BILD-Hetzkampagne gegen Journalisten türkischer Herkunft landet vor Gericht
Deutschlands auflagenstärkste Zeitung Bild startete am Samstag eine offene Hetzkampagne gegen den Journalisten türkischer Herkunft, Adil Palta, indem sie ihn auf ihre Titelseite brachte. Palta wurde vorgeworfen, während seines Bezugs von Sozialleistungen in der Türkei Fernsehsendungen moderiert zu haben.
Işın ERTÜRK – STUTTGART - 12punto
Deutschlands auflagenstärkste Zeitung BILD brachte in ihrer Ausgabe vom 16. August 2025 den Journalisten türkischer Herkunft, Adil Palta, auf ihre Titelseite. Die Berichterstattung, in der behauptet wurde, er habe während seines Bezugs von Sozialleistungen in der Türkei Fernsehsendungen moderiert, stellte Palta öffentlich an den Pranger und löste eine tiefe Erschütterung in seinem Privatleben aus. Damit wurde der türkische Journalist nicht nur vor Gericht, sondern durch die Schlagzeile einer Zeitung auch vor der Öffentlichkeit ein weiteres Mal bestraft.
BRIEF VON RECHTSANWALT ADEM DOĞAN AN BILD
Nach dem Vorfall sandte Paltas Anwalt, Adem Doğan, von Stuttgart aus einen Brief an die BILD-Zeitung. In diesem Text, der auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, erklärte Doğan, dass die im Bericht enthaltenen Informationen in vielerlei Hinsicht unwahr und irreführend seien. Doğan betonte, dass insbesondere die Angaben zu Einkommen, Vermögen und Verdienstsummen auf keinerlei Grundlage beruhten. Er erklärte, sein Mandant habe lediglich eingeräumt, fehlerhafte Angaben gemacht zu haben, doch BILD habe das Thema aufgebauscht und in eine öffentliche Hinrichtung verwandelt.
Doğan forderte sowohl von BILD als auch von den deutschen und türkischen Medien, die den Bericht ungeprüft übernommen hatten, eine Gegendarstellung, Korrektur und Entschuldigung. Der vollständige Wortlaut der Erklärung, die der türkische Jurist neben BILD auch an Presseorgane und Journalisten übermittelte, lautet wie folgt:
„ZUR BEACHTUNG DER ÖFFENTLICHKEIT
Der in der BILD-Zeitung veröffentlichte Bericht über meinen Mandanten Adil Palta enthält in vielerlei Hinsicht unwahre und irreführende Informationen und vermittelt der Öffentlichkeit ein falsches Bild. Eine solche Berichterstattung ist mit den Grundsätzen eines korrekten und sorgfältigen Journalismus nicht vereinbar. Mein Mandant respektiert die in der Verfassung garantierte Pressefreiheit. Diese Freiheit endet jedoch dort, wo durch unwahre Behauptungen, irreführende Schlagzeilen und einseitige Darstellungen in die Persönlichkeitsrechte einer Person eingegriffen wird.
Richtig ist, dass mein Mandant eingeräumt hat, fehlerhafte Angaben gemacht zu haben. Der Bericht in der Bild-Zeitung ist jedoch, insbesondere hinsichtlich der Angaben zu Einkommen, Vermögen und Verdienstsummen, unwahr. Diese Zahlen entbehren jeder Grundlage. Mein Mandant erkennt zudem an, dass gegen ihn ermittelt wird, und erklärt ausdrücklich seine Bereitschaft, den entstandenen Schaden wiedergutzumachen.
Diese Veröffentlichung hat die persönliche und berufliche Ehre meines Mandanten schwer beschädigt und ihn psychisch tief erschüttert. Diese Schlagzeile, die zerstörerisch genug ist, um das Leben eines Menschen zu ruinieren, hat ihren Platz in den Medienarchiven nicht als Beispiel für Pressefreiheit, sondern als Beispiel für eine öffentliche Hinrichtung gefunden.
Mit Bedauern müssen wir feststellen, dass dieser manipulative Bericht der Bild-Zeitung nicht nur auf ihren eigenen Seiten blieb, sondern – ohne Recherche und unter Missachtung journalistischer Verantwortung – auch in der türkischen Presse von einigen Zeitungen, Fernsehsendern und in sozialen Medien eins zu eins wiederholt wurde. Wir verurteilen diese Vorgehensweise, die nicht der Information der Öffentlichkeit dient, sondern der Diffamierung einer Person.
