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Das Erbe der Jungtürken und die Republik

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Veröffentlicht: 06.11.2026 06:00

Der Versuch, den Entwicklungsprozess der Türkei mit westlichen Schablonen zu erklären und zu verstehen, führt bei denjenigen, die dies tun, angesichts der tatsächlichen Entwicklungen oft zu Verwirrung. Eine Analyse der Gründe für den Zerfall eines multinationalen Reiches, das die Industrielle Revolution nicht erlebt hat, beim Zusammenbruch in einen halbkolonialen Status geriet und dessen theokratische Züge – auch wenn es nicht vollständig nach religiösen Regeln regiert wurde – im Vordergrund standen, ohne die wirtschaftlichen, politischen, militärischen, sozialen, kulturellen und geografischen Dimensionen zu berücksichtigen, führt zu völlig falschen Ergebnissen. Wer das Osmanische Reich und die Republik Türkei aus einer westlichen, westlich orientierten, fast schon orientalistischen Perspektive betrachtet, irrt sich gewaltig. Dass sich unter denjenigen, die diesen Fehler begehen, auch Schriftsteller, Zeichner, Wissenschaftler und Journalisten aus diesem Land befinden, ist zudem nachdenklich stimmend. Denn dieses falsche Verständnis bringt es mit sich, dass der Befreiungs- und Gründungsprozess der Republik, die unter der Führung von Mustafa Kemal Pascha von jenen militärischen und zivilen Bürokraten gegründet wurde, die in der Endphase des Reiches versucht hatten, es zu retten und zu erhalten, nicht korrekt erfasst wird. Das Ergebnis ist ein Typus von Intellektuellen(!), der versucht, die politische, wirtschaftliche, militärische, soziale und kulturelle Struktur der Türkei innerhalb des Entwicklungsschemas des Westens zu verstehen, und der darüber erstaunt und wütend ist, warum Konzepte wie Industrialisierung, Bürgertum, nationaler Markt, Nationalstaat, Demokratie, Urbanisierung, Arbeiterklasse, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit nicht so entstanden sind oder nicht so umgesetzt wurden wie im Westen. Dieser Typus von Intellektuellen/Intellektuellen verfällt zudem in einen anachronistischen Fehler, indem er die Vergangenheit mit aktuellen Werten beurteilt und verurteilt und es sich leicht macht, dies als Fehler der Republik darzustellen, wobei er die Republik in seinem Kopf nummeriert.

Wenn man darüber nachdenkt, was die Republik vom Osmanischen Reich übernommen und was sie abgelehnt hat, muss man beide Strukturen unter Berücksichtigung ihrer eigenen spezifischen Bedingungen, der damaligen Umstände und der damaligen Kräfteverhältnisse bewerten. Zum Beispiel wurde der Osmanische Staat als ein Balkan-Reich geboren und hat sich so entwickelt. Bis zum 16. Jahrhundert war die Mehrheit seiner Bevölkerung nicht muslimisch, aber die Ideologie des Staates wurde als Islam akzeptiert und es wurde im Namen des Islam gekämpft. Auf dem Balkan wurden Bosniaken und Albaner dank der Osmanen in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts muslimisch. Die Sprache der Verwaltung und der Armee ist Türkisch. Trotz der Janitscharen aus der Knabenlese gelang es der Armee, die türkische Sprache und Identität zu bewahren. Unter den Bürokraten gab es sehr viele Griechen und Armenier, deren Zahl im 19. Jahrhundert noch weiter zunehmen sollte.   

