Kann der Zins die Geopolitik kaufen?
An den globalen Märkten ist in den letzten zwei Tagen eine ungewöhnliche Diskrepanz zu beobachten: Während die Ölpreise steigen, ziehen auch die Anleiherenditen an. Unter normalen Umständen bewegen sich diese beiden Werte meist in entgegengesetzte Richtungen; sinkt der Ölpreis, gehen die Inflationserwartungen zurück und die Zinsen fallen. Doch derzeit preist der Markt das geopolitische Risiko so stark ein, dass klassische Korrelationen außer Kraft gesetzt werden. Die Frage, die man sich stellen muss, ist nicht mehr technischer, sondern philosophischer Natur: Kann der Zins das geopolitische Risiko tatsächlich kaufen oder verschiebt er es nur? Die Antwort auf diese Frage wird in den kommenden Wochen darüber entscheiden, wer an den entwickelten und den Schwellenmärkten gewinnt und wer verliert.
DAS SELTSAME BÜNDNIS DES ZINSES
Auf den deutlichen Rückgang der US-Anleiherenditen vor zwei Tagen reagierten die Märkte zunächst mit starkem Optimismus; die Risikobereitschaft schien sich zu erholen. Doch gestern kehrte sich das Bild um: Der Anstieg der Ölpreise wurde von einem erneuten Anstieg der Anleiherenditen begleitet, und die globale Risikobereitschaft schwächte sich wieder ab. Dies ist der Beweis dafür, dass Investoren Öl nicht mehr nur als Energiepreis, sondern direkt als Index für geopolitische Spannungen lesen. Wenn die Anleiherendite steigt, bedeutet das, dass der Markt signalisiert: "Diese Spannung ist dauerhaft, die Zentralbanken könnten die Lockerung verschieben." Der Verlauf der Ölpreise und die Anleiherenditen bleiben auch am letzten Handelstag der Woche der Fokuspunkt für die globale Risikobereitschaft. Die vorläufigen PMI-Daten aus der Eurozone und den USA werden der erste echte Test dafür sein, wie berechtigt diese Lesart ist; sollte das Wachstumssignal schwach ausfallen, könnte sich das Bündnis aus Zins und Öl weiter festigen.
DIE WAHRHEIT ÜBER DIE GEOPOLITISCHE PRÄMIE
Der kritische Punkt hierbei ist: Wenn der Markt das geopolitische Risiko einpreist, zahlt er eigentlich eine Versicherungsprämie, er beseitigt das Risiko nicht. Die Zinsdifferenz ist ein Aufruf, der besagt: "Komm und nimm dieses Risiko auf dich"; sie vernichtet das Risiko nicht, sondern macht es übertragbar und sorgt dafür, dass es den Besitzer wechselt. Genau hier setzen auch die verstärkten Rückkäufe langfristiger Anleihen durch das US-Finanzministerium an. Vordergründig ein technischer Schritt des Schuldenmanagements, doch die Wirkung ist weitaus größer: Durch die Abflachung der Zinskurve wurde die Zinsdifferenz gegenüber Schwellenländern in dieser Woche wieder attraktiv. Infolgedessen haben die Währungen der Schwellenländer seit Wochenbeginn gegenüber dem Dollar überwiegend an Wert gewonnen. Das bedeutet, selbst wenn die globale Risikobereitschaft schwächelt, kauft das Kapital das Risiko gegen eine bestimmte Laufzeit und Rendite weiterhin auf. Die eigentliche Frage ist hierbei, ob der Preis der Prämie korrekt berechnet wurde; die Geschichte zeigt, dass Märkte geopolitische Risiken meist zu spät und unvollständig einpreisen. Vor 2008 wurde das Kreditrisiko ähnlich günstig bewertet, die tatsächlichen Kosten traten erst mit der Krise zutage. Die heutige geopolitische Prämie könnte eine ähnliche Illusion bergen: Ein niedrig erscheinender Preis bedeutet nicht unbedingt ein niedriges Risiko, sondern könnte lediglich bedeuten, dass der Markt es noch nicht vollständig eingepreist hat.
DER REIZ DES CARRY TRADES
Wenn wir auf den Binnenmarkt blicken, zeigt sich ein ganz anderes Bild. Die Borsa İstanbul zeigt eine deutlich stärkere Performance im Vergleich zum Verkaufsdruck an den ausländischen Märkten. Dass sich der BIST-100-Index über der Marke von 14.250 Punkten hält, bewahrt das kurzfristige Aufwärtspotenzial. Während die Marke von 14.650 Punkten das Hauptziel darstellt, stützen auch die technischen Niveaus bei den Terminkontrakten diesen Widerstand.
Auf der Kehrseite der Medaille stehen jedoch der Wechselkurs und die Kapitalströme. Die hohen lokalen Zinsen, die die Türkei bietet, haben einen starken Carry-Trade-Vorteil geschaffen. Dass der USD/TL-Kurs die Marke von 48,05 testet und seit Monatsbeginn um etwa 1,1 % gestiegen ist – wenn auch nur begrenzt –, deutet auf einen kontrollierten Verlauf hin. Während die Erwartung der Marktteilnehmer für den Monatsendkurs bei 48,19 liegt, ist das Verhaltensmuster ausländischer Investoren äußerst bemerkenswert.
FLUCHT VON STAATSANLEIHEN IN AKTIEN
Nach den jüngsten Daten der türkischen Zentralbank (TCMB) ist das Portfolio an inländischen Staatsanleihen (DİBS) von Gebietsfremden, bereinigt um Marktschwankungen und Wechselkursdifferenzen, innerhalb einer Woche um 306 Millionen Dollar gesunken. Im gleichen Zeitraum stieg das Aktienportfolio ausländischer Investoren um 176 Millionen Dollar. Dies zeigt, dass ausländisches Kapital zwar teilweise aus festverzinslichen Wertpapieren abfließt, sich aber der Borsa İstanbul zuwendet, die vergleichsweise günstig geblieben ist und eine globale Entkoppelung zeigt.
Doch dieser Kapitaltransfer bringt einen grundlegenden Widerspruch mit sich. Auch wenn der Zins die Geopolitik ausgeglichen zu haben scheint, ist die Hauptmotivation des heißen Geldes keine dauerhafte Investition, sondern die Arbitragemöglichkeit. Auch wenn der im Zins-Oasen-Angebot enthaltene Carry Trade die Volatilität der Wechselkurse unterdrückt, erhöhen die steigenden Ölpreise und die geopolitischen Brüche in der globalen Lieferkette die Kostenlast für den Realsektor.
FALSCHER FRÜHLING?
Die Aufwertung der Währungen der Schwellenländer gegenüber dem Dollar könnte an den Märkten eine falsche Frühlingsstimmung erzeugen. Doch Makrodaten wie der vom TÜİK und der TCMB veröffentlichte Verbrauchervertrauensindex, der Realwirtschafts-Vertrauensindex und die Kapazitätsauslastung sind weitaus kritischer, um den Puls der Realwirtschaft zu fühlen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Hochzinspolitik Kapitalströme vorübergehend lenken und den Druck auf den Wechselkurs mildern kann. Sie kann jedoch die hohen Energiekosten, geopolitische Risiken und die Gefahr einer globalen Stagflation nicht vollständig verdecken. Der Zins bringt die Geopolitik früher oder später auf den Tisch; doch die Rechnung an diesem Tisch zahlt immer die Realwirtschaft und das nachhaltige Wachstum.