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Die „Atatürk-Spannung“ in Deutschland wächst: Protest oder eine neue kulturelle Front für die Republik?

Die Spannungen rund um die Oper „Atatürk – Die Legende von Mustafa Kemal“, die das Staatstheater Stuttgart für die Spielzeit 2027 plant, nehmen zu.

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Die „Atatürk-Spannung“ in Deutschland wächst: Protest oder eine neue kulturelle Front für die Republik?

IŞIN ERTÜRK – STUTTGART

Die Spannungen rund um die Oper „Atatürk – Die Legende von Mustafa Kemal“, die das Staatstheater Stuttgart für die Spielzeit 2027 plant, wachsen. Doch die Angelegenheit ist längst über eine bloße „Operndebatte“ hinausgewachsen.

Die eigentliche Frage ist eine andere…

Was wird die türkischstämmige Gemeinschaft in Deutschland von nun an tun? Wird sie sich nur mit Protest begnügen?

Oder werden wir einen großen kulturellen Vorstoß erleben, der den Gründungsgeist der Republik, die Idee der Unabhängigkeit und das, wofür Atatürk steht, neu vermittelt?

Genau in dieser Atmosphäre wurde der offene Brief der Vorsitzenden des Vereins für Atatürk-Gedankengut (ADD) Stuttgart, Elif Özel İsmailoğlu, an das Staatstheater Stuttgart veröffentlicht.

In unserer früheren Analyse zu diesem Thema hatten wir berichtet, dass die Darstellung Atatürks in den Werbetexten der Oper in Verbindung mit Begriffen wie „Gewalt“, „Autoritarismus“, „nationalistische Ideologie“, „historische Verbrechen“ und „Unterdrückung“ in der türkischen Gemeinschaft in Deutschland auf großen Widerstand gestoßen ist. In den sozialen Medien gab es Tausende von Beiträgen, und zahlreiche türkische Nichtregierungsorganisationen hatten scharf auf das Projekt reagiert.

Das Staatstheater Stuttgart hatte in einer Stellungnahme auf die Kritik hin erklärt, dass die Oper „kein Ziel der Heldenverehrung verfolge“, „historische Gewalt nicht legitimieren werde“ und dass „auch historische Traumata in Bezug auf Armenier, Griechen und Kurden im Werk thematisiert würden“. Doch diese Erklärungen reichten nicht aus, um die Spannungen abzubauen.

Der offene Brief des ADD Stuttgart hat die Debatte auf eine neue Ebene gehoben.

In dem Brief wird erklärt, dass die verwendete Sprache „einseitig, ideologisch und anklagend“ sei und die Rolle Atatürks in der Weltgeschichte verzerrt werde. Zudem wurden Fragen gestellt, auf welche historischen Quellen sich das Werk stütze, welche Historiker als Berater fungierten und ob die Ansichten türkischer Historiker berücksichtigt wurden.

Es wird erwartet, dass der offene Brief von zahlreichen türkischen Nichtregierungsorganisationen in der Region unterstützt wird. Die Debatte scheint sich nicht nur in der türkischen Öffentlichkeit in Deutschland, sondern auch in der Türkei und in den türkischsprachigen Medien schnell auszubreiten.

Werfen wir zunächst einen Blick auf den vollständigen offenen Brief, der von der Vorsitzenden des Vereins für Atatürk-Gedankengut (ADD) Stuttgart, Elif Özel İsmailoğlu, an das Staatstheater Stuttgart gesendet wurde:

„Sehr geehrte Verantwortliche des Staatstheaters Stuttgart,

wir haben die Texte, Werbematerialien und den Projektinhalt für das Opernprojekt „Atatürk – Die Legende von Mustafa Kemal“, das für die Spielzeit 2027 geplant ist, sorgfältig geprüft.

Zunächst möchten wir klarstellen, dass wir grundsätzlich nicht gegen die künstlerische Freiheit bei der Darstellung historischer Persönlichkeiten oder die Diskussion unterschiedlicher Interpretationen in Kunstwerken sind.

In diesem Fall ist es an sich erfreulich, dass ein Staatsmann, der für die Weltgeschichte so bedeutend ist wie Mustafa Kemal Atatürk, Gegenstand einer Oper wird. Die jüngsten Erklärungen zur Oper, zum verwendeten Konzept und zu den der Öffentlichkeit präsentierten Inhalten geben jedoch Anlass zu ernster Sorge, dass das Werk Atatürk und die Gründung der Republik Türkei eher aus einer ideologischen und kontroversen Perspektive neu interpretieren wird, anstatt eine ausgewogene, auf historischen Fakten basierende Darstellung zu bieten.

