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Startseite > Autoren > Prof. Dr. Mustafa Kaymakçı > Ein Beispiel für die Geschichtsschreibung aus östlicher statt westlicher Sicht: Die Geschichte der Deutschen aus asiatischer Perspektive – Die Nationalwerdung der Germanen – (*)

Ein Beispiel für die Geschichtsschreibung aus östlicher statt westlicher Sicht: Die Geschichte der Deutschen aus asiatischer Perspektive – Die Nationalwerdung der Germanen – (*)

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Veröffentlicht: 09.10.2026 06:00

In der Geschichtsschreibung der westlichen Welt, die bis heute relativ ungebrochen fortbesteht, lässt sich eine Dominanz der orientalistischen Perspektive feststellen. 

Wie bekannt ist, leitet sich der Begriff „Orientalismus“ vom lateinischen Wort „oriens“ ab, was den Sonnenaufgang bezeichnet. Geografisch definiert er den Osten und steht für das Bestreben, Wissen über den Osten zu erlangen. 

Der Westen hat schon immer Interesse am Osten und der östlichen Zivilisation gezeigt; dieses Interesse wurde im Laufe der Zeit auf der Grundlage von Ost-West-Gegensätzen und Differenzen aufgebaut. Im Orientalismus wurde die westliche Identität durch den Vergleich mit allen nicht-westlichen Menschen, also den „Anderen“, als überlegen definiert. 

Genau aus diesem Grund wurde der Osten vom Westen in ein Objekt verwandelt, das für eine detaillierte Untersuchung geeignet war, und der systematische Wissensdrang des Westens über den Osten hat den Orientalismus kontinuierlich genährt(**).

Das Fundament des westlichen Wissens über den Osten wurde mit einer orientalistischen Perspektive gelegt. Darüber hinaus verfassten orientalistische Reisende ihre Reiseberichte, indem sie ihre Beobachtungen und Erlebnisse auf ihren Reisen in den Osten niederschrieben und diese bisweilen mit Vermutungen oder Fiktionen anreicherten. 

Reiseberichte, die bis vor wenigen Jahrhunderten eines der wichtigsten Massenkommunikationsmittel waren, dienten als direkte Quellen für orientalistische Studien. Die Reiseberichte, die von Reisen in den Osten erzählen, nahmen insbesondere nach dem 15. und 16. Jahrhundert zu. Es besteht kein Zweifel, dass dieser Anstieg auf das Interesse an den Osmanen zurückzuführen ist, die Istanbul eroberten, oder mit anderen Worten, das Oströmische Reich stürzten. 

Dass westliche Länder, deren Industrie sich mit der Industriellen Revolution in Europa rasch entwickelte, nach Kolonien in den ihnen unterlegenen östlichen Ländern suchten, befeuerte ebenfalls das Interesse des Westens am Osten und schuf das Umfeld für eine Systematisierung unter dem Namen „Orientforschung“.

Es ist zu beobachten, dass sich die orientalistische Perspektive im Westen in allen Lebensbereichen widerspiegelt, von der Philosophie bis zur Politischen Ökonomie, von der Literatur bis zur Musik.

In der westlichen Philosophie lässt sich sagen, dass der Orientalismus eine Form ist, in der der Westen den Osten (und insbesondere die türkische und islamische Welt) ausgehend von seiner eigenen zentralen Position definiert, interpretiert und als „Anderen“ konstruiert. Philosophen der Aufklärung wie Leibniz, Voltaire, Kant und Herder haben in ihren Werken verschiedene Annahmen und Vorurteile über den Osten und insbesondere über das Bild des Türken/Islams produziert(***).

Was die Politische Ökonomie betrifft, so lässt sich – abgesehen von imperialen Ökonomen – beispielsweise Marx’ Aussage oder Gedanke aus seiner frühen Phase, speziell in Bezug auf Indien, dass „die fortgeschrittene Zivilisation die rückständige Zivilisation auflöst und nach ihrem eigenen Ebenbild neu erschafft“, in dieser Richtung interpretieren.(****) Ist dieser Ansatz nicht ein reiner Orientalismus? 

