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Sehr gefährliche Spiele: Das System steht kurz vor dem Abgrund

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Die Schicksale der Türkei und Deutschlands sind enger miteinander verknüpft, als man gemeinhin annimmt. Es sind Staaten, die in parallelen Universen und an unterschiedlichen Orten existieren, sich aber zwangsläufig gegenseitig „projizieren“. Ein Bruch in dem einen spiegelt sich unweigerlich und in kurzer Zeit im anderen wider. Darauf weisen wir häufig hin.

Beginnen wir vorerst mit einer interessanten, aber beängstigenden Frage: „Wird Europa aus diesem Durcheinander unter der Führung Deutschlands als Weltmacht hervorgehen?“

Diese Frage stellt der emeritierte Prof. Dr. Frank Deppe, ein brillanter Schüler von Prof. Dr. Wolfgang Abendroth – einem einflussreichen linken politischen Philosophen und Gründervater der Marburger Schule, der von den 1950er bis in die 1990er Jahre wirkte – in einem neuen Artikel. Der Politikwissenschaftler, der trotz seiner 84 Jahre weiterhin intellektuell produktiv ist, analysiert unsere chaotische Tagesordnung und erinnert daran, wie das Europa der Deutschen in einer Zwickmühle feststeckt und auf der Stelle tritt.

Er hat nicht unrecht. Deutschland brodelt, auch wenn man es nicht wahrhaben will. An diesem Wochenende finden in Sachsen-Anhalt, einem östlichen Bundesland mit über 2 Millionen Einwohnern, Landtagswahlen statt. Ganz Europa blickt auf dieses kleine Bundesland. Es wird nach einer Antwort auf die Frage gesucht, ob die als rechtsextrem abgestempelte AfD (Alternative für Deutschland) einen Stimmenanteil erreichen kann, der ihr eine Alleinregierung ermöglicht. Die jüngsten Umfragen zeigen, dass die AfD zwar konkurrenzlos ist, ihr aber noch ein bis zwei Prozentpunkte fehlen, um die Landesregierung alleine zu bilden.

Es mag sein oder auch nicht. Aber es steht eine neue Partei zur Debatte, der – nach Ansicht mancher – gute Chancen eingeräumt werden, mindestens 42 Prozent der Stimmen zu erhalten, und die von einigen als „Nazi-Partei“ bezeichnet wird.

Ganz so ist es nicht.

Die AfD kann als eine zunehmend radikalisierte christdemokratische Partei betrachtet werden. Zweifellos hat sie faschistoide Züge.

WENN BERLIN HUSTET, BEKOMMT ANKARA DANN EINE LUNGENENTZÜNDUNG?

Die Entwicklungen in Deutschland sind eine „Willkür“, die die Türkei sehr eng betrifft. Dieses alte Wort hat hier nichts mit Freude zu tun, sondern mit der Definition des gegenwärtigen Zustands. Das wachsende Deutschland ist für die Türkei der wichtigste externe Verbindungsknotenpunkt im Weltsystem. Das gilt uneingeschränkt für Europa und die NATO. Das weiß auch die türkische Diplomatie sehr genau.

Wie wirkt sich der Aufstieg der AfD auf die Türkei aus? Ein riesiger Unterschied wird sich nicht ergeben.

Die AfD, in der sich derzeit auch neofaschistische Strömungen verbergen, unterscheidet sich von der etablierten Rechten, also der gesamten politischen Klasse, nur in zwei Punkten.

Erstens: Die Politik gegenüber den „Bio-Deutschen“ in der prekären Armut – oft, wenn auch nicht ganz korrekt, als „Prekariat“ bezeichnet – ist etwas gewürzt. Um das „einheimische Prekariat“ bei der Stange zu halten, wird auf Migranten eingedroschen. Es wird vorgeschlagen, Migranten – insbesondere jene global vom Schicksal getroffenen Ausländer, die vor Armut fliehen und im deutschen Sozialversicherungssystem Zuflucht suchen – zu behindern und ihren rechtswidrigen Aufenthalt im Land zu beenden: Die AfD betreibt „Anti-Migrations-Propaganda“. Auf diese Weise baut sie eine Massenbasis in der Mehrheitsgesellschaft auf.

