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Einschätzung der Financial Times zur Türkei: 'Kein Vertrauen in den Rechtsstaat'

In einer bemerkenswerten Analyse zur türkischen Wirtschaft schreibt die britische Zeitung Financial Times, dass die größte Sorge der Investoren nicht die hohe Inflation sei, sondern das Fehlen eines funktionierenden Rechtsstaats. Die Zeitung stellte fest, dass politischer Druck und das Misstrauen gegenüber dem Justizsystem Investitionen bremsen.

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Einschätzung der Financial Times zur Türkei: 'Kein Vertrauen in den Rechtsstaat'

Die Financial Times erklärte in ihrer Analyse mit dem Titel „Wie die angeschlagene Wirtschaft der Türkei Erdoğan unter Druck setzt“, dass die hohen Lebenshaltungskosten und die wachsende soziale Unruhe die politische Zukunft von Präsident Recep Tayyip Erdoğan bedrohen.

In dem Artikel, der den Namen des Istanbul-Korrespondenten John Paul Rathbone trägt, wurde betont, dass sich sowohl kleine Gewerbetreibende als auch große Industrieunternehmen in der Türkei in einem wirtschaftlichen Engpass befinden. Die Zeitung merkte jedoch an, dass die eigentliche Sorge der Investoren nicht wirtschaftlicher Natur sei, sondern mit politischen und rechtlichen Garantien zusammenhänge.

SORGE UM DEN RECHTSSTAAT HEMMT INVESTITIONEN

Ein Geschäftsmann, der anonym bleiben wollte, sagte gegenüber der Financial Times: „Wir können lernen, mit hoher Inflation zu leben. Aber wenn der Rechtsstaat nicht funktioniert, wird es für uns unmöglich, zu investieren. Wenn man nicht im Einklang mit der Regierung steht, kann man zur Zielscheibe werden.“

Die Zeitung führte die Inhaftierung von TÜSİAD-Führungskräften als Beispiel für diese Sorge an und erklärte, dass politischer Druck ein tiefes Misstrauen in der Geschäftswelt geschaffen habe.

KEHRTWENDE IN DER WIRTSCHAFTSPOLITIK

In der Analyse wurde darauf hingewiesen, dass die orthodoxe Wirtschaftspolitik, die mit dem Amtsantritt von Finanzminister Mehmet Şimşek begann, zunächst positiv aufgenommen wurde. Der Rückgang der Inflation von 75 % auf 40 % und die Erholung der Reserven der Zentralbank wurden als erste Erfolge dieser Politik genannt.

Die Verhaftung des Bürgermeisters von Istanbul, Ekrem İmamoğlu, am 19. März führte jedoch sowohl zu Protesten im Inland als auch zu einer Panikstimmung an den Märkten. Es wurde angegeben, dass die Zentralbank in diesem Prozess etwa 50 Milliarden Dollar an Reserven ausgegeben hat, um den Druck auf den Wechselkurs auszugleichen.

WACHSTUMSMODELL DURCH KREDITE NICHT MEHR NACHHALTIG

In dem Artikel wurde zum Ausdruck gebracht, dass das frühere Wirtschaftsmodell der Türkei, das auf niedrigen Zinsen, Kreditausweitung und dem Bausektor basierte, nun am Ende sei. Ökonomen, die mit der FT sprachen, erklärten, dass dieses Modell erschöpft und nicht nachhaltig sei.

Darüber hinaus wurde die Türkei im Rechtsstaatsindex unter 142 Ländern auf Platz 117 eingestuft und von Investoren als „Hochrisikoland“ bezeichnet.

HÄUFIGE WECHSEL BEI ZENTRALBANK UND FINANZMINISTERIUM SCHÜREN MISSTRAUEN

Die Financial Times stellte fest, dass der Wechsel von vier Zentralbankpräsidenten und drei Finanzministern in den letzten fünf Jahren die institutionelle Stabilität ernsthaft beschädigt habe. Die Zeitung schrieb, dass ein neuer Zusammenbruch der türkischen Lira unvermeidlich sein könnte, falls solche Änderungen anhalten.

Im Juni stieg das ausländische Interesse an Türkei-fokussierten börsengehandelten Fonds (ETFs) wieder an. Laut einem Bericht von Bloomberg gab es Zuflüsse in Höhe von 21,4 Millionen Dollar in den MSCI Turkey ETF, was den höchsten Stand der letzten zwei Jahre darstellt.

Can Oksun von Global Securities erklärte, dass das Interesse ausländischer Investoren stabiler sei, und führte dies auf Faktoren wie die Erwartung von Zinssenkungen, die Verlangsamung der Inflation und die relative Befreiung von US-Zollbeschränkungen zurück.

Sebastian Kahlfeld von der in Frankfurt ansässigen DWS Investment sagte hingegen, dass dieses Investoreninteresse nicht langfristig sei, sondern eher „taktische“ Bewegungen darstelle. Er fügte jedoch hinzu, dass Aktien höhere Bewertungen sehen könnten, wenn die Türkei entschlossen an ihrer orthodoxen Politik festhalte.


Nachrichtenquelle: 12punto

Financial Times