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Die Stille des Sehens

Die Journalistin Ece Uygan schreibt in ihrem Artikel „Die Stille des Sehens“ über sich wandelnde Tourismusdynamiken, Möglichkeiten eines alternativen Blicks auf Städte und die Ökonomie des Spektakels...

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Die Stille des Sehens

Ece Uygan / Journalistin

An den Abenden am Strand von Jomtien scheint die fließende Natur der Zeit in einem anderen Rhythmus zu vibrieren. Während sich der Rauch der Straßenverkäufer mit dem Geruch des Meeres vermischt, weben die kleinen Gesten des Alltags fast unbemerkt ein Netz aus Bedeutung. Kinder spielen im Sand, ältere Menschen blicken schweigend von ihren Plastikstühlen auf das Meer. Alles ist gewöhnlich, doch in dieser Gewöhnlichkeit liegt ein intensives Bewusstsein.

Als ich eines Abends mit Einkaufstüten aus dem Supermarkt kam, signalisierte mir die thailändische Frau, die im Restaurant in der Nachbarschaft arbeitet, dass ich auf ihr Motorrad steigen solle. Sie lächelte nur. Wir sprachen nicht. Am Anfang des Hügels stieg ich ab; ihre Geste war kurz, still und erwartete keine Gegenleistung. Doch in diesem Moment spürte ich, dass eine Begegnung stattgefunden hatte, die über die touristische Erfahrung hinausging. Vielleicht war ich an jenem Tag an einem Ort angekommen, den kein Reiseführer empfehlen könnte.

Wie John Urry in „The Tourist Gaze“ feststellt, ist der „Blick“ keine individuelle Handlung, sondern eine Form der gesellschaftlichen Konstruktion. Der von Urry konzeptualisierte touristische Blick erinnert uns daran, dass das Sehen nicht unschuldig ist. Nicht wir bestimmen, wohin wir schauen oder was wir als schön oder bedeutungsvoll erachten, sondern kulturelle Codes, wirtschaftliche Kräfte und Wünsche. Die Reiseindustrie etabliert die Ökonomie dieses Blicks; das heißt, selbst die Tatsache, dass ein Ort als sehenswert gilt, ist eine kapitalistische Geste der Selektion.

Deshalb kreist in meinen Gedanken immer diese „Ökonomie des Blicks“, wenn ich in den Straßen von Pattaya Touristen beobachte, die ihre modernsten Telefone ausstrecken, um Fotos mit Mönchen zu machen. Ein Moment, der mit Gefühlen wie Mitgefühl, Spiritualität oder Neugier beginnt, verwandelt sich in Sekundenschnelle in einen visuellen Konsum. Für den Touristen wird der Gang des Mönchs nicht zu einem betenden Körper, sondern zu einem exotischen Bild, zu einer postkartenreifen Szene des Ostens. Für mich hingegen trug dieser Moment eine seltsame Dualität in sich.

An dieser Stelle kommt mir Roland Barthes in den Sinn, der in „Die helle Kammer“ (Camera Lucida) von den zwei Komponenten der Fotografie spricht: Studium und Punctum. Das Studium ist der Bereich der kulturell geteilten, konsensualen Bedeutungen; das Punctum hingegen ist ein persönlicher, unerklärlicher, stechender Moment. Jedes kleine Detail im Bild, das wie eine Nadelspitze ins Herz sticht. Das Lächeln der thailändischen Frau war genau das: ein Punctum, das nicht durch den Blick des Touristen, sondern durch die Begegnung von Mensch zu Mensch gesehen wurde. In diesem Moment war es aus dem gesellschaftlichen Blick, wie Urry ihn beschrieb, herausgetreten und hatte sich, nach Barthes' Definition, in eine individuelle Bedeutungsexplosion verwandelt.

DIE EROSION DER ERFAHRUNG IM ZEITALTER DES SPEKTAKELS

Die Reise, die der Engländer Thomas Cook 1841 von Leicester nach Loughborough organisierte, gilt als Beginn des modernen Tourismus. Im 20. Jahrhundert wurde der Tourismus zu einer Industrie. Wie alles, was industrialisiert wird, ist auch das Reisen, das Unterwegssein und das Entdecken neuer Orte unter die Herrschaft der Bilder geraten. Dabei haben wir es mit einem Begriff zu tun, der erst 150 Jahre alt ist – was kaum nennenswert ist.