Die Berücksichtigung der außergewöhnlich weiten Geografie, über die sich das Reich erstreckte, sowie der Untertanen unterschiedlicher Religionen, Sprachen, Konfessionen und ethnischer Herkunft erleichtert es auch, die Regierungsphilosophie des Staates zu verstehen. Es ist kein Zufall, dass nach der Eroberung Istanbuls das Erbe von Rom und Byzanz übernommen und deren Institutionen in den Körper des Reiches integriert und verinnerlicht wurden. Denn das Osmanische Reich war ein Staat, der durch Expansion überleben konnte und in jedem Bereich, von der Politik bis zur Finanzwirtschaft, vom Militärwesen bis zur Landwirtschaft, expandieren musste. Als dieser Prozess mit der Belagerung von Wien zum Stillstand kam, begann auch die Stagnation. Man muss das Bestreben der osmanischen Führungsschicht, die türkische Identität im ethnischen Sinne nicht nur nicht in den Vordergrund zu stellen, sondern sie sogar auszuschließen, als den Versuch des Sultans sehen, der Sultan und Padischah aller Untertanen zu sein, ungeachtet von Religion, Konfession oder Rasse. Dass von den drei Wesiren von Kanuni Sultan Süleyman (Süleyman dem Prächtigen) Ibrahim Pascha griechischer, Rüstem Pascha bulgarischer und Sokollu Mehmet Pascha slawischer Herkunft waren, also vom Christentum konvertierte Devshirme, zeigt das Regierungsverständnis der erfolgreichen Padischahs in den glanzvollen Perioden des Reiches. Es ist bekannt, dass Sokollu Mehmet Pascha seine Beziehungen zu seinem Bruder, einem christlichen Priester in Bosnien, auch nach seiner Ernennung zum Wesir aufrechterhielt; ebenso ging Mimar Sinan, der ebenfalls ein Devshirme war, als Architekt von Kanuni Sultan Süleyman in die Geschichte ein. Es ist unerlässlich, die starken und angesehenen Perioden des Reiches zusammen mit dem damaligen Kräftegleichgewicht, der Staatsstruktur, dem Regierungsverständnis und dem Führungskader zu bewerten. 

Die Gründe für die Stagnation, den Niedergang und den Zusammenbruch des Osmanischen Reiches können nicht allein mit internen Dynamiken erklärt werden. Ohne die Berücksichtigung der externen Dynamiken, der regionalen und globalen Entwicklungen, der geografischen Entdeckungen, der Französischen Revolution, der Industriellen Revolution, der Kämpfe um Kolonien und Märkte, der Renaissance, der Reformation und der Aufklärung, der technologischen Durchbrüche und der Entwicklungen im Militärwesen können die Gründe für den Zusammenbruch nicht korrekt dargelegt werden. Zum Beispiel zeigen sich die politischen Folgen des 1838 zwischen dem Osmanischen Reich und England unterzeichneten Handelsvertrags von Balta Limanı sowohl im Tanzimat-Edikt von 1839 als auch im Reform-Edikt (Islahat Fermanı) von 1856. Genauso wie sich die politischen und wirtschaftlichen Folgen der ersten Auslandsschulden, die 1854 aufgrund des Krimkrieges aufgenommen wurden, im Muharrem-Dekret von 1881 und der daraufhin gegründeten Verwaltung der Duyun-u Umumiye (Staatsschuldenverwaltung) zeigen. Nur zwei Jahre nach der Verkündung der Ersten Verfassung (Meşrutiyet) im Jahr 1876 löste Padischah Abdülhamit 1878 das Parlament (Meclis-i Mebusan) auf und die Ära des Absolutismus (Istibdat) begann. Mit der Verwaltung der Duyun-u Umumiye erreichte die Kontrolle ausländischer Staaten über die Wirtschaft ihren Höhepunkt; das Osmanische Reich überließ die Verwaltung seiner wirtschaftlichen Aktivitäten der Kontrolle ausländischer Länder, um die Schulden zu begleichen, und die wirtschaftliche Unabhängigkeit des Staates ging verloren. Ohne diese Fakten zu sehen, ist es unmöglich, die Geschichte zu verstehen. Die türkische Geschichte so zu lesen, als würde man die amerikanische, englische oder französische Geschichte lesen, erschwert es, das Gestern zu verstehen, das Heute zu interpretieren, das Morgen zu planen und sich auf die Zukunft vorzubereiten. Man muss die Tanzimat-Anhänger, die Jungen Osmanen, die Jungtürken und die İttihatçı (Mitglieder des Komitees für Einheit und Fortschritt) unter ihren eigenen Bedingungen bewerten. 

