Vor etwa fünfhundert Jahren argumentierte Niccolò Machiavelli, dass Staaten nicht nach moralischen Regeln, sondern nach Macht- und Interessenkalkülen handeln. Seiner Ansicht nach konnten die für Individuen geltenden Prinzipien von Gewissen, Religion und Moral nicht gleichermaßen auf die Staatsführung angewendet werden. Wenn es darum ging, die Existenz des Staates zu sichern, vertrat er die Auffassung, dass man bei Bedarf von traditionellen moralischen Regeln abweichen könne. Betrachtet man die heutigen Entwicklungen im Nahen Osten, so zeigt sich, dass Machiavellis Ansichten nach wie vor zu den wirkungsvollsten Interpretationen der internationalen Politik gehören.
Die seit vielen Jahren anhaltende Spannung zwischen den USA und dem Iran wird weniger durch Recht oder universelle Werte als vielmehr durch Machtgleichgewichte geformt. Auch wenn die von den Parteien verwendeten Diskurse unterschiedlich sind, basieren ihre angewandten Methoden weitgehend auf der von Machiavelli beschriebenen Machtpolitik. Flugzeugträger, Raketensysteme, Sanktionen und Stellvertreterkriege sind ebenso untrennbare Bestandteile dieses Kampfes wie die Gespräche am Verhandlungstisch.
Das iranische Atomprogramm steht im Zentrum dieses Machtkampfes. Die iranische Führung betrachtet Nukleartechnologie nicht nur als Energieerzeugung, sondern als Garantie für die Sicherheit des Regimes und die nationale Unabhängigkeit. Die schweren Erfahrungen während des Iran-Irak-Krieges, die vom Westen verhängten Sanktionen und der regionale Einfluss Israels haben das Verständnis von Abschreckung zu einem der Grundpfeiler der iranischen Staatspolitik gemacht. Der im Juni 2026 in der den Revolutionsgarden nahestehenden Fars-Nachrichtenagentur veröffentlichte Artikel, der die nukleare Abschreckung offen befürwortet, zeigt, dass dieses Sicherheitsverständnis nun auch in der Öffentlichkeit sichtbarer geworden ist.
Die USA interpretieren dieselben Entwicklungen anders. Aus Sicht der USA ist ein Iran, der seine nuklearen Kapazitäten ausbaut, nicht nur für Israel, sondern auch für die Sicherheit am Golf und das globale Machtgleichgewicht eine ernsthafte Bedrohung. Daher werden Sanktionen, diplomatischer Druck und militärische Abschreckung als Teile derselben Strategie eingesetzt. Die widersprüchlichen Erklärungen von US-Präsident Donald Trump und die kurzzeitigen Waffenstillstandsversuche zeigen jedoch, dass die USA in Bezug auf den Iran keine eindeutige strategische Überlegenheit erlangen konnten.
Tatsächlich ist dieses Bild eines der deutlichsten Beispiele für die Situation, die in der Literatur zu internationalen Beziehungen als „Sicherheitsdilemma“ definiert wird. Während der Iran seine militärischen Kapazitäten zur Selbstverteidigung ausbaut, nehmen die USA und Israel dies als Aggression wahr, und jede neue militärische Maßnahme, die dagegen entwickelt wird, verstärkt die Bedrohungswahrnehmung des Iran weiter. Letztendlich erzeugt jeder Schritt zur Erhöhung der Sicherheit beim Gegenüber ein neues Gefühl der Unsicherheit.
Machiavelli zufolge neigen Staaten dazu, ständig zu expandieren und an Macht zu gewinnen, um ihre Position zu behaupten, andernfalls laufen sie Gefahr, mit der Zeit zu schwächen und zu zerfallen. Dieses Verständnis zeigt sich auch deutlich in der regionalen Strategie des Iran. Die Drohung, die Straße von Hormus zu schließen, der durch die Huthi-Rebellen ausgeübte Druck am Bab al-Mandab und die wachsenden Sicherheitsrisiken im Roten Meer sind wichtige Bestandteile dieser Strategie. Dass die globalen Energiemärkte heute nicht nur von Hormus, sondern auch vom Bab al-Mandab abhängig sind, erhöht die Bedeutung der geostrategischen Trümpfe in den Händen des Iran.
