Medien nach der Ankündigung der Oper bereits in ein ideologisches Frontgebiet verwandelt.
Das ist das tatsächliche Bild.
Atatürk wird eindeutig als „widersprüchliche und umstrittene Figur“ gerahmt. Der Komponist Bassem Akiki sagt dies direkt. Zudem betont er, dass die Oper „verschiedene historische Erzählungen“ durch Sprachen wie Armenisch, Kurdisch, Griechisch, Türkisch, Deutsch, Französisch und Englisch auf derselben Bühne zusammenbringen werde. Es handelt sich also nicht um eine klassische biografische Atatürk-Oper. Sie erweckt eher den Eindruck einer politischen Erzählung, die um historische Konflikte, Traumata, Nationalismus, Gewalt und historische Abrechnung konstruiert ist.
Geht es um Kunst oder darum, mit den sensiblen Punkten der Gesellschaft zu spielen?
Für Millionen von Menschen türkischer Herkunft in Deutschland – ob rechts, links, Opposition oder Regierungsanhänger – repräsentiert Atatürk sehr starke gemeinsame historische Werte.
Genau deshalb stellen viele die Frage: Warum war ein Projekt nötig, das eine so große Gemeinschaft, die in Frieden lebt und den sozialen Integrationsprozess weitgehend abgeschlossen hat, erneut über historische Spannungsfelder provoziert?
DEBATTE ÜBER „KUNSTFREIHEIT“
Natürlich darf Kunst kritisch sein.
Natürlich kann Geschichte auf der Bühne diskutiert werden.
Doch die hier wachsende Debatte deutet auf einen anderen Punkt hin: Dient es dem sozialen Frieden, wenn eine öffentlich finanzierte Kultureinrichtung eine Figur, die für Millionen Menschen eine historische und emotionale rote Linie darstellt, in einer solch sensiblen Zeit erneut in das Zentrum eines ideologischen Konflikts rückt?
Oder entfacht sie damit die Lunte für eine neue kulturelle Konfrontation?
Dass in den Erklärungen der Staatsoper zudem ständig Begriffe wie „Gewalt“, „Trauma“, „Nationalismus“, „Unterdrückung“, „Verbrechen“ und „Konflikt“ betont werden, hat die Reaktionen nicht gemildert, sondern weiter verstärkt.
PROTESTVORBEREITUNGEN IN DEUTSCHLAND?
Es heißt, dass bereits in zahlreichen türkischstämmigen Vereinen, Plattformen und zivilgesellschaftlichen Kreisen über große Proteste gesprochen wird...
Die Debatte hat sich zu einer neuen Bruchlinie entwickelt, die über die Identität, die Geschichte, das Verständnis der Republik und die gemeinsamen historischen Empfindlichkeiten der türkischen Gemeinschaft in Deutschland wächst.
Und es scheint… dass diese Oper in Stuttgart bereits die Lunte an eine der größten kulturellen und politischen Krisen Deutschlands gelegt hat, bevor sich der Vorhang überhaupt gehoben hat.
SPANNUNGSWARNUNG FÜR MAI 2027
Das Bild, das sich bereits jetzt abzeichnet, ist folgendes: Insbesondere die Monate April und Mai 2027 versprechen für die türkischstämmige Gemeinschaft in Deutschland äußerst hitzig zu werden. Das Thema ist längst kein reiner Opernstreit mehr.
Auf der einen Seite stehen Millionen Menschen, die Atatürk als Gründer der Republik, Anführer des Unabhängigkeitskrieges und Symbol der modernen Türkei sehen.
Auf der anderen Seite steht die neue Erzähllinie, die die Oper über Themen wie „staatliche Gewalt“, „Nationalismus“, „historisches Verbrechen“, „Armenier“, „Griechen“ und „Kurden“ aufbaut.
Hier beginnt eines der größten Risiken.
Denn solche Projekte bringen nicht nur die türkische Gemeinschaft und deutsche Institutionen gegeneinander auf. Sie bergen auch das Potenzial, innerhalb der türkischstämmigen Gemeinschaft selbst sehr harte Brüche auszulösen.
Die Gefahr einer Provokation wächst genau hier.
Die Möglichkeit, dass Menschen, die seit Jahren im selben Viertel oder in derselben Stadt leben, in den sozialen Medien oder auf der Straße aneinandergeraten, ist nicht zu unterschätzen.
Noch bemerkenswerter ist: All diese Ankündigungen, Erklärungen und Debatten wurden in der Woche veröffentlicht, die mit dem Jahrestag des 19. Mai 1919 zusammenfällt. Also dem Jahrestag des Datums, an dem Mustafa Kemal Atatürk in Samsun an Land ging und den Gründungsprozess der Republik Türkei einleitete.
Dieses Timing wird von vielen nicht nur als „Zufall“ angesehen. Im Gegenteil, es wird als äußerst bezeichnend empfunden.
Deshalb scheint die Debatte um die „Atatürk-Oper“ in Stuttgart in der kommenden Zeit nicht nur eine kulturpolitische Polemik zu bleiben.
Dieses Dossier, das die Nerven der türkischen Gemeinschaft in Deutschland berührt, könnte in den kommenden Monaten in das Zentrum weitaus größerer politischer, sozialer und kultureller Debatten rücken.
FOTO: Ksawery Zamoyski – Staatsoper Stuttgart
Nachrichtenquelle: 12punto
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