Zweitens: Andererseits spricht sie die Führungsschichten an, insbesondere das in Schwierigkeiten steckende, verarbeitende Industriekapital. Sie schlägt vor, die Spannungen und Konflikte mit Russland zu beenden und wieder Energie von dort zu beziehen. Die AfD glaubt, auf diesem Weg die heimische Schwerindustrie schützen zu können. Doch die Nachrichten, vor allem von VW, sind schrecklich. Der Zusammenbruch und die Abwanderung sind nicht aufzuhalten.

Mit diesen Unterschieden ist die AfD eine neoliberal besessene rechte Partei, aber derzeit auch die größte Partei des Landes. Ist die Lage in Frankreich, Italien und Großbritannien anders?

Diese Partei, die versucht, durch das Schüren des deutschen Nationalismus den Glauben zu verbreiten, dass die aufgestauten wirtschaftlichen Probleme gelöst werden können, um eine Massenbasis zu gewinnen, ist vom finanzlastigen Establishment zur Dämonisierung auserkoren worden.

Tatsächlich ist die „Abwanderung der Fabriken“ aufgrund der fehlenden günstigen Energie die einzig vernünftige Lösung für Sektoren wie den Maschinenbau, die Automobilindustrie, Chemie, Medizin und Biotechnologie. Die Kosten für 1 Kilowattstunde Energie in Deutschland liegen brutto bei 35,6 Cent. In Italien und Großbritannien sieht es nicht viel anders aus. Frankreich kann Energie 12 Cent günstiger beziehen als Deutschland. In den USA kostet die gleiche Menge Energie 18,3 Cent, in China 6,7 und in Indien 6,3 Cent. In der Türkei ist sie mit 6,6 Cent ebenfalls vergleichsweise sehr niedrig. (Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, ob die Investitionen, die ins Ausland abwandern, sich auch auf die günstigen Energiekosten in der Türkei ausrichten könnten. Aber sie werden nicht kommen.)

Wie dem auch sei..

WIR SIND AUF EIN UNHEIL ZUGERITTEN, WIR GEHEN...

Dass die energieintensive Schwerindustrie in Deutschland nicht abwandert, ist angesichts dieses Bildes unmöglich. In diesem Zusammenhang gewinnt auch die Entschlossenheit des deutschen Kanzlers Friedrich Merz, die größte konventionelle Armee Europas aufzubauen, eine zusätzliche Bedeutung. Diese Abwanderungen müssen geschützt und die Kapitalrenditen durch gestreute Investitionen in großem Maßstab garantiert werden.

Womit kann man das außer mit militärischer Macht schützen?

Niemand hat gehört, dass die AfD Einwände gegen den Aufrüstungswahn der aktuellen Regierung hätte.

Doch die antirussische Militarisierung könnte Europa schwer erschüttern. Gegenseitige Konsulate und Kulturzentren werden bereits geschlossen. Ziele werden benannt. Die Lage ist ernst.

Wir müssen eines klar sagen: Außer dem BSW, Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht – wobei es der Fairness halber wichtig ist, auch Sevim Dağdelen hinzuzufügen – gibt es niemanden, der sich diesem Wahnsinn der Aufrüstung und Militarisierung der Gesellschaften entgegenstellt. Es wird intensiv daran gearbeitet, dass dieses Team bei den Wahlen unter der 5-Prozent-Hürde bleibt.

Nun denn.

Am Sonntagabend, dem 6. September, wird Europa gebannt auf Deutschland blicken. Man wird darauf schauen, wie es um den „Schwanz des Kalbes“ steht, der gerade unter Druck gesetzt wird. Aber der eigentliche Bruch könnte am 20. September bei den Wahlen in den zwei östlichen Bundesländern erfolgen.

Wenn er bricht, wird das zuerst die Türkei erschüttern.

Warum?

Könnte es daran liegen, dass die Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland so eng miteinander verwoben sind wie mit keinem anderen Land/Staat?

Wir haben eingangs auf das „Durcheinander“ und den Ehrgeiz des Europa der Deutschen, eine Weltmacht zu werden, hingewiesen. Genau dieses „Durcheinander“ könnte völlig außer Kontrolle geraten. Es könnte unlenkbar werden. Solche Kalkulationen haben auf diesem alten Kontinent bereits zu schrecklichen Dingen geführt, und seit 36 Jahren gibt es keine Gegenkraft, die diesen Korridor der Angst erhellen könnte.

Wir sind auf ein Unheil zugeritten, wir gehen...