DIE GROSSEN JAKOBINER UNSERER GESCHICHTE: DIE İTTİHATÇI 

Şevket Süreyya Aydemir schreibt in seinem dreibändigen bedeutenden Werk „Enver Pascha“, dass Enver Pascha, als am 23. Juli 1908 die Zweite Verfassung verkündet wurde, in Tikveş eine Rede vor dem Volk hielt und sagte: „Ich habe den Kranken geheilt“. Aber Enver Pascha irrte sich. Denn es war nicht mehr möglich, den Kranken zu retten. Auch die europäischen Hauptstädte, die die Jungtürken gegen den Padischah unterstützten, zogen ihre Unterstützung zurück, sowohl um zu verhindern, dass sich das Osmanische Reich wieder erholt, als auch um zu verhindern, dass die Bewegung Einfluss auf ihre eigenen Kolonien ausübt; darüber hinaus begannen sie mit allerlei Verleumdungskampagnen gegen die Jungtürken und die İttihatçı. 

Doch so wie der Tod von 400.000 französischen Soldaten während Napoleons gescheitertem Moskau-Feldzug keinen Schatten auf die Größe Napoleons wirft, so schmälern auch die Fehler und Irrtümer von Enver Pascha nicht seinen Anspruch, seinen Patriotismus, seine Größe und sein Heldentum. Enver Pascha kann zu Recht kritisiert werden – wegen des Zeitpunkts und der Art und Weise unseres Eintritts in den Ersten Weltkrieg, wegen der Notwendigkeit und des Zeitpunkts der Eröffnung der Front in Sarıkamış und der dort erlittenen Niederlage, wegen der Übergabe des Oberbefehls über die Armee in Çanakkale an die Deutschen und wegen der noch stärkeren Einmischung der ohnehin schon stark politisierten Armee in die Politik. Enver Pascha muss natürlich hinterfragt werden, wenn man bedenkt, dass die Verlängerung des Krieges in Çanakkale und damit die Zunahme der Verluste von England und Frankreich zwar Deutschland nützte, aber die Last für das Osmanische Reich erhöhte, ohne dass er den notwendigen Schritt unternahm. Während die Hohe Pforte (Bab-ı Âli) im Ersten Weltkrieg 2,8 Millionen Menschen zum Militärdienst einzog, darf nie vergessen werden, dass Mustafa Kemal Pascha den Nationalen Befreiungskampf mit 120.000 Menschen zum Sieg führte; die von den Balkan-Komitees beeinflusste Struktur und Denkweise des Komitees für Einheit und Fortschritt (İttihat ve Terakki) muss unbedingt diskutiert werden. Dennoch muss man in einer Zeit, in der sehr intensive Kritik, ja mehr als Kritik, Beleidigungen und Angriffe gegen die İttihatçı-Führer, allen voran Enver Pascha, geübt werden, die İttihatçı-Führung unter Berücksichtigung des Umfelds, in dem sie aufwuchs, der Situation des Landes und der Welt sowie unter den objektiven Bedingungen der damaligen Zeit bewerten. 