Denker wie Edward Said haben diese eurozentrische oder orientalistische Perspektive des frühen Marx mit der Begründung kritisiert, dass sie einen Ton trage, der den westlichen Kolonialismus legitimieren könne. Wir sollten jedoch anmerken, dass Marx in späteren Schriften auch betonte, dass die Kosten dieses Wandels die ausgebeuteten Völker schwer träfen und eine wahre Befreiung nur durch den Sturz des britischen Jochs oder eine Revolution der Arbeiterklasse im Westen möglich sei. 

Zu den Orientalisten in der Literatur zählen Dichter und Schriftsteller wie Lord Byron, Victor Hugo und Goethe in der Romantik des Westens sowie Rudyard Kipling in der Hochphase des Kolonialismus. Sie filterten den Osten durch ihre eigene kulturelle Brille und definierten ihn meist als exotisch, geheimnisvoll, irrational oder rückständig.

In der Musik wurde der Orientalismus durch dauerhafte Urteile über den vom Westen in seinem eigenen Geist konstruierten „Anderen“ reproduziert. Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ und der „Türkische Marsch“ sowie der „Türkische Marsch“ in der Bühnenmusik zu Ludwig van Beethovens „Ruinen von Athen“ und einige Rhythmen im Chorfinale der 9. Sinfonie mit ihren Mehter-Klängen sind zwei Beispiele, die auch der türkischen Öffentlichkeit bekannt sein dürften. 

Auch die auf dem Orientalismus basierende Geschichtsschreibung ist ein Narrativ, das die Weltgeschichte mit dem antiken Griechenland und Rom beginnt, sie in das Zentrum Europas stellt und den Osten als „Peripherie“ oder „verspätete“ Zivilisation definiert. Der in unserer Zeit bei türkischen Lesern bekannteste orientalistische Historiker ist Bernard Lewis. Zu den anderen zählen Hamilton Alexander Rosskeen Gibb, Louis Massignon, Carl Brockelmann, Marshall Hodgson und Albert Hourani.

Man kann sagen, dass zunehmend auch objektive Werke gegen die orientalistischen Geschichtserzählungen entstehen. 

Eines davon ist das Buch von Alp Hamuroğlu: „Ein Beispiel für die Geschichtsschreibung aus östlicher statt westlicher Sicht: Die Geschichte der Deutschen aus asiatischer Perspektive – Die Nationalwerdung der Germanen“.

Alp Hamuroğlu lebt seit über vierzig Jahren in Deutschland. Sein erstes Buch, das unter dem Titel „Deutscher Islam“ veröffentlicht wurde, befasste sich mit der Politik und den Praktiken des deutschen Staates in Bezug auf die Türkei, Türken und den Islam. Diese Arbeit gewann den „Turan-Dursun-Forschungspreis“ des Jahres 2001. Später erschien sein Buch mit dem Titel „Christentum, Islam und Europa / Zivilisationstore vom Osten zum Westen (Andalusien, Sizilien, Kreuzzüge)“. In einer deutschsprachigen Sammlung zum Ausländerproblem in Deutschland mit dem Titel Doppelte Heimat / Türkische Migrantenberichte findet sich auch eine Arbeit von ihm über Frankfurt und dessen Geschichte mit dem Titel „Deutsche, Türken und Frankfurt“.

In seinem Buch „Die Geschichte der Deutschen aus asiatischer Perspektive – Die Nationalwerdung der Germanen“ äußert Alp Hamuroğlu Folgendes: 

„...Dass die Geschichte nach dem Aufkommen des Begriffs „Westen“ eine Zugehörigkeit zu einer Richtung, einer Region und einem Ort erhielt, bedeutet, dass sie nach einer Kultur definiert, strukturiert und geformt wurde. Es ist bekannt und wird ausgesprochen, dass die Geschichte durch die Benennung eines Ortes (eines Kontinents oder einer Region), einer Kultur oder einer Richtung entsprechend geformt wurde; denn es gibt die westliche Geschichte und die westlich orientierte Geschichte. Diese Geschichte, die in Europa geschrieben wurde, wurde nach einer Weile zu einer Geschichte, die aus europäischer Sicht geschrieben wurde, und wenn es um die Welt oder die Geschichte eines anderen Ortes auf der Welt ging, wurde sie aus europäischer Perspektive geschrieben. Später, als Europa sich zum „Westen“ entwickelte, wurden die in Europa geschriebenen Geschichten, die aus europäischer Sicht verfasst waren, später zu Geschichten, die aus westlicher Sicht geschrieben wurden.

