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Ein Rudern gegen den Strom oder der Schlüssel zum Schloss? Beispiele für Boykotte aus aller Welt…

Ein Beitrag von Sercan Meriç: Ein Rudern gegen den Strom oder der Schlüssel zum Schloss? Beispiele für Boykotte aus aller Welt…

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Ein Rudern gegen den Strom oder der Schlüssel zum Schloss? Beispiele für Boykotte aus aller Welt…

Im Laufe der Geschichte waren Boykotte eines der wirksamsten Instrumente zivilen Widerstands und zivilen Ungehorsams. Diese Form des gewaltfreien Protests, die von Konsumverzicht über Steuerverweigerung bis hin zu Investitions- und Produktionsstopps reicht, spielte eine entscheidende Rolle dabei, die Legitimität von Regierungen infrage zu stellen, in wirtschaftliche Strukturen einzugreifen und die Macht des Volkes zu demonstrieren.

Auch die Türkei ist mit dem Konzept des Boykotts keineswegs unvertraut. Mal organisierten regierungskritische Massen Boykotte an der Basis, mal riefen Regierungen, die ihre Position in der Außenpolitik stärken wollten, zu Boykotten auf.

Die Geschichte des ersten und bedeutendsten Massenboykotts in der Türkei reicht bis in den Dezember 1969 zurück. In jenen Tagen, als der Wind der 68er-Bewegung scharf wehte, sorgte der unter der Führung der Lehrergewerkschaft der Türkei (TÖS) organisierte Boykott für großes Aufsehen. Bereits vor diesem Datum hatte sich ein bedeutender Kampf der Lehrer um ihre Berufsrechte entwickelt. Die Regierung Demirel, die das Volk gegen die Lehrer aufhetzte, nutzte den damaligen einzigen Fernsehsender TRT effektiv für ihre Zwecke. Allein in Kayseri sollten 800 Lehrer verbrannt werden.

DER ERSTE MASSENBOYKOTT DER TÜRKEI

Nach diesen Entwicklungen rief die TÖS am 10. Dezember 1969 mit dem Aufruf „Alle Lehrer zum Boykott!..“ zum Handeln auf. Da es Beamten zu jener Zeit untersagt war, in den Streik zu treten, stellte das Wort „Boykott“ faktisch die Umgehung dieses Hindernisses dar. Über 125.000 Lehrer beteiligten sich an dem viertägigen Boykott – ein sehr hoher Anteil, wenn man bedenkt, dass die Zahl der im ganzen Land tätigen Lehrer bei etwa 170.000 lag.

In den 1970er Jahren folgten zahlreiche weitere Boykotte. Da die Beispiele den Rahmen dieses Artikels sprengen würden, lohnt ein Sprung in die 2000er Jahre. Das größte Beispiel für eine von der Basis ausgehende Boykottorganisation in der Türkei sahen wir bei den Gezi-Park-Protesten. Seitdem wurde das Volk sowohl von der Bevölkerung selbst als auch von der AKP-Regierung unzählige Male zu Boykotten aufgerufen.

Doch wie effektiv sind Boykotte in den anhaltenden Kämpfen auf der politischen Bühne?

Es gibt eine umfangreiche Literatur zu diesem Thema… Es existieren zahlreiche Artikel von Politikwissenschaftlern und Denkern wie Gene Sharp, Henry David Thoreau, Hannah Arendt, Jürgen Habermas und Johan Galtung.

Das Werk „Why Civil Resistance Works: The Strategic Logic of Nonviolent Conflict“ von Erica Chenoweth und Maria J. Stephan beleuchtet viele Beispiele für Boykotte eingehend.

Das Buch enthält 323 Beispiele, darunter den von Rosa Parks angeführten Montgomery Bus Boycott (USA), Gandhis Salzmarsch in Indien und die BDS-Bewegung in Palästina.

BEISPIELE FÜR WIRKSAME BOYROTTE

Werfen wir einen kurzen Blick auf Beispiele, bei denen Boykotte zu wirksamen Ergebnissen führten:

Philippinen: Ferdinand Marcos prägte die Regierungsführung des Landes fast 20 Jahre lang als Präsident und Premierminister. Nach der Ölkrise von 1979 geriet das Land in eine schwere Wirtschaftskrise. Die katholische Kirche, Gewerkschaften und Basisorganisationen vereinten sich gegen die korrupte Struktur des Regimes. Die Kirche wurde zu einem wichtigen moralischen Akteur, der der Opposition Legitimität verlieh.

Eines der wichtigsten Elemente des zivilen Widerstands waren die Volksstreiks, bekannt als „Welgang Bayan“. Der öffentliche Nahverkehr kam zum Erliegen, Geschäfte wurden geschlossen, ein Generalstreik wurde ausgerufen. 1986 wurde eine umfassende wirtschaftliche Boykottkampagne gegen Marcos gestartet. Marcos, der im selben Jahr die Wahlen verlor, wollte die Macht nicht abgeben. Doch die Proteste wuchsen und das Regime stürzte.

Chile: Auch gegen General Augusto Pinochet, der Chile von 1973 bis 1990 mit einem Diktaturregime regierte, wurden zahlreiche Boykotte organisiert. Denn infolge von Pinochets Wirtschaftspolitik nahmen die Einkommensungleichheit und die Arbeitslosigkeit zu, während die Mittelschicht erodierte. Gewerkschaften, Studenten und Aktivisten leisteten Widerstand. 1983 begannen die „Tage des Protests“ (Jornadas de Protesta Nacional) gegen das Regime. Durch Konsumentenboykotte wurde eine breite Front gegen regimenahe Unternehmen gebildet. Beim Referendum 1988 stimmten etwa 55 Prozent gegen eine Fortsetzung der Herrschaft Pinochets. 1990 brach das Regime zusammen.

Südafrika: Boykotte waren eine der wichtigsten Aktionen beim Sturz des Apartheid-Regimes. Produkte von Marken, die das Regime unterstützten, wurden nicht konsumiert. Durch internationale Solidarität wurde die globale Legitimität des Regimes erschüttert. Musiker, Künstler und Sportler weigerten sich, bei Veranstaltungen in Südafrika aufzutreten. Insbesondere die in den 1980er Jahren begonnene „Defiance Campaign“ (Kampagne des Ungehorsams) erschütterte das Regime. 1990 kam Nelson Mandela dank der Boykotte und des zivilen Widerstands nach langjähriger Haft frei, und ein völlig neues Südafrika wurde aufgebaut.

Neben diesen Beispielen stürzte das Milošević-Regime in Serbien infolge von Konsumentenboykotten und Generalstreiks, Boykotte waren beim Zusammenbruch des Mubarak-Regimes in Ägypten wirksam, und die Solidarność-Bewegung in Polen erzielte Erfolge.

FAKTOREN FÜR DEN ERFOLG EINES BOYROTTS

Natürlich war nicht jeder Boykott erfolgreich; es ist wichtig, dass Boykotte gegen autoritäre Regime durch friedliche, vielfältige und kreative politische Schritte ergänzt werden. Bei der Untersuchung erfolgreicher Boykotte fällt jedoch auf, dass Faktoren wie „Verbreitung“, „Kontinuität“, „wirtschaftliche Zielgerichtetheit“, „ethische Legitimität“ und „internationale Solidarität“ von entscheidender Bedeutung sind.


Nachrichtenquelle: 12punto