Dies zeigt sich besonders deutlich in den veröffentlichten Texten:

„Was bedeutet Fortschritt? Wer zahlt den Preis für die Reformen? Und wie viel Gewalt verbirgt sich hinter dem Traum von der Einheit?“

„Das Chaos des Endes, der Rausch des Anfangs und die langen Schatten, die politische Entscheidungen hinterlassen...“

„Hinterfragt die Figur Atatürk an der Grenze zwischen Mensch und Denkmal, als Legende.“

„Atatürks Privatleben wurde bewusst fiktionalisiert.“

„Atatürk erscheint nicht als Ikone, sondern als ein Mensch, der zwischen Fortschrittsglauben, persönlicher Einsamkeit und dem Streben nach autoritärer Macht gefangen ist.“

„Sich dem Prozess des Legendenwerdens stellen...“

„Gewalt, Unterdrückung, historische Verbrechen, nationalistische Ideologie und Autoritarismus sind die zentralen Themen des Librettos.“

„Gewalt gegen Armenier, Griechen und Kurden wird im Werk explizit thematisiert.“ Diese Äußerungen sind bemerkenswert. Diese Diskurse erwecken den Eindruck, dass Atatürks historische Rolle von vornherein in einem problematischen, anklagenden und einseitigen Rahmen behandelt wird. Insbesondere die direkte Platzierung von Begriffen wie „Gewalt“, „Autoritarismus“, „historisches Verbrechen“, „nationalistische Ideologie“ und „Unterdrückung“ in das Zentrum der Atatürk-Erzählung verstärkt die Sorge, dass das Projekt darauf abzielt, eine historische Figur nicht künstlerisch zu interpretieren, sondern sie durch aktuelle politische Debatten neu zu bewerten.

Darüber hinaus ist die Definition Atatürks lediglich als „Figur“, „Mythos“ oder „legendäre Figur“ ein für die türkische Gesellschaft äußerst sensibles Thema.

Gazi Mustafa Kemal Atatürk ist und bleibt eine historische Figur; er ist der Gründer der Republik Türkei, der Anführer des Befreiungskrieges und der Architekt des Modernisierungsprozesses.

Mit seinen Beiträgen zu Frauenrechten, einem säkularen Rechtssystem, Bildungsreformen und dem modernen Staatsverständnis ist er einer der bedeutendsten Staatsmänner nicht nur in der türkischen, sondern auch in der Weltgeschichte.

Mehr als nur Atatürk; der Ansatz, das Thema durch die Linse von „autoritären Machtkämpfen“, „Gewalt“, „historischen Verbrechen“ und der „Neubearbeitung von Mythen“ zu betrachten, löst naturgemäß ein starkes Unbehagen im kollektiven historischen Bewusstsein von Millionen Menschen aus.

Insbesondere die Behauptung, dass Atatürks Privatleben im Werk „bewusst fiktionalisiert“ wurde, wirft ein separates Problem der Verantwortung auf.

Die Grenzen für fiktionale Eingriffe in das Privatleben historischer Persönlichkeiten sind unklar. Dies schürt die Angst, dass die Grenze zwischen historischer Realität und künstlerischer Fiktion bewusst verwischt wird.

Dass die Oper Türkisch, Armenisch, Kurdisch, Griechisch, Deutsch und andere Sprachen in denselben historischen und politischen Rahmen stellt, wirft ebenfalls Fragen in der Öffentlichkeit auf.

Im Jahr 1981 verabschiedeten die Vereinten Nationen eine Resolution, in der Atatürk als eine Persönlichkeit geehrt wurde, die einen besonderen Beitrag zum Frieden, zur internationalen Verständigung und zur internationalen Zusammenarbeit geleistet hat.

In der Begründung wurden insbesondere folgende Punkte hervorgehoben:

• Das Prinzip „Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt“, das ein Vorbild für internationale Beziehungen darstellt

• Sein Engagement für eine antiimperialistische Unabhängigkeit ohne aggressive Expansion

• Seine Bemühungen zur Förderung von Zusammenarbeit und Stabilität in seiner Region (z. B. auf dem Balkan und im Nahen Osten)

• Seine Rolle als Reformer, der Bildung, Wissenschaft und Modernisierung förderte und damit langfristig zur friedlichen Entwicklung beitrug.

Die UN betonen zudem, dass Atatürk nicht nur für die Türkei, sondern insbesondere für Länder, die sich auf dem Weg zur Unabhängigkeit und zum modernen Staat befinden, ein Vorbild ist.

Aus diesem Grund wurde das Jahr 1981 aufgrund seiner Bedeutung für den weltweiten Frieden und die Verständigung international zum „Atatürk-Jahr“ erklärt.

Wer jedoch die Darstellung des Atatürk-Charakters in der Oper liest, könnte meinen, es mit einem Teufel zu tun zu haben, anstatt mit einem Menschen, wie er in der UN-Resolution beschrieben wird. Wenn die künstlerische Begründung für diese Entscheidungen nicht klar dargelegt wird, entsteht der Eindruck, dass das Projekt eher darauf abzielt, eine politische Debatte zu entfachen, als eine historische Erzählung zu sein. In diesem Zusammenhang erwartet das Publikum Antworten auf einige grundlegende Fragen:

Auf welchen historischen Quellen basiert das Libretto?

