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Für welche Klasse ist die Künstliche Intelligenz?

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Wir sprechen jeden Tag ein wenig mehr über Künstliche Intelligenz (KI). Manche sprechen von der größten technologischen Revolution, die der Menschheit bevorsteht, andere von Millionen Menschen, die arbeitslos werden könnten, und wieder andere von der Möglichkeit, dass Maschinen eines Tages die Menschheit auslöschen könnten. Meiner Meinung nach steht vor all diesen Diskussionen eine andere Frage: In wessen Händen wird die KI liegen und wessen Interessen wird sie dienen? Denn keine Technologie ist unabhängig von der gesellschaftlichen Ordnung, in der sie entsteht.

Die Dampfmaschine beschleunigte die Geburt des Industriekapitalismus. Die Fabrik schuf ein neues Klassenverhältnis. Auch das Internet hat nicht nur die Kommunikation beschleunigt; es hat die Wirtschaft, die Politik und den Alltag neu gestaltet. Die KI unterscheidet sich nicht davon. Zudem stehen wir an der Schwelle zu einer noch viel größeren Transformation. Denn die KI denkt, klassifiziert, entscheidet, produziert Wissen und greift zunehmend auf das Gedächtnis der Menschheit zu. Das bedeutet, dass die KI eher zu einer Machtfrage als zu einer reinen Technologiefrage werden wird.

Die Worte von Jacob Coxon, der kürzlich bei Anthropic zurückgetreten ist, sind aus diesem Grund wichtig. Als Forscher, der sowohl bei OpenAI als auch bei Anthropic an Vortrainingsforschungen gearbeitet hat, sagte er, dass sich beide Unternehmen in einem Wettlauf hin zu einer sich selbst verbessernden Superintelligenz befinden und dass dieser Wettlauf das Leben der Menschheit gefährdet. Noch bemerkenswerter war, dass Evan Hubinger, einer der Sicherheitsforscher von Anthropic, diese Sorge im Kern teilte.

Warum wird das Schicksal der Menschheit dem Wettbewerb zwischen Unternehmen überlassen?

Auf dem Markt für digitale Technologien möchte kein Unternehmen hinter dem anderen zurückbleiben. Investoren wollen schneller wachsen. Staaten haben Angst, die technologische Vorherrschaft zu verlieren. Auch wenn sich jeder des Risikos bewusst ist, geht der Wettlauf weiter. Denn die Wettbewerbslogik des Kapitalismus bringt oft den Gedanken hervor: „Wenn du es nicht zuerst tust, tut es jemand anderes.“ In diesem Zusammenhang, wenn die Zukunft der KI und der Klassenkampf untrennbar miteinander verbunden sind, stehen wir vor zwei verschiedenen Möglichkeiten für die Welt. Erstens: Die KI auf der Welt konzentriert sich in den Händen einiger weniger neuer Techno-Bourgeois. Bücher, Archive, wissenschaftliche Arbeiten, Kunstwerke und das kulturelle Gedächtnis der Menschheit werden zu Datenrohstoffen. Die Daten, Algorithmen, Chips und Recheninfrastrukturen gehören ihnen. Das jahrtausendealte wissenschaftliche und kulturelle Erbe der Menschheit speist ihre Systeme. Und am Ende wird die Menschheit abhängig von der Infrastruktur dieser Unternehmen, um das Wissen zu nutzen, das sie selbst produziert hat. Dies schafft wirtschaftliche und kognitive Ungleichheit.

Allerdings kann man hier nicht sagen, dass die Interessen der neuen Techno-Bourgeoisie-Oligarchie und der staatlichen Macht identisch sind. Im Gegenteil, es kann auch ernsthafte Konflikte zwischen ihnen geben. Aber zentrale Informationsinfrastrukturen können sowohl großen Unternehmen wirtschaftliche Macht als auch Staaten eine beispiellose Überwachungskapazität verschaffen. Die einen wollen den Profit steigern. Die anderen die Kontrolle. Aber beide können von der Zentralisierung des Wissens profitieren. Das Interesse der Menschheit liegt jedoch genau im Gegenteil.

Wie kann es sein, dass das gemeinsame Gedächtnis der Menschheit zum Privateigentum einiger weniger Unternehmen wird?

Noch wichtiger ist: Wer wird kontrollieren, ob die digitalen Entsprechungen physischer Ressourcen vollständig und unverändert sind, wenn die physischen Quellen verschwinden? Ein Buch gescannt zu haben, ist nicht dasselbe, wie das Buch selbst zu besitzen. Denn Kultur besteht nicht nur aus Wörtern. Der Druck des Buches, seine Geschichte, Fußnoten, handschriftliche Notizen am Rand, Änderungen zwischen verschiedenen Ausgaben und die Beziehung zu anderen Büchern sind ebenfalls Teil der Kultur. Während der Zugang zu Wissen möglich erscheint, wird die Möglichkeit, Wissen unabhängig zu verifizieren, tatsächlich zunehmend abnehmen. Dabei beruht die Wahrheit auf verifizierbarem Wissen.

Aber eine andere Welt ist möglich.

Eine Welt, in der die KI nicht das Privateigentum einiger weniger Unternehmen ist, sondern Teil der gemeinsamen Produktionskapazität der Menschheit. Eine Welt, in der sie genutzt wird, um Menschen von notwendigen und schweren Arbeiten zu befreien. Eine Welt, in der mit steigender Produktivität nicht das Vermögen einiger weniger Milliardäre wächst, sondern die Arbeitszeit der Gesellschaft abnimmt. Eine Welt, in der Wissen zugänglicher ist, die Wissenschaft nicht hinter Patentmauern versteckt wird, es keine „Black-Box“-Technologien gibt und Bildung, Gesundheit und Kultur für alle leichter erreichbar sind.

Wenn der von Maschinen produzierte Reichtum mit der gesamten Gesellschaft geteilt wird, muss die KI nicht der Feind des Menschen sein. Im Gegenteil, sie kann zu einem der größten Befreiungsinstrumente der Menschheitsgeschichte werden. Jenseits der wirtschaftlichen Zwänge, die Menschen zur Arbeit zwingen, kann sie den Menschen mehr Zeit, mehr Bildung, mehr Kreativität und mehr Freiheit verschaffen. Doch es wäre naiv zu glauben, dass dies von selbst geschehen wird. Hier wird entscheidend sein, welche Klasse sie kontrolliert.

In diesem Zusammenhang wird auch der Klassenkampf die Rolle der KI für das Schicksal der Menschheit bestimmen. Ich denke, dass das KI-Zeitalter um diese Frage herum geformt wird. Die Antwort wird nicht die KI geben. Wir und unser Kampf werden sie geben.