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Das US-Iran-Abkommen: Schwelle zum Frieden oder fragile Zwischenphase?

Ein Beitrag von Dr. Hande Orhon Özdağ

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Das US-Iran-Abkommen: Schwelle zum Frieden oder fragile Zwischenphase?

Es scheint, als hätten sich die USA und der Iran auf ein Memorandum of Understanding (MoU) über den Ausgang des Krieges geeinigt. Medienberichten zufolge wird die endgültige Unterzeichnung für den 19. Juni in der Schweiz erwartet. Der vollständige Text wurde bisher nicht veröffentlicht. Daher muss jede Bewertung mit einer gewissen Vorsicht betrachtet werden. Dennoch lässt der von iranischen Quellen an die Presse weitergegebene Entwurf darauf schließen, dass es sich bei dem Abkommen weniger um eine umfassende Lösung handelt, die die Hauptursachen des Krieges beseitigt, sondern vielmehr um eine vorübergehende politische Regelung, die den Konflikt einfriert und den Parteien eine Atempause verschafft.

DIE STRATEGISCHEN GRENZEN DES „SIEGS“-NARRATIVS

Die Argumente, die die USA gemeinsam mit Israel zur Rechtfertigung ihres Angriffs auf den Iran vorbrachten, waren äußerst schwerwiegend und struktureller Natur: Irans nukleare Kapazitäten, das Programm für ballistische Raketen, die Beziehungen zu regionalen Stellvertretermächten und schließlich die Position des Regimes innerhalb der regionalen Sicherheitsarchitektur. Der in der Presse kursierende Entwurf bietet jedoch in keinem dieser Punkte eine endgültige, überprüfbare und institutionalisierte Lösung. Das Abkommen scheint sich auf Themen wie die Wiedereröffnung der Straße von Hormus, die Aufhebung der US-Seeblockade, den Verzicht auf neue Sanktionen, vorübergehende Ausnahmen von Ölsanktionen und einen neuen 60-tägigen Verhandlungsprozess zu konzentrieren. Unklar bleibt jedoch weiterhin, was mit den angereicherten Uranbeständen des Iran geschieht, wie der Umfang des nuklearen Kontrollmechanismus aussehen soll, was aus der Kapazität für ballistische Raketen wird und in welchem Rahmen die Beziehungen zu den Stellvertretermächten behandelt werden, bei denen der Iran bisher wenig Bereitschaft zu Zugeständnissen gezeigt hat.

Daher erscheint es treffender, dieses Abkommen als einen Versuch zu interpretieren, einen Krieg, dessen strategische Kosten rapide steigen, vorübergehend zu verwalten. Die Trump-Regierung mag behaupten, dass sie kritische Elemente der militärischen Kapazitäten des Iran schwer getroffen, wichtige Führungsebenen ausgeschaltet und Teherans regionalen Spielraum eingeengt habe. Doch genau hier beginnt das Problem. Es ist nicht klar, was die sogenannten taktischen Erfolge der USA im Hinblick auf die strategischen Ziele bedeuten. Mit anderen Worten: Das Siegesnarrativ, das Trump zu konstruieren versucht, wirkt, gemessen an den politischen Zielen des Krieges, weit von der Realität entfernt. Das Regime im Iran ist weiterhin an der Macht, die staatliche Kapazität ist nicht zusammengebrochen; der Iran hatte ohnehin stets erklärt, keine Absicht zur Entwicklung von Atomwaffen zu haben, und steht weiterhin an diesem Punkt. Die Stellvertreternetzwerke wurden nicht zerschlagen. Die regionale Abschreckung des Iran konnte trotz aller erlittenen Schläge nicht beseitigt werden. Dies zeigt, dass sich militärische Überlegenheit – speziell im Fall der USA – nicht in strategischen Erfolg verwandelt hat; im Gegenteil: Der Krieg hat einen Großteil der Probleme, die er eigentlich lösen sollte, lediglich auf eine kostspieligere und fragilere diplomatische Ebene verschoben.

KEIN REGIMEWECHSEL IM IRAN, SONDERN SICHERHEITSPOLITISCHE KONSOLIDIERUNG

Darüber hinaus ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Krieg in der iranischen Innenpolitik Ergebnisse produziert, die dem Erwarteten entgegengesetzt sind. Auch wenn die Tötung hochrangiger iranischer Persönlichkeiten, allen voran des geistlichen Führers, erhebliche Schwachstellen des Regimes offengelegt hat, stärken solche traumatischen Brüche innerhalb des Iran meist die sicherheitspolitischen Strömungen im System. Wenn man die Gleichung nach Ali Chamenei betrachtet, in der sein Sohn Mudschtaba Chamenei dessen Platz einnehmen könnte, und die Beziehungen berücksichtigt, die Mudschtaba Chamenei zum Korps der Islamischen Revolutionsgarden und zum Sicherheitsapparat aufgebaut hat, wäre eine Entwicklung der iranischen Politik hin zu einer militärischeren und härteren Linie keineswegs überraschend. In diesem Sinne scheint der Krieg, statt einen Regimewechsel herbeizuführen, eher den Boden für eine Neukonsolidierung des Regimes unter einer sicherheitsorientierteren Formel bereitet zu haben.