Am heutigen Punkt angelangt, hat sich die moderne Reiseerfahrung eher zu einem Akt des Sammelns dessen gewandelt, was vorzeigbar ist, als zu einem Akt des Sehens. Millionen Male fotografierte Tempel werden eher wie eine Pflichtaufgabe besucht als wie eine Erfahrung. Selbst das Spazierengehen wird nach der Logik von Algorithmen und dem Teilen in sozialen Medien geformt.

Die Influencer-Ökonomie beschleunigt diese Spirale des Spektakels. Laut Daten aus dem Jahr 2024 bestimmen sechzig Prozent der Reisenden ihre Routen nach Influencer-Inhalten. Der Urlaub wird zur Bühne, der Körper zum Bildproduzenten. Leben, Menschen und Orte, die außerhalb des Visuellen liegen, fallen in den toten Winkel der Repräsentation. Das Wahre zieht sich aus der Sichtbarkeit zurück.

Richard Linklaters Film „Waking Life“ (2001) spiegelt die Erfahrungsformen dieses Zeitalters auf ironische Weise wider, während er die Durchlässigkeit zwischen Traum und Wachzustand diskutiert. Ist es in einem Zeitalter, in dem alles zum Bild wird, noch möglich, die reine Erfahrung des Seins zu machen, sich in einen Moment einzufinden, einfach nur zu schauen?

Ich muss gestehen: Auch ich werde manchmal in diese Ökonomie des Spektakels hineingezogen. Wenn ich durch die Welt reise, fragen mich Leute: „Warum teilst du so wenige Fotos?“ Ich habe Schwierigkeiten, darauf zu antworten, denn um ehrlich zu sein, habe ich auch Angst, diesen einen Schnappschuss zu verpassen. Aber dann, wenn ich einfach nur dasitze und dem Wind am Strand lausche, bemerke ich, wie der ganze Lärm dieser Angst verstummt.

Wie Lauren Elkin in „Flâneuse“ feststellt, ist das ziellose Umherstreifen in der Stadt, besonders für Frauen, eine Art existenzieller Widerstand. Orientierungslosigkeit ist kein Zustand des Verlorenseins, sondern im Gegenteil eine Haltung gegen die Art und Weise, wie die Welt Bedeutung produziert. Meine Spaziergänge in Thailand nähern sich von Tag zu Tag dieser Form an. Manchmal kehre ich drei Tage lang in dieselbe Straße zurück. Mein Ziel ist es nicht, etwas Neues zu sehen, sondern dasselbe mit einer anderen Aufmerksamkeit zu betrachten.

Wir konstruieren Städte, Orte und Strukturen, mit denen wir in Berührung kommen, nicht nur mit unseren Augen neu, sondern auch mit unserem Bewusstsein und Unterbewusstsein. Ein Leben, das die Bedeutung formt, die wir ihnen beimessen, folgt uns. Deshalb sind manche Details manchmal dazu bestimmt, ihren Platz in den geschütztesten Räumen unseres Geistes zu finden. Manchmal kann selbst die Feuchtigkeit in der Luft ein kritisches Detail unseres neuen Selbst sein, das sich für die Zukunft formt. Meistens sind diese Dinge unsichtbar, weil sie nicht prunkvoll sind. Aber genau in dieser Unsichtbarkeit liegt die Spur der Authentizität verborgen.

Der Satz aus „Waking Life“ geht mir nicht aus dem Kopf: „Die Realität ist eine gemeinsame Halluzination.“ Seit wir gelernt haben, in die „Höhle“ zu schauen, tragen wir die Last dieser Gemeinsamkeit auf unseren Schultern. Könnte die touristische Erfahrung nicht auch eine solche Massenhalluzination sein? Wir alle wiederholen dieselben Bilder mit denselben Sätzen. Doch die Realität ist wie ein Überschuss, der über das Foto hinausgeht – sie ist immer noch da.

Reisen bedeutet nicht nur, zu sich selbst zurückzukehren; es ist manchmal eine Form des Aus-sich-Heraustretens, des Lockerns der Grenzen des Selbst, des Kontakts mit der Stille.

Du musst nicht reisen.

Du musst schon gar nichts zeigen.

Aber du kannst innehalten. Du kannst schauen. Du kannst dich verlieren.

Und das ist für sich genommen eine Bedeutung.

 


Nachrichtenquelle: 12punto

Ece Uygan