Die Antwort der USA darauf ist die klassische Strategie einer Großmacht. Die Fünfte Flotte der US-Marine im Persischen Golf, die mit den Golfstaaten geschlossenen Militärpartnerschaften, die zentrale Rolle Israels in der regionalen Sicherheitsarchitektur und die auf die USA ausgerichtete Neugestaltung der Verteidigungspolitik der Golfmonarchien dienen demselben strategischen Ziel. Dass einige Golfstaaten, allen voran die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), ihre Sicherheit weitgehend über ihre Beziehungen zu den USA und zunehmend auch zu Israel definieren, verdeutlicht die neuen Machtverhältnisse in der Region.
Eine der vielleicht bemerkenswertesten Erkenntnisse Machiavellis ist, dass Bündnisse nicht von Dauer sind. Tatsächlich sind in den internationalen Beziehungen Interessen entscheidender als Freundschaften. Der einseitige Ausstieg der USA aus dem 2015 unterzeichneten Atomabkommen (JCPOA) im Jahr 2018 aufgrund veränderter Interessenkalküle ist eines der konkretesten Beispiele hierfür. Ebenso sind die Beziehungen, die die Golfstaaten heute zu Israel aufbauen, eher das Ergebnis einer gemeinsamen Bedrohungswahrnehmung als dauerhafter Freundschaften. Es wäre nicht überraschend, wenn sich die Bündnisse ändern, sobald sich die Bedrohung ändert.
Auch die Diskussionen über die ethnische Struktur des Iran bilden eine weitere Dimension der Machtpolitik. In einigen Quellen wurden gelegentlich Behauptungen laut, dass die iranischen Kurden bei einer möglichen Bodenoffensive eingesetzt werden könnten. Die Geschichte hat jedoch wiederholt gezeigt, dass externe Mächte lokale Akteure nach deren Nutzung oft allein lassen. Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien sind die besten Beispiele dafür. Daher bergen Strategien, die über ethnische Bruchlinien geführt werden, das Risiko, die regionale Instabilität langfristig weiter zu vertiefen, selbst wenn sie kurzfristige militärische Vorteile bringen.
Obwohl die jüngsten Waffenstillstandsversuche auf den ersten Blick wie ein Hoffnungsschimmer für den Frieden erscheinen, spiegeln sie in Wirklichkeit eher das Bestreben der Parteien wider, neue Kräfte zu sammeln, und sind eher als Vorbereitungsphase für einen neuen Kampf zu verstehen. Während die USA versuchen, die steigenden Kriegskosten und den Druck der heimischen Öffentlichkeit zu bewältigen, zielte der Iran darauf ab, durch den Nachweis, dass das Regime überlebt hat, eine psychologische Überlegenheit zu erlangen. Israel hingegen setzt sein Streben fort, die militärischen Kapazitäten des Iran dauerhaft zu begrenzen. In der Tat zeigt die erneute Eskalation der Spannungen, dass Waffenstillstände in der internationalen Politik oft nicht das Ende eines Krieges, sondern der Beginn des nächsten Konflikts sind.
Die heutigen Entwicklungen im Nahen Osten bestehen nicht nur aus dem Konflikt zwischen dem Iran und den USA. Die strategischen Beziehungen, die China und Russland zum Iran pflegen, die neuen Sicherheitssuchen der Golfstaaten, der Wettbewerb um Energiekorridore und die Sicherheit der globalen Handelswege rücken diese Krise in das Zentrum der Weltpolitik. Es geht nicht mehr nur um das iranische Atomprogramm, sondern darum, auf welchem Machtgleichgewicht das internationale System in Zukunft aufgebaut sein wird.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die grundlegende Wahrheit, die Machiavelli vor fünfhundert Jahren aussprach, unverändert zu sein scheint. Staaten versuchen im internationalen System in erster Linie, ihre eigene Sicherheit und ihre Interessen zu wahren. Diplomatie ist wichtig, aber ihre Wirkung bleibt begrenzt, wenn keine militärische Macht dahintersteht. Bündnisse halten so lange wie die Interessen, und rechtliche sowie moralische Diskurse werden oft als Legitimationsgrundlage für den Machtkampf genutzt.
Der US-Iran-Konflikt ist daher nicht nur ein Krieg zwischen zwei Ländern. Er ist zugleich eines der aktuellen Beispiele dafür, dass die internationale Politik von Machtgleichgewichten geprägt ist. Wenn sich die Akteure in der kommenden Zeit nur auf die Suche nach militärischer Überlegenheit konzentrieren und keine dauerhaften Sicherheitsregelungen schaffen, die gegenseitige Sicherheitsbedenken abbauen, könnten Waffenstillstände im Nahen Osten vorübergehend bleiben und ein wahrhaft dauerhaftes Friedensklima möglicherweise nicht entstehen.
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