HORMUS, WIRTSCHAFT UND TRUMPS INNENPOLITISCHES KALKÜL

Für Trump muss die dringlichste Funktion des Abkommens weniger in einem dauerhaften außenpolitischen Erfolg gesucht werden, sondern in den kurzfristigen Ergebnissen für die Innenpolitik. Der Iran-Krieg hat durch die Schließung der Straße von Hormus und den Druck auf die Versorgungssicherheit mit Energie die Fragilität der US-Wirtschaft sichtbar gemacht. Vor den anstehenden Zwischenwahlen hatten Ölpreise, Inflationserwartungen und die Unsicherheit an den Märkten für die Trump-Regierung erhebliche politische Kosten verursacht. In diesem Zusammenhang wird die Wiedereröffnung von Hormus Trump sowohl eine wirtschaftliche Entlastung als auch ein Narrativ liefern, das er der Öffentlichkeit als „Ich habe die Krise gelöst“ präsentieren kann. Doch natürlich gibt es hier einen entscheidenden Widerspruch. Vor dem Krieg war die Straße von Hormus bereits offen. Wenn das, was Trump heute als seinen größten diplomatischen Erfolg verkaufen will, die Wiederinbetriebnahme einer strategischen Route ist, die der Krieg selbst geschlossen hat, dann bleibt die Frage nach dem Grund für den Beginn des Krieges mit voller Wucht bestehen.

Auch hinsichtlich der Energiemärkte sollte man mit Optimismus zurückhaltend sein. Die Öffnung von Hormus dürfte kurzfristig zu einer Entspannung der Ölpreise führen. Eine schnelle Rückkehr zur Stabilität von vor dem Krieg ist jedoch kurzfristig nicht realistisch, da Schifffahrt, Versicherungskosten, Sicherheitsrisiken, Minenräumung, mögliche Regelungen des Iran zum Transitregime und die Schäden an der Energieinfrastruktur am Golf dies verhindern. Zudem hat der Krieg die Zuverlässigkeit des US-Sicherheitsgarantieschirms für die Monarchien am Golf infrage gestellt. Auch wenn die regionale Präsenz der USA für diese Länder derzeit unverzichtbar erscheint, werden die Kosten und die Effektivität dieser Präsenz nun weitaus kritischer hinterfragt.

DEBATTE ÜBER STRATEGISCHES VERSAGEN IN ISRAEL

Ein weiterer kritischer Punkt ist, wie Israel mit diesem Abkommen umgehen wird. Denn die USA haben diesen Krieg nicht allein begonnen. Das Hauptproblem des Abkommensentwurfs aus israelischer Sicht ist, wie viele der erklärten politischen Ziele des Krieges erreicht (oder eben nicht erreicht) wurden. Erste Reaktionen aus der israelischen Opposition signalisieren, dass das Abkommen für die Regierung Netanjahu als schweres strategisches Versagen gewertet werden wird. In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass Jair Golan das Abkommen als eine Regelung bezeichnete, die über die Köpfe Israels hinweg getroffen wurde, militärische Gewinne am diplomatischen Verhandlungstisch zunichtemacht und dem iranischen Regime eine Rettungsleine zuwirft. Ähnlich zeigt die Kritik von Jair Lapid, dass das Abkommen das iranische Regime an der Macht lasse, das Raketenprogramm unangetastet lasse und den Wiederaufbau der nuklearen Infrastruktur ermöglichen könne, dass die Angelegenheit in der israelischen Innenpolitik direkt über Netanjahus Sicherheitsführung diskutiert werden wird. Der gemeinsame Nenner dieser Kritikpunkte könnte sein, dass das Image des „Sicherheitsarchitekten“, das Netanjahu über Jahre hinweg aufzubauen versuchte, angesichts eines diplomatischen Abkommens, bei dem Trump die entscheidende Rolle spielte, ernsthaft erodiert ist.

Dies schafft für Israel eine zweidimensionale Fragilität. Neben dem Umstand, dass die Ziele in Bezug auf die nuklearen, ballistischen und Stellvertreter-Kapazitäten des Iran nach außen hin nicht erreicht wurden, könnte die Regierung Netanjahu nach innen hin beschuldigt werden, Israel in eine Position als Akteur gedrängt zu haben, der von US-Entscheidungen abhängig ist und nur begrenzten diplomatischen Einfluss hat. Wenn man sich daran erinnert, dass der Konflikt nach dem im April unterzeichneten Waffenstillstand weitgehend in Form von Stellvertreterkriegen fortgesetzt wurde, wird die Unsicherheit im Libanon-Dossier eine der fragilsten Verbindungen des Abkommens bleiben. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Israel, selbst wenn es das Abkommen nicht sabotiert, zu militärischen und nachrichtendienstlichen Schritten greifen wird, die dessen Grenzen austesten.

KEINE LÖSUNG, SONDERN EINE FRAGILE ZWISCHENPHASE

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der vorliegende Text weniger ein historischer diplomatischer Erfolg ist, der den Krieg beendet, als vielmehr eine Zwischenformel zur vorübergehenden Verwaltung der wirtschaftlichen, militärischen und politischen Kosten, die der Krieg hervorgebracht hat. Der Iran hat Schaden genommen, ist aber nicht zusammengebrochen. Die USA haben Stärke gezeigt, aber die erklärten Ziele des Krieges nicht erreicht. Israel ist nicht zufrieden. Und der Golf steht vor einer unsichereren Sicherheitsarchitektur. Daher ist die eigentliche Frage nicht, ob das Abkommen unterzeichnet wird, sondern ob es, falls es unterzeichnet wird, die Spannungsfelder im Nahen Osten tatsächlich beruhigen kann. Denn das Aufschieben ungelöster Krisen in der Region erzeugt meist keine Stabilität. Im Gegenteil: Es gibt den Akteuren die Möglichkeit, sich neu zu formieren und die Bedingungen für die nächste Abrechnung vorzubereiten. Derzeit scheint die aktuelle Situation eher ein Indikator für eine fragile Zwischenphase zu sein, die neue Spannungen in sich trägt, als eine diplomatische Schwelle zum Frieden.



Nachrichtenquelle: 12punto