Für Enver Pascha können aufgrund seiner politischen Linie, die von der deutschen Parteinahme bis zum Türkismus reichte, von der Revolution, an der er als Vertreter der unterdrückten Völker auf dem Kongress der Völker des Ostens teilnahm, bis zur Organisation der Basmatschi-Bewegung in Zentralasien, deren islamistische Ausrichtung überwog, um einen Aufstand zu machen, Attribute wie „widersprüchlich, inkonsequent, abenteuerlustig, unüberlegt, phantastisch, romantisch“ verwendet werden. Doch derselbe Enver Pascha hat Beiträge zur Verjüngung der Armee und zur Steigerung ihrer technologischen Stärke geleistet. Obwohl osmanisches Gebiet aufgrund seiner Nähe zu den Deutschen damals von den Deutschen „Enverland“ genannt wurde, ist Enver Pascha ein Kommandant, dessen Ehrlichkeit und Vaterlandsliebe nicht bezweifelt wurden. Man darf nicht vergessen, dass die externen Faktoren jener Zeit entscheidender waren als die Unvorbereitetheit und Unerfahrenheit von Enver Pascha und den anderen İttihatçı-Führern. Die objektiven Bedingungen der Zeit, der erstarkende und sich ausbreitende Einfluss der Nationalismusbewegung, die Aufteilung des Reiches unter den Großmächten und die Tatsache, dass die Fronten vor dem unvermeidlichen Ersten Weltkrieg bereits festgelegt waren, erschwerten die Arbeit der İttihatçı. Denn die größte Kriegsbeute, die auf dem Spiel stand, war das Osmanische Reich. 

Man darf die Kontinuität der Geschichte nicht außer Acht lassen. Die Erneuerungsbemühungen von Sultan Selim III., der nach Lösungen für den schlechten Lauf der Dinge suchte, sowie die bildungsbasierten Reformbewegungen seines Neffen Sultan Mahmut II. haben, auch wenn sie unterbrochen wurden, eine gewisse Infrastruktur vorbereitet. Dass diejenigen, die sich gegen das absolutistische Regime (Istibdat) stellten, überwiegend in den Schulen ausgebildet wurden, die während der Regierungszeit von Sultan Mahmut II. eröffnet wurden, wird als Wirkung des Bildungsvorstoßes gewertet. Andererseits versuchte auch Sultan Abdülhamit, dessen Name mit dem Absolutismus verbunden ist, die Lebensdauer des Staates zu verlängern, indem er versuchte, die Widersprüche zwischen den westlichen Zentren, die Interessenkonflikte und die damaligen Machtverhältnisse zu nutzen. Doch diese Bemühungen haben das unvermeidliche Ende nur verzögert, nicht verhindert. 

Auch die İttihatçı hatten es schwer. Die Bedingungen waren schwierig. Der Prozess verlief zum Nachteil des Osmanischen Reiches. In der Zeit, als das Osmanische Reich schwach wurde, nahm im 19. Jahrhundert der Einfluss von England und Frankreich auf das Reich zu. England versuchte, Privilegien für die Reiserouten zu erhalten, Frankreich versuchte, England daran zu hindern, und Russland versuchte, in diese Region einzudringen. Der Kapitalismus war in die Phase des Imperialismus eingetreten. Die Interessenkonflikte zwischen den imperialistischen Zentren und die Tatsache, dass sie sich nicht entscheiden konnten, wer Istanbul behalten sollte und wie dessen Zukunft aussehen würde, haben die Lebensdauer des Staates für eine gewisse Zeit verlängert. Doch der Zusammenbruch und die Zersplitterung waren unvermeidlich. 

Man darf nicht vergessen, dass es im Prozess, der zur Zweiten Verfassung führte, große Kämpfe, wichtige Vorstöße und Gegenvorstöße, intensive Suchen und ernsthafte Umwälzungen gab. Das Komitee für Einheit und Fortschritt war ein bedeutender Widerstand gegen die Situation, in die das Reich geraten war, gegen die Unterwürfigkeit derer, die den Staat regierten, gegen die Kapitulation vor ausländischen Mächten und gegen den Einfluss und die Macht der europäischen Staaten auf die Hohe Pforte. Es war eine ernsthafte Reaktion, ein „Nein“. Es war ein Aufstehen. Es war eine Suche nach Lösungen in jenen hoffnungslosen Bedingungen, ein wenig aus Verzweiflung. Auch die schrittweise Loslösung Mazedoniens hat dieser Bewegung zweifellos Schwung verliehen. Die Organisation, die 1889, also im 100. Jahr der Französischen Revolution, von fünf Studenten der Militärmedizinischen Akademie gegründet wurde, traf im weiteren Verlauf auf die Schüler der Harbiye (Militärakademie) und Mülkiye (Verwaltungsakademie), den beiden anderen Lokomotivschulen und Schulen der türkischen Revolution und Aufklärung, und bot die Grundlage und Führung für sehr wichtige Diskussionen, Suchen und Aktionen. Das Komitee für Einheit und Fortschritt, eine Bewegung der Schüler, war in der Organisation sehr erfolgreich. Die Gesellschaft, die sich anfangs wie eine echte Geheimorganisation organisierte und mit der Übernahme der Führung durch Talat Pascha einen großen Sprung in dieser Hinsicht machte, verbreitete sich schnell und wurde mächtig. Die Macht von Talat Pascha, der so patriotisch war, dass er sagte: „Ich möchte das Land des Vaterlandes essen“, in der Organisation und sein Beitrag zur Jungtürkischen Revolution sind groß. 

