Die 'Borsa İstanbul' im Zangengriff von Zinssenkungen, geopolitischem Sturm und Fondsgesetz
Die Borsa İstanbul ist in der letzten Oktoberwoche unter den Druck dreier verschiedener Fronten geraten. Die Zinssenkung der Zentralbank, die wieder aufflammenden geopolitischen Spannungen im Nahen Osten und das vom Parlament verabschiedete Fondsgesetz beeinflussen die Entscheidungsfindung der Anleger, während der BIST-100-Index technisch unter die als kritisch geltende Unterstützungsmarke von 11.250 Punkten gefallen ist.
Zinssenkung kam wie erwartet, doch der Markt ist nicht überzeugt
Die TCMB hat den Leitzins um 100 Basispunkte auf 36 Prozent gesenkt. Die Erwähnung des "Umfangs der Schritte" im Entscheidungstext deutet darauf hin, dass der Senkungszyklus anhalten wird. Der Markt hat dieses Signal jedoch nicht positiv aufgenommen. Am Tag der Zinsentscheidung schloss der BIST-100-Index mit einem Verlust von über 3 Prozent bei 11.220 Punkten; der Rückgang im Bankenindex erreichte sogar 3,62 Prozent. Dass der Index auf das Niveau vom Jahresende 2025 zurückgefallen ist, zeigt, dass die Zinssenkung allein nicht ausreicht.
Ölpreise befeuern Inflationssorgen
An der geopolitischen Front ist das Bild noch düsterer. Berichte über Angriffe auf Saudi-Arabien und Vorbereitungen der USA auf eine mögliche Operation gegen den Iran haben den Brent-Ölpreis auf über 112 Dollar steigen lassen. Die Anweisung des US-Außenministeriums an das Personal in Saudi-Arabien und deren Familien, das Land zu verlassen, hat die Erwartung verstärkt, dass die Spannungen kurzfristig nicht abklingen werden. Dieser Anstieg der Energiekosten ist ein zusätzlicher Risikofaktor für die Türkei, die versucht, im Kampf gegen die Inflation Fortschritte zu erzielen. Während erwartet wird, dass die Fed bei ihrer Sitzung in der kommenden Woche die Zinsen stabil hält, schränkt die anhaltende energiebedingte Belastung, die dazu führt, dass eine Zinserhöhung im Dezember weiterhin eingepreist wird, auch die globale Risikobereitschaft ein.
Fondsgesetz: Keine Unsicherheit, sondern begrenzter Umfang
Das vom Parlament verabschiedete Fondsgesetz deckt nur jene Fonds ab, deren Liquidation durch den Beschluss des Kapitalmarktgremiums (SPK) vom 17. September 2026 entschieden wurde. Das Gesetz ermöglicht es, den Anlegern dieser Fonds Zwischenzahlungen zu leisten: bis zur vollen Höhe, wenn der Nettoanlagebetrag unter 1 Million Lira liegt, und bis zu maximal 1 Million Lira, wenn er darüber liegt. Sollten die verteilbaren Mittel nicht ausreichen, kann das SPK entscheiden, die Zahlungen bei den Anlegern mit den geringsten Beträgen beginnend vorzunehmen. Das Gesetz ist keine allgemeine Marktreform, sondern eine dringende Intervention zur Begrenzung der Verluste während des Liquidationsprozesses. Dennoch sollte der indirekte Beitrag des Vertrauensverlusts am Fondsmarkt zum Verkaufsdruck am Aktienmarkt nicht ignoriert werden.
Risse in den Inflationserwartungen
Die von der TCMB bekannt gegebenen sektoralen Inflationserwartungen für Oktober zeigen, dass der Desinflationsprozess noch nicht auf einem soliden Fundament steht. Während die Inflationserwartung der Marktteilnehmer für die Zeit in 12 Monaten um 0,19 Punkte auf 23,89 Prozent stieg, sanken die Erwartungen der privaten Haushalte um 1,85 Punkte auf 43,75 Prozent und die des Realsektors um 0,70 Punkte auf 31,80 Prozent. Diese deutliche Diskrepanz zwischen Haushalten und Markt verdeutlicht, wie kritisch das Erwartungsmanagement ist. Der Anstieg der Erwartungen der Marktteilnehmer könnte die TCMB dazu zwingen, im Zinssenkungszyklus vorsichtig zu agieren.
Technische Aussichten: Unterstützung gebrochen, Richtung ungewiss
Das Unterschreiten der 11.250-11.300-Marke durch den BIST 100 hat das kurzfristige technische Bild verschlechtert. Analysten beobachten die Niveaus von 10.800 und 10.700 als Unterstützung sowie 11.000 und 11.100 als Widerstand. Der Verlust von über 5 Prozent im Bankenindex zeigt, dass sich der Verkaufsdruck sektoral vertieft. An diesem Punkt stechen für den Anleger drei Schwellenwerte hervor: der Verlauf der geopolitischen Spannungen, die Haltung der TCMB bei der Dezembersitzung und die Auswirkungen des Fondsliquidationsprozesses auf das Marktvertrauen. Ohne Klarheit in diesen drei Punkten ist eine dauerhafte Erholung an der Borsa İstanbul schwer zu erwarten.