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Naci Görür warnt vor Istanbul: 'Die Frist ist abgelaufen' – 'Beten Sie, so viel Sie wollen'

Prof. Dr. Naci Görür nahm an einer von der Stadtverwaltung Ataşehir im İnal-Aydınoğlu-Kulturzentrum organisierten Gesprächsrunde teil, um die Öffentlichkeit für das Erdbebenrisiko zu sensibilisieren. In seiner Rede erläuterte er detailliert die große Gefahr, die Istanbul und die Marmara-Region bedroht.

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Naci Görür warnt vor Istanbul: 'Die Frist ist abgelaufen' – 'Beten Sie, so viel Sie wollen'

Görür betonte, dass die Nordanatolische Verwerfung etwa alle 250 Jahre ein schweres Erdbeben erzeuge: „Das letzte große Beben ereignete sich 1766. Wenn man 250 Jahre hinzurechnet, kommt man auf das Jahr 2016. Das bedeutet, die Zeit für ein Erdbeben im Marmarameer ist abgelaufen. Beten Sie, so viel Sie wollen, diesen Mechanismus können Sie nicht aufhalten. Ein Erdbeben geschieht nach den unveränderlichen Gesetzen der Natur“, sagte er.

WARNUNG FÜR DIE EUROPÄISCHE SEITE

„Die Intensität dieser Zerstörung wird vor allem auf der europäischen Seite zu spüren sein. Natürlich wird die Erdbebenstärke auch an bestimmten Orten auf der asiatischen Seite hoch sein. Das müssen wir so festhalten. Es ist sicher, dass wir mit einem Erdbeben der Stärke 8 oder 9 konfrontiert sein werden. Bei einem Beben der Stärke 9 werden selbst die sichersten und solidesten Gebäude beschädigt. Sogar die stabilsten Gebäude werden Schaden nehmen. Dass ein Gebäude bei einem Erdbeben unbeschadet bleibt, ist ein sehr seltener Fall.“

„SIE GENIESSEN DIE AUSSICHT, ABER DIE RISIKEN SIND HÖHER“

Bezüglich der Bodenbeschaffenheit Istanbuls wies Görür darauf hin, dass insbesondere die europäische Seite über junge, wassergesättigte und schwache Böden verfüge, die Erdbebenwellen verstärken. Er erklärte, dass die Bodenstruktur auf der anatolischen Seite relativ besser sei: „Diejenigen, die auf der europäischen Seite am Meer wohnen, genießen die Aussicht, aber bei einem möglichen Erdbeben sind die Beschleunigung und das Zerstörungsrisiko dort weitaus höher“, sagte er.

Görür betonte, dass es zwar unmöglich sei, ein Erdbeben zu stoppen, aber sehr wohl möglich, den Verlust von Menschenleben zu verhindern. Die Lösung seien erdbebensichere Städte:

„In Kamtschatka gab es ein Erdbeben, das 1.500-mal mehr Energie freisetzte als das von uns erwartete, und es gab keinen einzigen Todesfall. Weil die Bevölkerung verantwortungsbewusst und ehrlich ist und die Verantwortlichen wissenschaftlich handeln. Länder wie Japan, Kalifornien oder Taiwan verlieren bei Erdbeben keine Menschenleben. Bei uns hingegen begraben wir Tausende unserer Mitmenschen lebendig. Das ist kein Schicksal, das ist ein Versagen.“

Görür erklärte, dass das größte Hindernis bei der Erdbebenvorsorge die polarisierende Struktur der Politik und die mangelnde Forderungshaltung der Bevölkerung seien: „Wenn wir nichts fordern, wird sich nichts ändern. Wir haben die Macht unserer Stimme. Wählen Sie keine Politiker, die keine erdbebensicheren Städte versprechen“, appellierte er.

Görür betonte, dass die Kommunen dringend handeln müssten, und schlug die Einrichtung eines Krisenteams vor, das aus sechs Koordinatoren besteht. Dieses Team, so Görür, solle Koordinatoren für Bevölkerung, Infrastruktur, Gebäudebestand, Ökosystem und Wirtschaft umfassen. Er betonte, dass diese Personen nicht am Schreibtisch, sondern rund um die Uhr im Einsatz vor Ort arbeiten müssten.

Görür wies darauf hin, dass individuelle Vorsorgemaßnahmen gegen das Erdbebenrisiko allein nicht ausreichten: „Maßnahmen wie das Überlebensdreieck oder das Suchen von Schutz unter Tischen sind wichtig, aber was ein Land vor Erdbeben schützt, ist eine langfristige und wissenschaftsbasierte Stadterneuerung“, sagte er.

Prof. Dr. Görür beendete seine Rede mit folgender Warnung:

„Ein Erdbeben ist das Leben selbst. Man kann es nicht aufhalten. Aber mit Wissenschaft und Vernunft, mit Liebe und Solidarität kann man es ohne den Verlust von Menschenleben überstehen. Dies ist eine Überlebensfrage, die über der Politik steht. Entweder wir handeln mit diesem Bewusstsein, oder wir werden alle gemeinsam den Preis für die Katastrophe zahlen.“


Nachrichtenquelle: 12punto

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