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Wir müssen von der soziokulturellen Spaltung zu politischen Zielen übergehen

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„WÄHLERKLASSIFIZIERUNG“ ALS ANALYTISCHE BLINDHEIT

In der heutigen politikwissenschaftlichen Literatur wird der Begriff der „Wählerbasis“ meist anhand demografischer Daten und kultureller Zugehörigkeiten interpretiert. Dies führt dazu, dass politische Akteure Strategien eher auf Basis von „Image-Management“ und „alltäglichem Diskurs“ entwickeln, anstatt auf ideologischer Tiefe. Am Beispiel der Türkei ist die strukturelle Spaltung innerhalb der CHP nach einer Berufungsentscheidung der konkreteste Beweis für diese Oberflächlichkeit. Anstatt die ideologischen oder programmatischen Unterschiede (sofern vorhanden) zwischen den beiden Strukturen zu diskutieren, reduziert die Bewertung anhand der Images und der täglichen Rhetorik der Führungskader die politische Analyse auf eine Parodie eines „Kulturkampfes“.

DAS PHÄNOMEN DER „CHP-WÄHLERSCHAFT“ UND IDEOLOGISCHE INKONSISTENZ

Die heterogene Masse, die als „CHP-Wählerschaft“ definiert wird, basiert weniger auf einer analytischen Klasse als vielmehr auf einer negativen Konsolidierung (Opposition gegen Erdoğan) und dem Besitz eines vagen kulturellen Erbes (Kemalismus). Der Anspruch dieser Masse auf Kemalismus steht jedoch vor dem Mangel an Führungskadern, die ihn in ein politisches Programm umsetzen könnten.

An diesem Punkt liegt die grundlegende Spannung, die die Masse definiert:

Westorientierung: Befürwortung der Verwestlichung in Bezug auf Lebensstil und soziokulturelle Codes.

Anti-imperialistischer Reflex: Der Anspruch auf Antimperialismus auf der Achse des Kemalismus.

Diese „seltsame Summe“ birgt einen strukturellen Widerspruch in sich: Sie übernimmt den westlichen Lebensstil, hofft gerade deshalb auf Hilfe von westlichen Ländern, steht aber auf politischer Ebene dem Westen ablehnend gegenüber. Dieser Widerspruch ist nicht nur eine „Entscheidung“, sondern auch eine Erosion des Bewusstseins, die aus dem Fehlen eines politischen Programms resultiert.

DAS PROJEKT TÜRKEI ALS HISTORISCHE KONTINUITÄT

Die Türkei ist mehr als ein geopolitischer Zufall; sie ist der Name eines rationalen „Modernisierungs- und Unabhängigkeitsprogramms“, das seit Jahrhunderten andauert. Dieses Programm, das sich von den Jungtürken über das Komitee für Einheit und Fortschritt bis hin zum Kemalismus entwickelte, stellt historisch gesehen einen Aufstand gegen die Abhängigkeitsverhältnisse dar, die sich nach dem Vertrag von Balta-Liman (1838) entwickelten.

Das politische Problem von heute ist, dass für dieses historische Programm (Modernisierung und vollständige Unabhängigkeit) kein aktuelles und konsistentes Äquivalent produziert werden kann. Eine Oppositionslinie, die in kulturellen Befindlichkeiten gefangen ist, kann dieses historische Programm nicht tragen.

WIR MÜSSEN VOM IMAGE ZUM PROGRAMM ÜBERGEHEN

In der politischen Analyse die „Wählermassen als gegeben hinzunehmen“ und diese Masse nur mit soziokulturellen Daten zu definieren, bedeutet, die transformative Kraft der Politik zu verleugnen. Eine fortschrittliche Politik braucht einen Verstand, der diese Masse nicht einfach so nimmt, wie sie ist, und ihre kulturellen Schwächen nährt, sondern sie in die Erfordernisse des historischen Programms transformiert — also auf die Achse der Modernisierung und Unabhängigkeit.

Image-Politik kann die Lücke im historischen Programm der Türkei nicht füllen. Im Gegenteil: Ein Zustand der „kulturellen Ablenkung“, der sich gegenseitig aufzehrt, lässt die strukturellen Probleme der Türkei ungelöst. Der Erfolg politischer Parteien sollte nicht an den „Images“ der Führungskader gemessen werden, sondern an ihrer Fähigkeit, dieses historische Programm unter den heutigen Bedingungen (im technologischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Kontext) neu aufzubauen.