DIE VERKÜNDUNG DER FREIHEIT (İLAN-I HÜRRİYET)

Das Komitee für Einheit und Fortschritt hat mit seinen Verdiensten und Sünden die Jungtürkische Revolution von 1908 vollzogen, und auch wenn die Revolution ihr Ziel nicht vollständig erreicht hat, hat sie für ihre Nachfolger ein großes Erbe und eine große Erfahrung hinterlassen. Die ersten Beispiele einer nationalen Wirtschaftspolitik wurden artikuliert. Der Populismus wurde als Politik auf die Tagesordnung gesetzt. Man kann diese Bemühungen nicht als nicht-muslimfeindlich bezeichnen, aber es wurde das Ziel verfolgt, die muslimisch-türkische Bevölkerung, die das grundlegende und konstituierende Element war, stärker einzubeziehen, an der Produktion zu beteiligen und zu mobilisieren. Die Aufhebung der Kapitulationen kam auf die Tagesordnung und wurde am 9. September 1914 aufgehoben. Die Gründung nationaler Unternehmen, die Kontrolle des Binnen- und Außenhandels, Genossenschaften und die Industrialisierung wurden in den Vordergrund gestellt. Zweifellos ist die kemalistische Revolution auf diesem Vorstoß, auf dieser Infrastruktur aufgebaut. Die geistigen Grundlagen der Republik wurden mit der Zweiten Verfassung gelegt, ihre Gründungskader wurden in dieser Zeit ausgebildet und haben aus dieser Zeit die notwendigen Lehren gezogen. Unter den organisierten Strukturen in der Endphase des Reiches kam die intensivste, stärkste und willigste Unterstützung und Beteiligung am Nationalen Befreiungskampf von den İttihatçı-Kadern. Auch wenn er nicht zum Führungskader gehörte, war auch Mustafa Kemal ein Mitglied des Komitees für Einheit und Fortschritt. Trotz aller Widersprüche zwischen Mustafa Kemal und den Führern der Organisation, insbesondere den Bemühungen von Enver Pascha gegen Mustafa Kemal Pascha, trotz mancher verletzender, herabwürdigender Worte und Briefe, ist aus dem Mund von Atatürk kein einziges Wort gegen das Komitee für Einheit und Fortschritt gekommen. 