„Der Blick und die Perspektive Europas und des Westens waren für Europa und den Westen bestimmt.

„Nachdem die Geschichtsschreibung begann, schrieb jede Gesellschaft, jede Region, jedes Land, jede Nation und jede Institution ihre eigene Geschichte nach ihren eigenen Maßstäben und für sich selbst. Beispiele aus dem Westen sind sehr einfach (da sie konkret sind); zum Beispiel die von Rom für Rom geschriebene Geschichte, die in Europa von Europäern für Europa geschriebene Geschichte, die französische Geschichte für Frankreich, die vom Christentum für das Christentum geschriebene Geschichte usw. Wenn man diese jedoch insgesamt betrachtet, zeigt sich, dass die „speziellen Geschichten“ mit Zentrismen verbunden sind; es wird deutlich, dass es sich um romzentrierte, europazentrierte, christlich zentrierte und länderzentrierte Geschichten handelt.“

Alp Hamuroğlu führt in seinem Buch weiter aus, dass dieser Ansatz kein Zufall sei. Er erklärt, dass Europa, als es infolge der Entdeckungen(*****) in die Ära des Kolonialismus eintrat, begann, die Geschichte anderer und ferner Gesellschaften, Länder, Gebiete und Kontinente – und damit der Welt – zu schreiben. Während die westliche Geschichte in Unbekanntes gehüllt blieb, wurde sie nach Belieben geschrieben: mit Lücken, Veränderungen, Fälschungen, Ergänzungen, Diebstählen, Verschleierungen, Verheimlichungen usw. Und treffender gesagt: Er drückte aus, dass der Westen eine Geschichte für sich und nach seinen eigenen Vorstellungen hervorgebracht habe; kurz gesagt, die Geschichte wurde produziert.

Die im Buch geäußerten Ansichten sind in den Kapiteln „Geschichte: Woher kommt Europa?“, „Europas ‚Mittelalter‘: Unwissenheit, Barbarei und Aufstand“, „Reformation, Bauernkriege in Deutschland und die Spaltung des Christentums in Europa“, „Fortschreitende Geschichte: Das entstehende Deutschland“, „Die Große Französische Revolution und Deutschland“, „Die Geschichte beginnt im 19. Jahrhundert schnell“, „Revolutionen, Enttäuschungen und das ‚Kaiserreich‘“, „Wie wurde Deutschland imperialistisch?“, „Die Türken im Prozess der Nationalwerdung Deutschlands“, „Als wir das Jahrhundert der Großen Kriege erreichten“ und „Deutschland heute“ zusammengefasst und zudem mit einem „Zeitverzeichnis“, „Namensverzeichnis“ und „Benutzten Quellen“ angereichert.

Meiner Meinung nach ist Alp Hamuroğlus Sicht auf die Geschichtsschreibung eigentlich eine Fortführung von Atatürks Ansichten über Geschichte und Geschichtsschreibung.

Atatürk hatte mit den Worten „Geschichte zu schreiben ist genauso wichtig wie Geschichte zu machen. Wenn der Schreibende dem Handelnden nicht treu bleibt, nimmt die unveränderliche Wahrheit eine Gestalt an, die die Menschheit in die Irre führt“ zum Ausdruck gebracht, dass Geschichte und Geschichtsschreibung mit einem wissenschaftlichen und objektiven Ansatz betrieben werden müssen.

War es nicht das grundlegende Ziel der von Atatürk gegründeten Türkischen Historischen Gesellschaft (ursprünglich Türkische Gesellschaft für Geschichtsforschung), „den voreingenommenen, falschen Behauptungen über die türkische Geschichte in der europäischen Geschichtsschreibung entgegenzutreten und die Geschichte der Türken und der Türkei nicht aus fremden oder parteiischen Quellen, sondern direkt aus den Primärquellen; aus Originaldokumenten, Inschriften und archäologischen Funden mit wissenschaftlichen Methoden zu untersuchen“?

Ich halte das Buch von Alp Hamuroğlu in vielerlei Hinsicht für wichtig.

Erstens, weil es ein Buch ist, das dazu geeignet ist, sowohl zur türkischen als auch zur europäischen Fachliteratur über die Geschichte der Deutschen einen bemerkenswerten Beitrag zu leisten.

