Auch wenn das Herz der globalen Finanzwelt in Washington zu schlagen scheint, wird das Schicksal der Geldpolitik mittlerweile vom Verlauf der Spannungen in der Straße von Hormus und am Bab al-Mandab bestimmt.
Die FED hielt bei ihrer fünften Sitzung des Jahres am 29. Juli den Leitzins in der Spanne von 3,50 % bis 3,75 % stabil und setzte damit ihre "Abwarten-und-Sehen"-Strategie fort. Doch unter der Oberfläche tobt eine weitaus heftigere Debatte: Die Entscheidung wurde mit 9 zu 3 Stimmen getroffen. Die Präsidentin der Cleveland FED, Beth Hammack, der Präsident der Minneapolis FED, Neel Kashkari, und der Präsident der Dallas FED, Lorie Logan, stimmten für eine Anhebung um 25 Basispunkte, wobei sie die Inflation anführten, die weiterhin über dem Zielwert von 2 % liegt.
Diese Spaltung ist der erste Bruch seit 2016, bei dem drei verschiedene Mitglieder bei einer FED-Entscheidung gleichzeitig im Lager der Falken gegen die Mehrheit stimmten. Die Bezeichnung des neuen FED-Vorsitzenden Kevin Warsh als "gesunder Familienstreit" während der Pressekonferenz reicht nicht aus, um die tiefen Meinungsverschiedenheiten zu verbergen. Tatsächlich beweist die Betonung der "Unsicherheit durch die Konflikte im Nahen Osten" im FOMC-Protokoll, wie offiziell geopolitische Risiken am Zinstisch Platz genommen haben. Dass die Märkte für September eine Wahrscheinlichkeit von 59 % für eine Zinserhöhung einpreisen, zeigt, dass die globale Geldpolitik nun direkt an den Verlauf des Feuers im Nahen Osten gekoppelt ist.
Die Rechnung für das Öl und der straffe Tisch in Ankara
Die Entsprechung dieser globalen Gleichung in der türkischen Bilanz ist eindeutig: die Energierechnung. Der geopolitische Druck auf den Brent-Ölpreis bedeutet für die Türkei, die ein Nettoimporteur ist, eine direkte inflationäre Kostenwelle.
Tatsächlich wies die Zentralbank der Republik Türkei (TCMB) im Protokoll der Sitzung des geldpolitischen Ausschusses vom 11. Juni darauf hin, dass die Volatilität der Energiepreise infolge der Unsicherheiten durch geopolitische Entwicklungen anhält. In diesem Rahmen hielt die TCMB den Leitzins zum vierten Mal in Folge bei 37 % stabil, behielt ihre restriktive Haltung bei und betonte in ihrem Text, dass "die geldpolitische Haltung gestrafft wird, falls eine deutliche und dauerhafte Verschlechterung des Inflationsausblicks prognostiziert wird". Diese Aussage zeigt, dass neben Washington nun auch die Straße von Hormus am geldpolitischen Tisch in Ankara mitbestimmt.
Gipfel in Ankara: Eine Welle der Aufrüstung von 50 Milliarden Dollar
Auf der anderen Seite des Tisches stehen die historischen Ergebnisse des 36. NATO-Gipfels, der am 7. und 8. Juli in Ankara stattfand. Laut der Abschlusserklärung des Gipfels unterzeichneten die Verbündeten an einem einzigen Tag massive Verteidigungsbeschaffungsverträge im Wert von über 50 Milliarden Dollar. Dieser riesige Schritt, der im Einklang mit dem Ziel der NATO steht, bis 2035 5 % des BIP für die Verteidigung aufzuwenden, hebt die Ausgabensteigerung der europäischen Verbündeten und Kanadas um 139 Milliarden Dollar im Jahr 2025 auf eine neue Ebene.
Das neue Militärpaket für die Ukraine in Höhe von 70 Milliarden Euro (etwa 82 Milliarden Dollar), kombiniert mit den Entscheidungen zur gemeinsamen Beschaffung von 10 GlobalEye-Frühwarnflugzeugen und MQ-4C Triton-Drohnen, macht deutlich, in welche "Kriegswirtschaft" die Weltwirtschaft eingetreten ist.
Die Türkei im Dilemma zwischen Risiko und Chance
Genau an diesem Punkt muss eine äußerst kritische Klammer für die Türkei geöffnet werden. Auf dem Verteidigungsindustrieforum im Rahmen des NATO-Gipfels wurde das Ökosystem der Türkei, das eine Lokalisierungsrate von 82 % erreicht hat und mit über 3.500 Zulieferern arbeitet, von Generalsekretär Mark Rutte persönlich als Beispiel hervorgehoben. Insbesondere die aktive Teilnahme der Türkei am neuen NATO-Standardisierungsprojekt für 155-mm-Artilleriemunition zeigt deutlich das Potenzial, einen konkreten Anteil an dieser riesigen globalen Beschaffungs- und Modernisierungswelle zu erhalten.
Während die gesamten Verteidigungsausgaben der Bündnispartner nach den NATO-Prognosen für 2026 voraussichtlich 1,8 Billionen Dollar übersteigen werden, wird für die Türkei ein Verteidigungshaushalt in Höhe von 48 Milliarden Dollar erwartet. Mit diesem nominalen Ausgabebetrag liegt die Türkei unter den 32 Mitgliedern des Bündnisses auf Platz 8 der Länder mit den höchsten Verteidigungsausgaben, während das Verhältnis der Ausgaben zum BIP voraussichtlich 2,85 % betragen wird; dieser Wert deckt sich fast eins zu eins mit dem NATO-Durchschnitt von 2,86 % und übertrifft den Anteil wichtiger Bündnispartner wie Deutschland (2,69 %), Frankreich (2,22 %) und Großbritannien (2,56 %).
Andererseits gewinnt das strategische Gewicht des Montreux-Abkommens angesichts des Risikos, dass die Spannungen an der baltisch-polnischen Linie auf das Schwarze Meer übergreifen, erneut eine lebenswichtige Dimension. Die Türkei muss als alleinige Hüterin der Meerengen und als zentraler diplomatischer Akteur der Region diese sensible Gleichgewichtspolitik fortsetzen. Das Land stärkt einerseits die Verteidigungsintegration mit dem Westen, während es andererseits seinen diplomatischen Spielraum bis zum Äußersten ausreizt, um nicht zum direkten Ziel regionaler Eskalationen zu werden.
Fazit: Stärkung oder Zeitgewinn?
Auf der einen Seite der Riss in der FED mit 9 zu 3 Stimmen, auf der anderen Seite das Feuer im Nahen Osten und die riesigen Rüstungsbudgets Europas… Die Türkei bewältigt an drei verschiedenen Fronten gleichzeitig sowohl Risiken als auch große Chancen.
Während steigende Energiekosten und der Druck auf die Lira kurzfristige Anfälligkeiten schaffen, versprechen die Integration der Verteidigungsindustrie und die Rolle als geopolitischer Akteur mittel- bis langfristig eine strategische Stärkung. Für die Türkei, die über die zweitgrößte Armee der NATO und eine hohe Lokalisierungsrate verfügt, stellt sich die eigentliche Frage: Wird Ankara aus diesem globalen Sturm an drei Fronten strategisch und wirtschaftlich gestärkt hervorgehen oder als passiver Beobachter nur Zeit gewinnen?
Die Antwort darauf werden die FED-Entscheidung im September, die Wellenlänge in Hormus und die neuen Verteidigungsabkommen, die Europa unterzeichnen wird, bestimmen.
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