Die Jungtürkische Bewegung und das Komitee für Einheit und Fortschritt als eine von oben herab verordnete, elitäre, jakobinische, vom Volk entfremdete Bewegung zu sehen, ist ein zu reduktionistischer und verzerrter Ansatz. Die Jungtürkische Revolution, von der bekannt ist, dass sie von der Französischen Revolution von 1789 inspiriert war, hat auch Nähe, Ähnlichkeit und Verwandtschaft mit der Russischen Revolution von 1905, der Iranischen Revolution von 1905, die in der Geografie der unterdrückten Völker stattfand, der Mexikanischen Revolution von 1910 und der Chinesischen Revolution von 1911. Man darf nicht vergessen, dass sich neben den Freiheitsforderungen vor 1908 aufgrund der sich verschlechternden Wirtschaft und der zusammenbrechenden sozialen Ordnung in Anatolien eine ernsthafte Reaktion aufgestaut hatte und es stellenweise zu Steueraufständen kam. Diese spielen auch eine wichtige Rolle bei der Bildung der Volksbasis der Zweiten Verfassung und bilden eine ernsthafte Massenunterstützung im Hintergrund. Tatsächlich ist das große Interesse, das die İttihatçı, die im Mai 1908 in Aktion traten, in kurzer Zeit eine wichtige öffentliche Meinung bildeten, und das große Interesse, das das Volk Resneli Niyazi Bey entgegenbrachte, als er mit seinen 400 Männern in die Berge ging, der Beweis dafür. Die Begeisterung auf den Straßen, als am 23. Juli in Manastır und Rumelien die Verfassung verkündet wurde, ist wichtig. Neben der Aktion der İttihatçı zwang auch die Unterstützung des Volkes für die Aktionen Sultan Abdülhamit in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli dazu, die Verfassung auf dem Territorium des Reiches zu verkünden. Diese Feststellung von Halide Edip Adıvar, die schrieb, dass „am 24. Juli im Osmanischen Reich kein einziges Verbrechen begangen wurde“, ist ein wichtiger Indikator für die Größe der Begeisterung im Volk und die optimistischen Erwartungen an die Zukunft. Auf den Begeisterungsausbruch am 25. Juli folgte mit der Aufhebung der Zensur in der Presse eine „Presse-Explosion“. Während es Anfang 1908 120 periodische Publikationen gab, erreichte diese Zahl in den ersten 7 Monaten 750, und auch die Auflagen stiegen sprunghaft an. 

Neben der Presse gab es auch in der Kunst, in der Literatur, bei den Frauenrechten (in der Rumelien-Organisation des Komitees für Einheit und Fortschritt gab es 40 weibliche Mitglieder), in der Organisation und in den Arbeiterbewegungen sowohl qualitativ als auch quantitativ einen großen Schwung. Auch die Erwartungen der Bauern an eine Landreform sollten nicht vergessen werden. Es ist kein Zufall, dass neugeborenen Kindern die Namen Niyazi und Enver gegeben wurden. Die Namen von Enver Hoxha in Albanien und Anwar as-Sadat in Ägypten stammen von Enver Pascha, und der Name von Gamal Abdel Nasser in Ägypten stammt von Cemal Pascha. Unser berühmter Soziologe Niyazi Berkes und sein Bruder Enver Berkes sind die ersten Beispiele, die einem in den Sinn kommen. In Ohrid, Manastır und Resne hält dieser Einfluss bis heute an. Zum Beispiel heißt der ehemalige Honorarkonsul der Türkei in Manastır Mithat Enver Cemal. 

DIE REPUBLIK UND DAS ERBE, DAS SIE ÜBERNOMMEN HAT

Das historische Erbe, das die Republik im Gründungsprozess übernommen hat, das kulturelle Wissen und die Lehren, die sie daraus gezogen hat, basieren auf der Endphase des Osmanischen Reiches, insbesondere auf der Jungtürkischen Revolution. Ohne zu verstehen, was die Erneuerungs- und Verwestlichungsbewegungen im Osmanischen Reich, die Bemühungen zur Konsolidierung, die Tanzimat-Anhänger, die Jungen Osmanen, die Jungtürken und die İttihatçı anstrebten, was sie wie taten und warum sie manches nicht tun konnten, ist es nicht einfach, die Republik zu verstehen. Die Zweite Verfassung, die Tarık Zafer Tunaya als „ein politisches Labor“ für die Republik bezeichnete, hat die Republik mit ihrer Vorbereitungszeit, ihrem geistigen Anspruch und ihren Kadern in jeder Hinsicht tiefgreifend beeinflusst und Spuren hinterlassen. Um zu begreifen, was an die Republik übertragen wurde, die einerseits als radikaler Bruch und andererseits als Kontinuität in der Geschichte charakterisiert wird, ist es unerlässlich, diesen Prozess sehr gut zu kennen, diese Kader sehr gut zu kennen und diese Zeit sehr gut zu lernen, um zu wissen, was die Kader, die die Republik gründeten, übernommen und was sie abgelehnt haben. 