Zweitens: Als Autor, der aus der praktischen Berufswelt kommt, kann ich sagen, dass Alp Hamuroğlu versucht, die Geschichte, oder besser gesagt die Welt, unter dem Aspekt der Ganzheitlichkeit zu verstehen. 

Das halte ich für wichtig. 

Denn die Wissenschaft (und Bildung), die heute an den Universitäten der westlichen Welt sowie in öffentlichen und privaten Forschungseinrichtungen produziert wird, ist in einen Prozess eingetreten, der nicht den Bedürfnissen der Gesellschaft und der Sektoren dient, sondern den Interessen des Monopolkapitals. Es ist eine bekannte Tatsache, dass dort in großem Maße angewandte „Naturwissenschaftler“ und in geringerem Maße angewandte „Sozialwissenschaftler“ Forschungen betreiben, die dem Ansatz des akademischen Kapitalismus entsprechen.

Natürlich haben sich die genannten Veränderungen auch in den Ländern der Peripherie in Richtung der Winde und sogar der Diktate aus dem Zentrum niedergeschlagen.

Ich halte das Buch von Alp Hamuroğlu, „Die Geschichte der Deutschen aus asiatischer Perspektive – Die Nationalwerdung der Germanen“, für ein Werk, das Historikern, Experten für internationale Beziehungen, der Welt der Politik und all jenen, die versuchen, die Welt zu begreifen, nützliche Informationen, Bewertungen und Orientierung bietet, und ich wünsche ihm eine große Leserschaft.

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(*)Hamuroğlu, A., 2025, Die Geschichte der Deutschen aus asiatischer Perspektive – Die Nationalwerdung der Germanen, Dağarcık Türkiye Yayınları. Das Buch ist erhältlich bei: Yakın Kitabevi, Alsancak Mah., 1464 Sok., 6A Konak-İzmir. 

(**)Amin, S., 2018, Eurozentrismus – Kritik einer Ideologie (L’eurocentrisme Critiqué d’une idéologie), Übersetzung: Mehmet Sert, Yordam Kitap, Istanbul.

Said, E. W., 2010, Orientalismus, Die westlichen Vorstellungen vom Orient, 5. Auflage (Übersetzung: Ülner, B.), Metis/Kültür Yayınları, Istanbul.

Hobson, J. M., 2020, Die östlichen Ursprünge der westlichen Zivilisation, 7. Auflage (Übersetzung: Ermert, E.), Yapı Kredi Yayınları, Istanbul, S. 222-229.

(***)Kula, O. B., 2018, Orientalismus in der westlichen Philosophie und das Türkenbild, Türkiye İş Bankası Kültür Yayınları, Istanbul.

(****)Marx, K., 1853, Artikel „Die britische Herrschaft in Indien“ und „Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in Indien“, Zeitung New York Daily Tribune.

(*****)Entdeckungen, wie sie in türkischen Lehrbüchern stehen, sind eine der vielen Verzerrungen und Lügen des Orientalismus, die im Westen vielleicht unbewusst verinnerlicht wurden. Das korrekte Wort müsste „Invasion“ sein. 

Die Bevorzugung des Begriffs Entdeckungen dient dazu, die Invasion und Besatzung durch die Europäer zu verbergen und zu vertuschen. Der Akademiker, der die Lüge der Entdeckungen anstelle von Invasion erkannte, war Cihan Dura. Ich denke auch: „Wie kann die Invasion Amerikas und anderer Weltregionen durch koloniale Vorreiter wie Kolumbus, Cortes und Pizarro eine Entdeckung sein? Wie kann ein Ort, an dem Menschen leben, von jemandem, der zur Plünderung und zum Raub gekommen ist, als entdeckt gelten?“ Wie bekannt ist, haben Leute wie Christoph Kolumbus Amerika nicht entdeckt, sie haben es überfallen. Denn als sie amerikanischen Boden betraten, gab es dort Gemeinschaften mit einem hohen Zivilisationsgrad wie die Azteken und Maya. Ich weiß, dass Alp Hamuroğlu dieser meiner Einschätzung zustimmen würde. (Siehe: Kaymakçı, M., 2012, Wissenschaftspolitische Schriften gegen die Globalisierung, İklim Ozan Yayınları, Antalya, S. 220-221)

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