Daher ist unsere Forderung klar: Wir fordern sowohl von der Bild-Zeitung als auch von allen Medien, die den Bericht ungeprüft verbreitet haben, die Korrektur der falschen und verzerrten Informationen mit gleicher Sichtbarkeit, die Erfüllung der Pflicht zu einer öffentlichen Entschuldigung sowie die Veröffentlichung einer Gegendarstellung. Andernfalls werden die notwendigen rechtlichen Schritte für alle materiellen und immateriellen Schäden, die mein Mandant erlitten hat, eingeleitet.
Mit freundlichen Grüßen
Adem Doğan – Rechtsanwalt von Adil Palta“
BILD LEHNTE FORDERUNGEN AB
Die BILD-Zeitung erklärte, dass sie alle im Brief des Anwalts enthaltenen Forderungen ablehne. Daraufhin kündigte Rechtsanwalt Doğan an, dass sie rechtliche Schritte einleiten und Klage wegen materieller und immaterieller Schäden erheben werden.
Der Vorfall beschränkte sich nicht nur auf eine Schlagzeile, die Adil Palta ins Visier nahm. Der Bericht von BILD wurde auch in der deutschen und türkischen Presse ohne Recherche und unter Missachtung journalistischer Grundsätze wiederholt. Dies verstärkte die Kritik, dass die Medien sowohl in Deutschland als auch in der Türkei auf eine skandalorientierte, oberflächliche und verantwortungslose Linie abgedriftet sind.
JOURNALISTISCHER STIL: SOGAR BÜCHER ÜBER BILD GESCHRIEBEN
Der journalistische Stil von BILD ist nicht nur heute, sondern seit Jahrzehnten Gegenstand von Diskussionen.
In dem 2021 erschienenen Buch „Ohne Rücksicht auf Verluste“ dokumentieren Mats Schönauer und Moritz Tschermak, wie die Zeitung die Gesellschaft spaltet. Von der Stigmatisierung von Hartz-IV-Empfängern bis hin zur Schürung von Hass gegen Migranten und dem Beitrag zum Aufstieg der rechtspopulistischen AfD werden zahlreiche Beispiele angeführt. Die Autoren unterstreichen die verheerenden psychologischen Auswirkungen, die BILD bei den Betroffenen hinterlässt.
WIE GEFÄHRLICH IST BILD?
Die gefährliche Macht von BILD wurde auch von Heinrich Böll, einem der Nobelpreisträger unter Deutschlands Schriftstellern, kritisiert. Böll, der die einseitige Berichterstattung der Zeitung in den 1960er und 70er Jahren als Bedrohung für die Demokratie sah, nahm eine harte Haltung gegen den Springer-Konzern ein. Die Angriffe und Diffamierungskampagnen, die er selbst erlebte, inspirierten seinen Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“.
Unterdessen stießen auch die Dokumentationen von Günter Wallraff und sein Buch „Der Aufmacher“, das die Hintergründe der Zeitung thematisiert, auf großes Interesse. Das Buch wurde vor einiger Zeit auch neu aufgelegt.
AXEL SPRINGER UND NEUE DISKUSSIONEN
BILD operiert unter dem Dach des Axel Springer Verlags. Im vergangenen Juli wurde bekannt, dass den Mitarbeitern des Verlags ein Schreiben zuging, in dem die Loyalität zu Israel betont wurde, was neue Diskussionen über die Unabhängigkeit der Presse auslöste.
Der Fall Adil Palta ist nicht nur das persönliche Drama eines Journalisten türkischer Herkunft, sondern auch eine brennende Prüfung für die Macht und Verantwortung der Presse in Europa. Ein Prozess hat begonnen, der mit der gerichtlichen Bestätigung oder Ablehnung der These enden wird, dass diese Schlagzeile von BILD das grundlegendste Prinzip der Pressefreiheit, nämlich das Prinzip der „Wahrheitssuche und -vermittlung“, missachtet.
Die Frage lautet: Ist ein journalistisches Verständnis, das Fakten verzerrt, Menschen an den Pranger stellt und Leben ruiniert, noch „freie Presse“ oder bereits eine „Hinrichtung per Schlagzeile“?
Nachrichtenquelle: 12punto
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