Mustafa Kemal, der die Zweite Verfassung nicht als Revolution, sondern als einen Umsturz betrachtete, der durch eine Reform (Inkılâp) vollendet werden musste, hat einerseits, wie er selbst sagte, „die Republik wie ein nationales Geheimnis in seinem Gewissen bewahrt“ und andererseits die geistigen Vorbereitungen für den Unabhängigkeitskrieg getroffen, den er beginnen würde. Ein Jahr vor 1908, im Jahr 1907, sagte er, dass das Ende des Reiches gekommen sei und jede Anstrengung, es am Leben zu erhalten, ein Verlust an Ressourcen, Zeit und Menschen sei. Er hat die Wahrheit und die Zukunft gesehen. Im Gegensatz zur Phantasterei, Romantik und Abenteuerlust der İttihatçı-Führer ist Gazi ein realistischer, rationaler und entschlossener Revolutionär, der die Rechnung nie aus der Hand gibt. Natürlich ist er pragmatisch. Er analysiert die Gleichgewichte im Land, in der Region und in der Welt sehr gut und stellt das Gleichgewicht von Kraft, Zeit und Raum, die grundlegenden Elemente der Strategie, sehr korrekt her. Er ist sich der Bedeutung der Harmonie zwischen den Elementen der Macht, den politischen, wirtschaftlichen, militärischen und soziokulturellen Kräften, bewusst. Er unterscheidet sich sowohl von den anderen führenden Intellektuellen der Zeit als auch von den Kadern, die im Krieg an seiner Seite sein werden. Er sieht nicht nur den Horizont, sondern auch das, was hinter dem Horizont liegt. Während Namık Kemal, Yahya Kemal und Fuat Köprülü, wichtige Namen der Jungtürken, für die arabischen Buchstaben waren, sofern sie reformiert würden, hatte Mustafa Kemal schon damals die lateinischen Buchstaben im Kopf. Während ein bedeutender Teil der Intellektuellen nicht einmal von der Abschaffung des Sultanats und des Kalifats zu träumen wagte, war Mustafa Kemal ein Republikaner.  

Zum Beispiel hat Mustafa Kemal die Jungtürkische Revolution und die Zeit danach, in der das türkische Element stärker in den Vordergrund gerückt wurde, während der Staat im Osmanischen Reich nicht den Namen eines Landes, einer Heimat, eines Vaterlandes, sondern den Namen einer Dynastie trug, sehr gut analysiert. In einer Geografie, in der das Geschlecht der Osmanen dem türkischen Element nicht sehr sympathisch gegenüberstand, es nicht mit lobenden Worten erwähnte, sondern es sogar als „Etrak-ı bi idrak“ (die unbegreiflichen Türken) verachtete, hat er das türkische Element immer in den Vordergrund gestellt und betont. Dass er nach Beginn des Befreiungskrieges die Türken erhob, den Bauern, der Steuern zahlte, Militärdienst leistete, das Reich ernährte, aber nie beachtet wurde, mit den Worten „Der Bauer ist der Herr der Nation“ in den Vordergrund stellte, und dass er mit den Worten „Wie glücklich derjenige, der sagt: Ich bin Türke“ und „Das Volk der Türkei, das die Republik Türkei gegründet hat, nennt man die türkische Nation“ auf die Staatsgründung und die staatsbürgerliche Bindung aufmerksam machte, ist wichtig. 

Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind in der Türkei nicht als Ergebnis des Kampfes zweier zeitgenössischer, städtischer, rationaler und produktiver Klassen entstanden, die mit der Industriellen Revolution entstanden sind, also des Bürgertums und des Proletariats. Sie haben sich nicht im normalen Verlauf der Geschichte, in ihrem natürlichen Fluss ereignet. Der Kampf um Rechte und Gesetze, der Kampf um die Souveränität hat die Republik nicht hervorgebracht. Im Gegenteil, die Republik hat die nationale Souveränität, die Demokratie und das Recht hervorgebracht. Die Grundprinzipien des Staates wurden nicht als Ergebnis eines Machtkampfes im Land festgelegt und institutionalisiert, sondern durch einen Krieg (gleichzeitig ein Bürgerkrieg) gegen den westlichen Imperialismus und seine Kollaborateure im Inneren und eine gleichzeitig umgesetzte Revolution. Kurz gesagt, bei uns ist die Demokratie das Kind der Republik, und um die Republik zu verstehen, braucht man zwei Schlüsselwörter: Krieg und Revolution. Der Krieg ist ein antiimperialistischer Krieg, der auch eine Bürgerkriegsdimension hat. Die Revolution ist eine Souveränitätsrevolution. Es ist die Änderung der Definition, der Wurzel, der Quelle und der Funktion der Souveränität. Es ist die Herabholung vom Himmel auf die Erde, die Herauslösung aus dem Göttlichen, Spirituellen, Religiösen und die Umwandlung in etwas Weltliches, Laizistisches, die Wegnahme von einer Person und die Übertragung an die Nation. 

Wenn man bedenkt, dass der Begriff „Türke“ in der Zeit des Reiches eher von westlichen Verwaltern und Schriftstellern verwendet wurde, versteht man, wie bedeutungsvoll nicht nur das Wesen, sondern auch der Name und die Sprache des türkischen Staates sind. Es ist offensichtlich, dass sowohl die İttihatçı als auch Mustafa Kemal sensibler und respektvoller gegenüber denjenigen waren, die diese Geografie zur Heimat machten, sie als Heimat betrachteten und sie als Heimat kannten. Mehr noch: Mustafa Kemal führte bei der Gründung der Republik eine Revolution an, indem er sich von der rassischen Herkunft löste und die Umwandlung des Untertanen in einen Bürger, des Knechts in einen Staatsbürger vollzog. Der Prozess begann mit dem Aufstand eines Volkes, das sich bei der Staatsbildung zur Nation entwickelte und bei der Nationsbildung zum Staat wurde. Während eine Ansammlung von Menschen, die aus den Knechten des Padischahs bestand, mit der Republikanischen Revolution zur Gesellschaft, zur Nation wurde, hat Mustafa Kemal im Gegensatz zu den Jungtürken, die aus einer Koalition verschiedener Reformgruppen bestanden, ein in sich konsistentes und ganzheitliches Programm umgesetzt. Dies ist auch ein Grund dafür, warum Gazi Mustafa Kemal von Indien bis Algerien, von China bis zum Balkan große Bewunderung hervorgerufen hat. Wie Cavit Orhan Tütengil sagte, ist es wichtig, das Interesse der „unterdrückten Völker, die der zweite Vorname der dritten Welt sind“, an der Jungtürkischen Revolution und die Bewunderung für Mustafa Kemal richtig zu bewerten, nicht nur um die Vergangenheit zu verstehen, sondern auch um die notwendigen Lehren für die Gegenwart zu ziehen.    

LITERATURVERZEICHNIS 

Orhan Koloğlu, 1908 Basın Patlaması (Die Presse-Explosion von 1908), Istanbul, Bas- Haş, 2005. 

Orhan Koloğlu, Numaracı Cumhuriyetçiler (Die nummerierten Republikaner), Istanbul, Pozitif Yayınları, 2007. 

Şevket Süreyya Aydemir, Enver Paşa, Istanbul, Remzi Kitabevi, 1970. 

Dieser Artikel ist in dem Buch „Orhan Koloğlu Armağanı“ (Hrsg.: Orhan M. Çolak, İSAR Vakfı Yayınları, Istanbul, 2009) erschienen. 

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