Welche Historiker, Akademiker oder Experten haben das Projekt beraten?

Wurden die Ansichten türkischer Historiker und verschiedene wissenschaftliche Perspektiven berücksichtigt?

Basiert das Werk auf historischen Dokumenten und wissenschaftlichen Forschungen oder primär auf Fiktion und zeitgenössischen politischen Interpretationen?

Warum werden Atatürk und die Geschichte der Republik gezielt mit Begriffen wie „Gewalt“, „Autoritarismus“, „nationalistische Ideologie“ und „historisches Verbrechen“ in Verbindung gebracht?

Befürwortet das Werk den historischen Pluralismus oder zielt es darauf ab, eine Debatte über Atatürk und die Gründung der Republik zu provozieren?

Fördert das Werk den historischen Pluralismus oder zielt es darauf ab, die Debatte über Atatürk und die Gründung der Republik neu zu beleben?

Als türkische Gemeinschaft in Deutschland lehnen wir es nicht ab, uns mit der Geschichte auseinanderzusetzen, aber wir lehnen die Verzerrung der historischen Realität durch einseitige Interpretationen ab. Während wir glauben, dass Kunst die Verständigung zwischen Gesellschaften fördern sollte, glauben wir auch, dass sie nicht zu einem Instrument werden sollte, das gesellschaftliche Sensibilitäten ignoriert, die gesellschaftliche Polarisierung vertieft und unser gemeinsames historisches Gedächtnis verletzt.

Wir halten es für wichtig, dass die Sensibilitäten der türkischen Gemeinschaft in Deutschland berücksichtigt werden und Narrative vermieden werden, die zu Polarisierung führen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden und Konflikte auslösen könnten.

Da wir in diesem Land Steuerzahler sind und mit unseren Steuergeldern öffentliche Einrichtungen wie das Staatstheater finanzieren, erwarten wir, dass das Staatstheater Stuttgart die akademischen Grundlagen und Beratungsprozesse des Projekts transparent mit der Öffentlichkeit teilt, verschiedenen historischen Perspektiven gleiches Gewicht beimisst und die Sensibilitäten der türkischen Gemeinschaft in Deutschland respektiert.

Wir glauben, dass Dialog, gegenseitiges Verständnis und das Bewusstsein für historische Verantwortung die Grundprinzipien sein sollten, wenn man ein so sensibles Thema behandelt.

Verein für Atatürk-Gedankengut – Stuttgart

Elif Özel İsmailoğlu“

Fahren wir fort...

Millionen von Menschen türkischer Herkunft in Deutschland stehen heute eigentlich auf einem riesigen intellektuellen Erbe. Von Nâzım Hikmets unsterblichem Epos bis zu Hasan İzzettin Dinamos „Heiliger Aufstand“ (Kutsal İsyan), von Dr. Hikmet Kıvılcımlı bis Behice Boran, von Aziz Nesin bis Doğan Avcıoğlu, Prof. Dr. Korkut Boratav, Prof. Dr. Yalçın Küçük und sogar Prof. Dr. Zafer Toprak, der 2023 von uns ging, nachdem er Tausende von Seiten über die Republikzeit und Atatürk veröffentlicht hatte, bis hin zu den Untersuchungen der jungen Historikergeneration – also Tausende kompetente Forscher, die Debatten über Republik, Unabhängigkeit und Modernisierung, die türkische Intellektuelle seit Jahrzehnten führen und die in Zehntausenden von Forschungsbüchern enthalten sind, gewinnen erneut an Aktualität. Besonders die junge Generation von Denkern leistet ganz neue Beiträge zur türkischen Modernisierung. Ist das große Wissen, das heute wieder gelesen wird, nicht eigentlich genau für solche Zeiten hinterlassen worden?

Jetzt richten sich die Augen auf die türkische Gemeinschaft in Deutschland.

Es bleibt abzuwarten, ob sich im Laufe der Jahre 2026 und 2027 eine neue kulturelle Front bilden wird, die von Konferenzen bis zu Theaterprojekten, von Konzerten bis zu Literaturtagen die Republik und die Gründungsidee der modernen Türkei vermittelt.

Denn die Republik ist für uns nicht nur ein Staatsmodell. Die Republik ist der Name unseres großen Unabhängigkeitskampfes gegen eine imperialistische Besatzung.

Dieser Kampf kann nicht durch einseitige politische Lesarten erzählt werden, sondern durch Historiker, Künstler, Literaten, Archive und kulturelle Produktion.

Wir könnten in eine neue Ära eintreten, in der eine viel größere kulturelle und politische Auseinandersetzung um die Grundwerte der Republik, die Idee der Unabhängigkeit und ihre revolutionäre Ader beginnt.

Es scheint, das einzige Mittel ist nun, „den Einsatz zu erhöhen“ und...

Die Republik zu erklären.


Nachrichtenquelle: 12punto

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